Sterbefasten

Eine veritable Sterbekunst ist unverzichtbar

Ernst Liebhart

Von Ernst Liebhart (Grenzach)

Do, 18. Juni 2020

Leserbriefe

Zu: "Es braucht Todesmut", Beitrag von Sigrun Rehm (Politik, 6. Juni)
Dieser BZ-Beitrag verdient Dank und großen Respekt. Tod ist ja tabu. Und die Idee, ihn selbst zu "gestalten", gilt vielen als verwerflich. Es geht um Auflehnung gegen den Lebenszwang durch Unterlassung. Verzicht auf Essen und Trinken (FVET) ist seit je Begleiterscheinung und/oder Ursache des Sterbens bei Alten und Kranken. Schon bei manchen Tieren, die sich zurückziehen und so die Gesunden nicht belasten.

Wichtig: Wenn man fastet, entsteht nach zwei Tagen ein Hochgefühl. Und es gibt Möglichkeiten, ohne Qualen das Trinken einzustellen, das Durstgefühl zu bekämpfen (zum Beispiel Spray mit künstlichem Speichel), das Zahnfleisch zu behandeln. Versucht die Autorin Leser abzuschrecken? "Todesmut" – braucht den nicht auch eine Frau vor der Entbindung? Eine Pflegefachkraft, die sich infektiösen Schwerstkranken widmet?

Dann der Hinweis, FVET könne "bei einem Gesunden qualvoll" sein". Welcher "Gesunde" hört denn mit Essen und Trinken auf? Auch "Delir" ist übertrieben – es gibt Verwirrung, Sprach- und Gangstörungen, bald schon Lethargie. Meine Großmutter sang Marienlieder, zuletzt, kaum noch hörbar, "Meerstern, ich dich grüße". Über einen Bekannten hörte ich, er habe zuletzt noch aus dem Fenster schauen wollen und sei dort, gestützt, im Stehen gestorben.

Eindrucksvoll die Website der – im Artikel ausführlich zitierten – Chefin der Palliativmedizin am Uniklinikum Freiburg. Menschlich und kompetent. Dort wird die Lage der Fachrichtung deutlich: Die Klinik hat gerade mal zehn Betten. Die Direktorin, Frau Professor Dr. Gerhild Becker, hat eine Stiftungsprofessur der Deutschen Krebsgesellschaft inne (also nicht im Rahmen des Uni-Etats). Die einzige Professur für Palliativmedizin in diesem steinreichen Ländle. Mit Palliativmedizin ist nicht viel zu verdienen. Sehr lesenswert auch die Bücher von Michael de Ridder, einem bekannten Berliner Palliativarzt. Ja, wir bräuchten eine "Ars moriendi", eine Sterbekunst.

Jahrhundertelang war das eine Literaturgattung. "Lebenkönnen heißt Sterbenlernen", schrieb Karl Jaspers. Wohl dem, der einen Freund hat, der am Ende ein paar Tage lang öfter mal bei ihm vorbeischaut. Ernst Liebhart, Grenzach