Dorfschreiberin erfüllt ihr Versprechen

Volker Rothfuß

Von Volker Rothfuß

Mi, 03. Juli 2019

Eisenbach (Hochschw.)

Özlem Özgül Dündar erklärt in einem Workshop in Eisenbach, wie moderne Lyrik funktioniert und gibt Tipps für Neulinge.

EISENBACH-BUBENBACH. Um zu erfahren, wie ein modernes Gedicht entstehen kann, trafen sich sechs Interessierte zum Lyriknachmittag mit Dorfschreiberin Özlem Özgül Dündar. Bei der großen Hitze am Wochenende fand der Workshop glücklicherweise nicht im Kreativ Treff, sondern in einem nahgelegenen Schwarzwaldhaus in wohltemperierter Atmosphäre statt.

Eingeladen hatte der Förderkreis Kreatives Eisenbach, der sich zum Ziel gesetzt hat, Talente auf musischem und künstlerischem Gebiet zu fördern. So auch die 1983 in Solingen geborene Autorin Özlem Özgül Dündar mit türkischen Wurzeln. In Wuppertal hat sie Literatur und Philosophie studiert. Seit Mai lebt sie für drei Monate in Eisenbach. Mit diesem Nachmittag löste sie ihr Versprechen ein, in einem anspruchsvollen Umfang "mit dem Ort in Austausch über Literatur zu treten."

Am Anfang wurden einige zeitgenössische Gedichte gelesen und ausführlich besprochen, darunter kurze Werke von Barbara Köhler, David Krause, Sibylla Vricic Hausmann, Dragica Rajcic und anderen. Nach einer Pause konnte jeder Teilnehmer selbst den Versuch unternehmen, ein Gedicht zu verfassen.

Für den Zugang zu zeitgenössischer Poesie präsentierte Dündar ein Gedicht, das einen Trennungsschmerz behandelt, ein anderes spielte mit Worten und Bildern zu einer Szene aus einem Märchen, in dem ein Mensch die Kraft verliert, sich in einen Büffel zu verwandeln. Das nächste Poem drehte sich um das Beharrende und das Zulassen in einer Beziehung. Und in "Wolken" von David Krause wird ein Selbst vorgeführt, das seine Existenz mit einem "Schal um den Hals" trägt, während unter dem Ticken der Uhren die Orte seiner Kindheit ihre Existenz aufgegeben. Es war die Zeit, als "die Mutter den Schal" strickte, "groß genug für alle." Für die Teilnehmer ergab sich so eine gewisse Abwechslung und Vielfalt, aus der sie für ihren eigenen Versuch einen Nutzen ziehen durften. Klanglich und im Rhythmus unterschieden sich die Beispiele zum Teil erheblich.

Die Teilnehmer hatten die Qual der Wahl. Sollte man beim eigenen Entwurf den eher konventionellen Lyrik-Größen nacheifern oder sich doch lieber ins Lager der Besonderen begeben? Unter den zeitgenössischen Lyrikern gibt es zum Beispiel einige, die eine bewusst falsche Schreibweise verwenden, ähnlich der Legasthenie, oder Worte ohne Sinnzu-sammenhang aneinanderreihen. Die Auswahl an Besonderheiten ist groß. In dem von Dündar vorgestellten Gedicht etwa werden die Worte "und" und "nicht" durch Buchstaben ersetzt (u und n). Ferner umbricht sie ihren Text im Blocksatz, wie man es von jeder Zeitung her kennt. auf Satzzeichen verzichtet sie ganz. Das kleine Viereck aus Buchstaben, das mit "blicke schweifen" überschrieben ist, erhält dadurch eine Form, die allzu nüchtern und sachlich daherkommt.

Das Gefühl gibt den Anstoß

Dündar berichtete, wie sie an einem neuen Gedicht arbeitet. Den Anstoß gibt ihr ein Gefühl, ein Konflikt oder ein Satz, ein Gedanke. Die Zeilen entstehen am Computer und werden solange durchgearbeitet, bis kein überflüssiges Wort mehr enthalten ist. Auf diese Weise schafft sie eine Seite pro Tag. Zum Training liest sie Gegenwartslyrik.

Die in Leipzig beheimatete Stipendiatin arbeitet zurzeit an einem neuen Theaterstück. Eindrücke aus Eisenbach und seinen Teilgemeinden wie auch der Schwarzwald sollen als Bilder einfließen. Das Theater hat es ihr angetan: Im September feiert ihr erstes Bühnenstück in Leipzig Premiere.