Endstation war Bahlingen, wo der Staatenlose akzeptiert wurde und eine neue Heimat fand

Gerd Knab

Von Gerd Knab (Endingen)

Mi, 13. Mai 2020

Leserbriefe

Es gab auch Gefangene, denen es bei uns gut ging – von drei Fällen will ich berichten. Der erste Fall: Dem Gasthaus zur Sonne in Endingen, dem Landwirt, Winzer und "Sonnenwirt" Eugen Knab (Onkel von mir) war ein Franzose zugewiesen, Paul. Paul war anständig, korrekt, arbeitsam und beliebt, sodass er am gemeinsamen Essen teilnehmen durfte, was dem Ortskommandanten zugetragen wurde.

Eines Tages erschien er zur Essenszeit, schrie und brüllte: Meldung nach Karlsruhe und so weiter. Mein Onkel lehnte ab und sagte: "Wer anständig arbeitet, bekommt auch anständig zu essen, er bleibt bei uns am Tisch". Von Karlsruhe kam nichts. Der Krieg ging zu Ende, Paul kam gesund nach Hause. 1949 im Frühjahr ging ein Schrei durch das ganze Sonnen-Haus: "De Poll (Paul) isch do – de Poll isch do". Tatsächlich standen Paul mit Frau und zwei Kindern vor der Haustür. Sie waren gekommen, um sich für die gute Behandlung während der Gefangenschaft zu bedanken und die Familie Knab zur Kommunionsfeier nach Besançon einzuladen. Familie Knab ging gerne, und eine schöne Verbindung hielt lebenslang.

Zweiter Fall: Meinem Großvater Fritz Dold senior war der Rumäne Adrian zugeteilt. Er wurde gut behandelt, aufgrund seiner Aussage wurde die Entnazifizierung meines Großvaters beschleunigt. Aber auch er konnte nicht verhindern, dass die Franzosen seinen DKW-Mittelklassewagen requirierten und er sein Haus für den Ortskommandanten räumen musste. Alles lief höflich, aber bestimmt. Im Haus entstanden keinerlei Schäden. Bevor Adrian ging, hat er für Oma und Opa vom Sartori-Türmle als Dank ein sehr schönes Aquarell gemalt. Man hat ihm sicherlich erzählt, dass Omas Vater das marode Türmle neu gebaut hatte. Das Bild habe ich heute noch in Besitz.

Grundsätzlich kann man sagen, dass bei uns Übergabe und anschließende Besatzung glimpflich verliefen: keine Verhaftungen, keine Vergewaltigungen. In der größeren Schneiderwerkstatt meines andern Großvaters waren zwölf Marokkaner untergebracht, dabei gab es keinerlei Übergriffe, obwohl im Doppelhaus auch sieben Frauen und Mädchen wohnten.

Der dritte positive Fall ist aus Bahlingen: Der Vater meines Freundes Heinz Lisenko wurde als junger Soldat von 17 Jahren aus der Ukraine in die Deutsche Wehrmacht gesteckt und an der Ost- und Westfront eingesetzt. Als Heimat- und Staatenloser wurde er nach Kriegsende von den Häschern der französischen und russischen Armee gesucht, aber von mehreren deutschen Bauernfamilien im Umkreis erfolgreich gewarnt und versteckt.

Endstation war dann schließlich Bahlingen, wo er akzeptiert wurde und Unterschlupf sowie eine neue Heimat fand. Er gründete eine Familie, bekam zwei gesunde, erfolgreiche Kinder und war in Bahlingen glücklich und zufrieden.

Gerd Knab, Endingen