Erst gesperrt, dann siegreich

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

So, 10. Januar 2021

Skispringen

Die erstaunliche Achterbahnfahrt des Polen Kamil Stoch bei der 69. Vierschanzentournee der Skispringer.

Als alles vorbei war, als alle Last abgefallen war von ihm, als die Teamkollegen ihn wieder auf ihren Schultern trugen, zum dritten Mal schon in seiner Karriere in Bischofshofen: Da dachte Kamil Stoch nicht zuallererst an sich selbst. Er dankte vielmehr gleich seinen Trainern und Betreuern, weil sie zwei Tage und eine Nacht lang für ihn und seinen Start bei der 69. Vierschanzentournee gekämpft hatten.

Die Reise zu den vier Schanzen zwischen den Jahren bringt immer wieder neue, erstaunliche Geschichten hervor, und diese lautet, aufs Engste verdichtet: Erst flog er raus und dann auf und davon. Vor genau zwei Wochen wurde der 33-jährige Ausnahmespringer aus Polen gleich zum Tournee-Auftakt zusammen mit dem ganzen polnischen Team gesperrt. Er durfte gar nicht erst antreten zur Qualifikation am Startort Oberstdorf, denn sein Mannschaftskollege Klemens Muranka war positiv getestet worden auf das Coronavirus. Ganz Polen geriet in Schockstarre, der nächste glanzvolle Auftritt des Nationalteams ausgerechnet beim Highlight des Wintersports schien zu platzen. Politische Kanäle liefen heiß, sofort wurden Nachtests gemacht. Bei Muranka, aber auch bei allen anderen Skispringern aus Polen zeigten sie allesamt ein negatives Ergebnis. War auch Murankas erster Test also falsch-positiv gewesen?

Genau wird man es vielleicht nie mehr erfahren. Aber das zuständige Gesundheitsamt erteilte den Polen am Morgen vor dem ersten Wettkampf überraschend doch die Freigabe, und die aussichtsreichen Springer durften sich vom Bakken stürzen am Oberstdorfer Schattenberg. Rückwirkend erwies sich die Entscheidung als großes Glück, denn die sportliche Leistungsdichte wäre ohne das polnische Team weit geringer gewesen. Gleich vier Starter mit dem rot-weißen Flaggenemblem auf der Mütze landeten am Schlusstag der Tournee unter den besten Sechs der Gesamtwertung: Kamil Stoch (1.), Dawid Kubacki (3.), Piotr Zyla (5.) und Andrzej Stekala (6). Selten war ein Team so dominant.

Karl Geiger schafft’s noch auf Gesamtrang zwei

"Ich bin wirklich glücklich", sagte Stoch. "Ich habe vom ersten Tag an sehr konzentriert gearbeitet bei dieser Tournee." Aber dann dachte der beste Skispringer des vergangenen Jahrzehnts eben an diejenigen, denen er seinen dritten Gesamtsieg nach 2017 und 2018 entscheidend zu verdanken hatte. "Ich danke all meinen Trainern und Betreuern", erklärte er: "Alle im Team haben einen großartigen Job gemacht und ihr Bestes gegeben."

Auch für den deutschen Top-Starter Karl Geiger endete die deutsch-österreichische Reise versöhnlich. Nach seinem fulminanten Auftaktsieg in Oberstdorf war er in Innsbruck auf Rang 16 abgestürzt und schien schon fast chancenlos. Der Pole Dawid Kubacki und Weltcup-Spitzenreiter Halvor Egner Granerud aus Norwegen blieben in Bischofshofen dann aber hinter ihren Möglichkeiten zurück. Geiger hingegen glänzte vor allem im ersten Wertungsdurchgang mit einem Traumsprung auf 138 Meter und sicherte sich – vielleicht auch zu seiner eigenen Überraschung – am Ende noch Gesamtrang zwei. Nach der Tournee ging’s gleich weiter nach Titisee-Neustadt, wo heute um 16.30 Uhr noch ein Weltcup stattfindet.