BZ-Interview

Planetenforscher Köhler: Die Marsmissionen sind kein Wettrennen

Michael Saurer

Von Michael Saurer

So, 02. August 2020 um 09:30 Uhr

Panorama

Die USA, China und die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen bei ihren Missionen zum roten Planeten ganz unterschiedliche Ziele. Planetengeologe Ulrich Köhler erklärt die Hintergründe.

1965 umrundete eine amerikanische Sonde das erste Mal den Mars. Seither hat sich viel getan. Über Chancen und Herausforderungen bei den Flügen zu unserem Nachbarplaneten sprach Michael Saurer mit dem Planetenforscher Ulrich Köhler vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

BZ: Herr Köhler, innerhalb von zwei Wochen haben drei Staaten eine Mission zum Mars begonnen. Warum ballt sich das gerade so?
Köhler: Das liegt an der Himmelsmechanik. Man hat nur alle 26, 27 Monate ein Startfenster für eine Raumfähre. Dieses Jahr haben sich nun gleich drei Missionen getummelt – aber das ist Zufall und die Zielsetzungen sind auch ganz andere.
Ulrich Köhler ist Planetengeologe am Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Berlin.

BZ: Man fragt sich aber, warum ein kleines Land wie die Emirate überhaupt zum Mars muss.
Köhler: Das ist schon eine interessante Geschichte. Die Länder am Golf beginnen langsam, ihr vieles Geld, das sie mit dem Öl verdient haben, in die Entwicklung ihrer Gesellschaft zu stecken – vor allem auch in Wissenschaft und Forschung. Sie geben derzeit sehr viel Geld für teure Universitäten aus und locken damit bekannte Professoren an. Die wollen die Zeit nach dem Öl vorbereiten und den Transfer zur Wissensgesellschaft schaffen.

BZ: Aber warum wird dabei auf die Raumfahrt gesetzt?
Köhler: Raumfahrt ist etwas, mit dem man Begeisterung auslösen kann. Nach allem, was ich so höre, hat das Projekt auch große Akzeptanz in der Bevölkerung. Was mich besonders freut, ist, dass der Projektleiter eine Frau ist und insgesamt mehr als ein Drittel der beteiligten Wissenschaftler weiblich sind. Das würde man so gar nicht erwarten.

"Das, was die Chinesen vorhaben, ist extrem anspruchsvoll, das hat noch keiner vorher versucht."

BZ: Auch China hat nun eine Marsmission gestartet. Sind die Missionen alle ähnlich oder verfolgen sie andere Ziele?
Köhler: Die Missionen sind jeweils komplett unterschiedlich, ergänzen sich aber. Das, was die Chinesen vorhaben, ist extrem anspruchsvoll, das hat noch keiner vorher versucht. Die wollen sowohl einen Orbiter in die Umlaufbahn schicken, als auch mit einem Lander auf der Oberfläche landen. Und dann soll aus dem Lander heraus auch noch ein Fahrzeug auf die Oberfläche geschickt werden. Da muss man abwarten, ob sie das hinbekommen.

BZ: Sie klingen skeptisch.
Köhler: Nein, überhaupt nicht. Natürlich ist der Mars eine ganz andere Hausnummer als die Mondmissionen, mit denen sie schon Erfahrung haben. Aber bislang ist alles, was die Chinesen in der Raumfahrt angepackt haben, auch erfolgreich gewesen. Sie hatten bislang noch keinen Fehlschlag – im Gegensatz zu den Russen. Die hatten mit dem Mars immer Pech, haben nie etwas hinbekommen.

BZ: Welche Ziele verfolgen die USA?
Köhler: Bei denen ist die Mission Teil eines langfristigen Programms. 2012 haben die ja bereits den Marsrover Curiosity auf der Oberfläche fahren lassen. Nun wird ein neuer Rover dorthin geschickt. Was die Experimente betrifft, ist die amerikanische Mission sicherlich die anspruchsvollste. Sie können mittlerweile sechs bis sieben Zentimeter in festes Gestein hineinbohren, Probenkerne nehmen und sogar eine kleine Drohne fliegen lassen. Und das trotz der extrem dünnen Atmosphäre. Und sie haben eine Kamera dabei, die ist so leistungsstark, mit der könnten sie auf dem Fußballplatz vom einen Tor aus eine Fliege am Querbalken des anderen Tores fotografieren.

BZ: Wofür ist so etwas gut?
Köhler: Damit können sie aus großer Entfernung schauen, ob es auf einer Bergwand etwa Strukturen gibt, die Flechten oder andere Organismen sein könnten. Wenn man so etwas sieht, dann kann man hinfahren und es näher untersuchen. Da sind schon tolle Dinge möglich.

BZ: Was ist mit den Europäern? Wo steht die Europäische Weltraumagentur ESA beim Wettrennen zum Mars?
Köhler: Die wurde leider ein Opfer des Coronavirus. Das Raumschiff der Mission Exomars hat es wegen der Pandemie leider nicht mehr in dieses Startfenster geschafft. Im März haben die die Reißleine gezogen und gesagt, sie fahren auf Nummer sicher und starten dann 2022. Das ist bedauerlich, weil wir Deutschen, speziell das DLR, daran stark beteiligt waren. Der europäische Rover ist übrigens wieder ein ganz anderer, der kann sogar richtig tief bohren. Das ergänzt sich alles. Es ist also kein Wettrennen.

"Tatsächlich ist die Raumfahrt das beste Beispiel, wo die internationale Kooperation noch gelingt."

BZ: Wie kann das angesichts der zunehmenden Nationalismen funktionieren?
Köhler: Das ist ein interessanter Aspekt. Tatsächlich ist die Raumfahrt das beste Beispiel, wo die internationale Kooperation noch gelingt. Das sieht man sehr gut an der Internationalen Raumstation, dort gibt es überhaupt keine Schwierigkeiten zwischen Russen und Amerikanern oder anderen Nationen.

BZ: Glauben Sie, dass es in zehn Jahren eine bemannte Marsmission geben wird?
Köhler: In zehn Jahren nicht, aber in 20. Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass die Entwicklung von Trägersystemen etwas länger dauert, als man zunächst gedacht hat. Private Unternehmer wie Elon Musk oder Jeff Bezos haben mit neuen Ideen und Konzepten da zwar ziemlich Tempo reingebracht. Aber dennoch wird das noch dauern.

BZ: Wie lange wäre dann der Flug?
Köhler: Das ist das Problem. Der Hinflug dauert mit jetzigen Trägersystemen sieben Monate. Allerdings kann man dann nicht sofort zurückfliegen, man müsste auf der Oberfläche zwölf Monate warten, bis sich wieder ein Startfenster öffnet. Zusammen mit dem Rückflug wäre man dann mindestens 24 Monate unterwegs. Das ist in medizinischer und psychologischer Hinsicht ein Problem. Auch, ob man der Strahlung so lange standhalten könnte, ist bislang nicht klar.


Kurs auf den Mars

Gleich drei Nationen haben in den vergangenen zwei Wochen eine Marsmission gestartet: Die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA und China. Hier die unterschiedlichen Zielsetzungen der einzelnen Missionen:

Perseverance (USA)
Am Donnerstag startete eine Trägerrakete der Amerikaner Richtung Mars. An Bord ist ein kleiner Rover. Das umgerechnet etwa 2,1 Milliarden Euro teure Gefährt ist eine verbesserte Variante des Mars Rovers Curiosity, der 2012 auf dem Planeten seine Runden drehte. Wenn alles gut läuft, wäre es der fünfte Marsrover, den die Amerikaner auf den roten Planeten bringen. An Bord hat er unter anderem 7 wissenschaftliche Instrumente, 2 Mikrofone, 23 Kameras, einen Laser und sogar einen kleinen Hubschrauber. Da Ziel: Spuren früheren mikrobiellen Lebens suchen sowie das Klima und die Geologie des Planeten erforschen und Proben von Steinen und Staub nehmen. Wissenschaftler erhoffen sich von der Mission unter anderem neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums.

Tianwen-1 (China)
Eine Woche zuvor hatten die Chinesen eine Rakete mit einem fünf Tonnen schweren Raumschiff in Richtung Mars geschickt. Das Projekt besteht aus einem Orbiter, einem Landegerät und einem Gefährt von der Größe eines Golfplatzfahrzeugs. Es gilt als einer der schwierigsten Raumflüge, die China jemals unternommen hat. Mit der Mars-Mission will China nach den USA die zweite Nation werden, die erfolgreich auf dem Mars landet und auch noch einen Rover betreibt. Dieser hat ein Radargerät an Bord, das unter der Oberfläche nach möglichen Spuren von Wasser und mikrobiologischen Kulturen suchen kann. Auch soll es das Magnetfeld und die Atmosphäre erforschen.

Al-amal (VAE)
Die Marsmission der Vereinigten Arabischen Emirate begann am 20. Juli. Die Raumsonde wurde huckepack auf einer japanischen Trägerrakete in Richtung Mars geschossen. Sie ist ein reiner Orbiter, wird also in der Umlaufbahn des Planeten bleiben – und nicht wie bei den anderen beiden Missionen dort landen. Ziel der Mission ist es, das erste vollständige Bild des Mars-Klimas über ein komplettes Mars-Jahr zu erfassen. (msr/dpa)