Es kann gar nicht genug gesungen werden

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Mo, 01. Juli 2019

Klassik

1000 Sängerinnen und Sänger bei der vierten Freiburger Chornacht.

Aufmerksam lauschen die Zuhörer dem Gesang der Chöre, während der leichte Abendwind vorbei weht, vereinzelt klingen Weingläser aneinander, und immer wieder sind die Kirchenglocken aus der Ferne zu hören, einmal verwoben in das Pianissimo eines D-Dur Klangs in Max Regers "Nachtlied". Die sommerliche Abendatmosphäre in der Freiburger Altstadt verlieht am Freitagabend der vierten "Freiburger Chornacht" ein besonderes Flair. Aus der Vogelperspektive hätte man dort zwischen 18 und 24 Uhr all die verschiedene Ansammlungen in der Stadt verteilt sehen können, westlich vom Münster, im Basler Hof, im Innenhof des Schwarzen Kloster, auf dem Kartoffelmarkt, dem Rathausplatz und im Colombipark. In den Gassen dazwischen laufen Zuhörer und Choristen herum, vom einen zum anderen Platz, meist mit den blauen Flyern in der Hand, die ihnen dabei eine Orientierung geben.

Die Freiburger Chorkultur im Zentrum der Stadt: Darüber freuten sich auch Oberbürgermeister Martin Horn und Bürgermeister Ulrich von Kirchbach, der in seinem Begrüßungswort sagte: "Wir sind eine Musikstadt und eine Chorstadt. Es kann nicht genug gesungen werden und deshalb sind wir hier auf dem Rathausplatz, wo die Chornacht hingehört".

Als einer der ersten Chöre tritt im Colombipark die "Young Voice Academy" auf. Mit 16 Sängerinnen und Sängern zwischen acht und 15 Jahren bieten sie ein Programm aus Pop- und Filmmusik dar. Die Promenade von dort zum Basler Hof führt an einigen Ensembles vorbei, die sich noch einstimmen und absprechen. Während einige Kinder ihre Bächle-Boote ausfahren, hat sich das Sheppard Ensemble im Innenhof bereitgemacht und führt durch Brahms herausfordernde Stücke seines Opus 104, die alle auswendig singen und dabei im nahtlosen Übergang einen großen Bogen ziehen.

Im nächsten Block ist dort nun der Freiburger Kammerchor auf der Bühne, wieder mit einem ganz anderen Repertoire: mit Stücken von Philipp Glass und Olivier Messiaen. Die Vielfalt der Musik reicht vom 16. bis zum 21. Jahrhundert, von Heinrich Schütz bis zu Stevie Wonder, von Claudio Monteverdi bis zu Jerome Kern, von Edward Grieg bis zum Spiritual "Deep River". Aber vor allem kommen ganz unterschiedliche Arten chorischer Performanz zur Geltung. Um 22.30 Uhr am Rathausplatz angekommen, hat sich bereits "Twäng!" positioniert, ein Ensemble mit 20 bis 30-jährigen Sängerinnen und Sängern. Manche mit Glitzer im Gesicht und blauen Kleidern, die Männer mit Weste oder Fliege – so setzen sie mit Maggie Rogers "Alaska" an, tanzen in choreografierten Bewegungen zur Musik und streuen reichlich Energie ins Publikum.

Der Jugendchor "Voice Event" strahlt wieder eine ganz andere Authentizität aus. Für eine der Sängerinnen ist die Chornacht "jedes Jahr wieder ein ganz besonderes Erlebnis. Es ist kein normales Konzert, sondern man präsentiert sich den anderen Chören und kommt auf eine ganz andere Art in Kontakt. Das verbindet sehr." Auch Bernhard Schmidt, einer der Hauptorganisatoren, kennt diese Erfahrung: "Die Chornacht ist etwas von Bürger für Bürger, aus den eigenen Reihen. Das Programm ist so bunt, wie es die Chorwelt Freiburgs ist. Wir möchten mit der Chornacht diese Vielfalt hörbar machen." Mit "wir" meint Schmidt den jüngst gegründeten Verein "Chorstadt Freiburg", der das erste Mal offizieller Veranstalter ist. Dabei konnte er auf die großzügige Unterstützung des Gemeinderats bauen. "Wir verstehen uns als Vertreter für alle singenden Menschen in Freiburg", so Schmidt. Allein an diesem Abend wirken über 1000 Menschen mit, nahezu alle ehrenamtliche langjährige Choristen. Die im Vorfeld eingegangenen Anfragen aus China, Frankreich oder Belgien hätten den Rahmen zwar gesprengt. Allein die Ausstrahlung dieser Veranstaltung freut die Organisatoren dennoch sehr. Die 20-minütigen Auftritte der 23 Chöre sind keine isolierten Konzertausschnitte, sondern bilden das Geflecht einer Chorkultur, die eine Schnittstelle zwischen privatem Alltag und Öffentlichkeit darstellt.

Um Mitternacht versammeln sich alle auf dem Kartoffelmarkt, um den Abend ausklingen zu lassen. Gemeinsam stimmen sie "Der Mond ist aufgegangen" an. Manche stehen andächtig da, singen mit, andere hocken auf dem warmen Kopfsteinpflaster und hören zu, andere improvisieren ornamentierende Mittelstimmen. Das Ineinandergreifen von Singen, Zuhören, Mitwirken macht den Esprit dieses Ereignisses aus.