Mountainbiken

Es kommt ein Beunruhigungspotenzial in die Wälder

Michael Bruder

Von Michael Bruder (Lörrach)

Di, 29. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Die Zwei-Meter-Regel löst für mich kein Problem, sondern ist das Problem", Zuschrift von Thomas Staub (Forum, 16. September)
Die Zwei-Meter-Regel ist nicht das Problem, sondern die Egozentrik mancher Radfahrer. Hut ab vor der Kilometerleistung des radfahrenden Leserbriefschreibers! Wiewohl ich dessen Beobachtungen als Nicht-Cross-Country-Fahrer interessant finde, so ist es jedoch eine sehr steile Behauptung, die Zwei-Meter-Regel zwinge Radfahrer in die Illegalität.

Vielmehr stellt sich die Frage, ob der Anspruch auf die von ihm beschriebene Route unter wegstrecken- und zeitreduzierten Gesichtspunkten statthaft ist. Ich kenne als Kind der 80er Jahre noch die Zeiten, in denen Waldwege mit Schranken versehen waren. Ein Präzedenzfall, bei dem ein Radfahrer an einer geschlossenen Schranke verunglückt war, sollte in Baden-Württemberg zur dauerhaften Öffnung und Entfernung aller Schranken im Wald führen – dies auch im übertragenen Sinn: Etwa zur gleichen Zeit führten neue Sportarten und Freizeitaktivitäten wie Geocaching und Schneeschuhwanderungen, die Anlage von Langlaufstrecken und die technischen Weiterentwicklungen im Bereich des Radfahrens den freizeitaktiven Menschen in den Wald. Dass dies in Zeiten von Corona eine weitere Intensivierung erfährt, ist nicht zu bestreiten, jedoch ist dieser Druck auf den Wald seit einigen Jahren intensiv und markiert nur einen weiteren Punkt, an dem der Mensch in letzter Konsequenz Raubbau an der Natur betreibt.

Bezogen auf das Radfahren wird dies deutlich: Während früher nur geübte Langstreckenfahrer entlegene Orte der Natur aufsuchen konnten, ist es nun durch den E-Bike-Betrieb praktisch jedem möglich. Würde nun auch noch der Wegfall der Zwei-Meter-Regel beschlossen werden, so wird nicht nur der Wanderer in seiner Ruhe gestört werden, wie es in anderen Bundesländern bereits der Fall ist. Darüber hinaus wird neben den zu erwartenden Weg- und Waldschäden ein Beunruhigungspotenzial in unsere Wälder getragen werden, was dessen Erholungsqualität für den Menschen mindern wird. Völlig missachtet wird in dieser Debatte der Wald als Lebensraum für die Tier- und Pflanzenwelt. Bezogen auf den Leserbrief sollte die Frage nicht sein, wie sich dessen Verfasser am schnellsten von A nach B im Wald bewegen kann, sondern vielmehr sollte der Anspruch überdacht werden, selbst Mittelpunkt der Welt zu sein und jeglichen Freiheitsvollzug unter Ausblendung der damit verbundenen Folgen umzusetzen. Michael Bruder, Lörrach