"Es sollte reines Bienenwachs sein"

Hanna Gersmann

Von Hanna Gersmann

Mo, 20. Dezember 2021

Panorama

BZ-INTERVIEWmit Bienenexperte Jürgen Tautz über Kerzen.

. Jeder Deutsche lässt nach Angaben des Europäischen Kerzenverbands im Schnitt 2,2 Kilo Kerzen pro Jahr abbrennen. Rund die Hälfte davon besteht aus Paraffin, einem Nebenprodukt aus Erdöl-Raffinerien. Eine Alternative sind Kerzen aus Stearin, das aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird wie Raps und Soja – und vor allem Palmöl, für das riesige Flächen tropischen Regenwalds vernichtet werden. Sind Bienenwachskerzen die Lösung oder müssen dafür die Bienen leiden? Hanna Gersmann sprach mit Jürgen Tautz, einem der führenden Bienenforscher.

BZ: Herr Tautz, wie stellen die Bienen denn das Wachs her, in dem sie ihren Nachwuchs großziehen?
Tautz: Die Honigbienen sind die einzigen Tiere, die das Baumaterial für ihr Zuhause selber herstellen. Das Wachs, genauer kleine Wachsplättchen, bilden die Bienen in den acht Drüsen auf ihrem Hinterleib. Aus den Plättchen bauen sie dann die sechseckigen Zellen für die Waben. Das ist eine enorme Arbeit. 100 Gramm Wachs – das ist eine Menge, die sich jeder gut vorstellen kann – entspricht sagenhaften rund 125 000 kleinen Wachsplättchen.
BZ: Wie viel Wachs produzieren die Bienen denn insgesamt?
Tautz: Das Bienenvolk startet umgehend mit der Herstellung von Wachs, wenn es wächst oder wenn es in eine neue Wohnhöhle umzieht. Für eine ganz neue Behausung, wenn alle Waben neu angelegt werden müssen, sind etwa 1,2 Kilo Wachs nötig. Das kostet viel Kraft, die Bienen müssen dafür etwa 7,5 Kilogramm Honig fressen.
BZ: Kritiker meinen, die Bienen würden – ähnlich wie Hühner und Schweine – in einer nicht artgerechten Massenzucht gehalten und beim Einsammeln des Honigs und des Wachses oft verletzt.
Tautz: Der Begriff der Massentierhaltung bezieht sich auf die Art der Unterbringung von Tieren, die nicht deren Natur entspricht. Bei Honigbienen ist das dichte Beisammenleben aber der Kern ihrer Natur. Honigbienen kommen ausschließlich als Kolonien vor. Sie leben in einer Dichte wie kaum ein anderes Tier. Sie halten selbst ihre Behausung penibel sauber, um das Ausbrechen von Krankheiten zu verhindern. Anders als in der künstlichen Massentierhaltung werden auch keine Antibiotika benötigt.
BZ: Wie gewinnt der Imker das Wachs? Tautz: Der Imker entnimmt für die Kerzenherstellung kein Wachs aus dem Brutnest der Bienen. Das wäre ungeeignet, da alle Waben mit einem feinen Gespinst ausgekleidet werden. Reine Wachszellen gibt es dagegen im Honigraum. Die entnimmt der Imker im Herbst, dann kann er die Waben einschmelzen und zu Kerzen verarbeiten. Die Bienen produzieren im folgenden Jahr neues Wachs – je nach Bedarf.
BZ: Worauf sollten Verbraucher beim Kauf von Bienenwachskerzen achten? Tautz: Reines Bienenwachs sollte es sein. Am besten sind lange Zeit abgelagerte Kerzen, die brennen sehr langsam und gleichmäßig.
BZ: Würden Sie auch andere Kerzen empfehlen?
Tautz: Nein. Kerzen aus Wachsen pflanzlicher Herkunft richten indirekt viel Schaden an. Für die wachserzeugenden Nutzpflanzen verschwinden natürliche Lebensräume. Komplett anders ist das bei den Bienen. Die Bienen produzieren ihr Wachs nachhaltig. Der Nektar für den Honig stammt aus Blüten, die von den Bienen bestäubt werden. Dadurch gibt es Früchte und Samen und neue Pflanzen für neuen Nektar und Pollen, woraus die Bienen wieder Wachs herstellen können. So schließt sich der Kreis.

Jürgen Tautz, 72, ist Bienenexperte, Biologieprofessor in Würzburg und Autor zahlreicher Bücher. Im Januar kommt von ihm und zwei Mitautoren "Imke fliegt zur Sonne" beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband DBSV heraus, 38 Seiten, Schutzgebühr 50 Euro. Erhältlich über [email protected]