Tischtennis

ESV Weil kämpft als Außenseiter um den deutschen Pokaltitel

Matthias Konzok

Von Matthias Konzok

Do, 07. Januar 2021 um 11:45 Uhr

Tischtennis

Der ESV Weil kämpft erstmals beim Final Four um den deutschen Pokaltitel. Das Team trifft am Wochenende gleich zweimal auf die Superlative des deutschen Frauen-Tischtennis: TTC Eastside Berlin.

Berlin, die Stadt der Pokalträume. Damals, als noch Zuschauer in Fußballstadien die Tribünen füllten, hallte der Schlachtruf "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", wenn sich für den Lieblingsclub die Sehnsucht nach dem DFB-Pokalfinale erfüllte. Bei der Tischtennisabteilung des ESV Weil dürften sie am Freitag, freilich versteckt hinter ihren Masken, ebenso inbrünstig zum Schlachtruf ansetzen, wenn der Tross gen Bundeshauptstadt aufbricht. Erstmals nimmt der ESV am Final Four des deutschen Pokals teil, womit die Frauenequipe das Premierenjahr in der Bundesliga veredelt.

Die Weilerinnen dürfen sich dabei in die beliebte Rollenverteilung des Pokals schmiegen, wenn krasse Außenseiter scheinbar übermächtige Favoriten herausfordern. Denn gleich zweimal trifft der ESV auf den ttc eastside Berlin: am Samstag in der Bundesliga (14 Uhr), am Sonntag im Pokal-Halbfinale (10 Uhr).

Wovon Berlins Fußballer derweil bislang vergeblich träumen, ist im deutschen Frauen-Tischtennis derzeit die Realität: sportlich dem Status einer Hauptstadt gerecht zu werden. Denn der ttc eastside verkörpert Superlative, holte im Dezember seinen fünften Champions-League-Titel seit 2011. National dominiert Berlin seit 2014, gewann je sechsmal die Meisterschaft und den Pokal.

ESV muss auf Nummer eins Ievgeniia Sozoniuk verzichten

Es mag nach pokaltypischen Phrasen klingen, wenn Alen Kovac versuchen will "mitzuhalten und alles, was möglich ist, herauszuholen. Wir haben nichts zu verlieren, aber die Chancen sind schon gering". Doch ordnet der ESV-Trainer die Ausgangslage schlichtweg sachlich ein.

Seit Samstag befinden sich Izabela Lupulesku, Polina Trifonova und Vivien Scholz zur Vorbereitung in Weil. Während Sophie Klee in Düsseldorf trainiert, fehlt mit der Ukrainerin Ievgeniia Sozoniuk die Nummer eins des ESV. "Wegen der Corona-Pandemie", erklärt Kovac und verweist auf die Umstände der Quarantäne-Bestimmungen, die derzeit auch die Serbin Lupulesku befolgen muss. Und angesichts dreier weiterer Bundesliga-Partien bis zum 7. Februar hätte Sozoniuk einen längeren Aufenthalt einplanen müssen. "Als Mutter eines Kleinkindes einen Monat oder länger hierzubleiben, ist ziemlich viel", gibt der Coach zu bedenken. So soll Sozoniuk erst gegen Ende des Monats ins Dreiländereck kommen, während Lupulesku studienbedingt dann wieder in ihre Heimat reisen wird.

"Wenn sie komplett spielen, ist Berlin die deutlich beste Mannschaft." ESV-Trainer Alen Kovac
Kovac könnte ob Sozoniuks Absenz klagen, doch will er diese nicht überbewerten. "Unsere Mannschaft ist sehr ausgeglichen", auch sei die Tagesform ein entscheidender Faktor. Angesichts der Saisonbilanz ließe sich indes vermuten, dass der Berliner Riese wankt. Mit zwei Remis und einer Niederlage rangiert der Titelverteidiger einen Rang hinter den fünftplatzierten Weilerinnen (zwei Siege, drei Niederlagen). Doch war der Top-Favorit nie optimal besetzt, konnte allen voran seine Spitzenspielerin Xiaona Shan (EM-Silber 2013, Teamsilber Olympia 2016) nur einmal aufbieten. "Wenn sie komplett spielen, ist Berlin die deutlich beste Mannschaft", sagt Kovac.

Mit einer Berliner Bestbesetzung, wie beim Finalturnier der Champions League in Linz, Österreich, rechnet der ESV-Trainer nun auch am Wochenende. Zudem "haben sie zur Rückrunde vier Spielerinnen verpflichtet". Diese dürften schon am Samstag in der Liga eingesetzt werden – obgleich es sich um das Nachholspiel aus der Vorrunde handelt, für das der ESV sein Heimrecht abgetreten hat.

"Weil hat in der Bundesliga und auch im Qualifikationsturnier für einige Überraschungen gesorgt." Berlins Präsident Alexander Teichmann
Im Vergleich zur Liga hat der Tischtennis-Pokal am Sonntag seine eigenen Gesetze: Im Einzel treten nur drei statt vier Spielerinnen an, zum Gesamterfolg sind drei statt fünf Siege notwendig. Sollte es 2:2 stehen, entscheidet ein Doppel, auf die in dieser Ligarunde pandemiebedingt verzichtet wird. Im zweiten Halbfinale trifft Kolbermoor – das einzige Team, das 2018 (Meister) und 2019 (Pokal) die Berliner Dominanz brechen konnte – auf Schwabhausen. Eine Stunde nach Abschluss des Halbfinales soll das Endspiel beginnen (frühestens 13.30 Uhr).

Der Berliner Vereinspräsident Alexander Teichmann wird auf der DTTB-Homepage zu Weil zitiert: "Sie haben in der Bundesliga und auch im Qualifikationsturnier für einige Überraschungen gesorgt. Wir haben Respekt, sind aber sicherlich der Favorit." Wer weiß, ob sich in Berlin für den ESV vielleicht eines der oft besungenen Pokalmärchen erfüllt.
Der ESV Weil will das Bundesliga-Spiel am Samstag auf seiner Facebook-Seite übertragen. Ein Livestream vom Final Four ist unter www.tischtennis.de geplant.