Ex-Skispringer ist dem Tour-Sieg nahe

dpa

Von dpa

Do, 17. September 2020

Radsport

Bei der Königsetappe wird Primoz Roglic Zweiter und nimmt Hauptkonkurrent Tadej Pogacar 15 Sekunden ab / Tagessieg für Lopez.

(dpa//BZ). Primoz Roglic ging auf den brutalen Rampen wie ein Sprinter aus dem Sattel, dann hatte der Ex-Skispringer in 2304 Metern Höhe die größte Hürde auf dem Weg zum ersten slowenischen Tour-Triumph gemeistert. Vor den Augen von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron zementierte der slowenische Radstar vom Team Jumbo bei dem unmenschlich anmutenden Kletterspektakel auf dem Dach der Tour mit seinem zweiten Platz auf der Königsetappe – hinter dem Kolumbianer Miguel Angel Lopez (Astana) – die Führung in der Gesamtwertung.

Roglic knöpfte am Mittwoch nach 170 Kilometern von Grenoble zur Bergankunft auf dem Col de la Loze seinem drittplatzierten Rivalen und Landsmann Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) wichtige 15 Sekunden ab. Damit leuchtete das Gelbe Trikot von Roglic inmitten der Alpenriesen noch etwas gelber, 57 Sekunden liegt der Vuelta-Champion nun vor seinem neun Jahre jüngeren Landsmann Pogacar. Die Vorentscheidung um den Gesamtsieg scheint fast gefallen, die letzten Prüfungen auf dem Weg nach Paris sind überschaubar. Denn das Bergzeitfahren am vorletzten Tag dürfte eine Angelegenheit für Roglic sein. Neuer Gesamtdritter ist Lopez 1:26 Minuten zurück.

Beim deutschen Youngster Lennard Kämna war einen Tag nach seinem beeindruckenden Etappensieg in Villard-de-Lans die Luft raus. Der 24-Jährige gehörte zunächst einer Ausreißergruppe an, doch bereits am vorletzten Berg musste der Norddeutsche abreißen lassen. "Die Tour geht auch an Lennard nicht spurlos vorbei. Es schaut so aus, dass die Kraft dem Ende zugeht", sagte Teamchef Ralph Denk der ARD.

Gar nicht mehr am Start war der von Rückenschmerzen geplagte Titelverteidiger Egan Bernal. Der Kolumbianer stieg noch vor der Etappe aus und machte damit das Debakel seines Super-Rennstalls Ineos Grenadiers perfekt. "Natürlich wollte ich nicht, dass meine Tour de France so endet, aber ich stimme zu, dass es unter den gegebenen Umständen die richtige Entscheidung für mich ist", sagte Bernal, der am Vortag fast eine halbe Stunde auf Kämna verloren hatte. Die Kletterpartie auf dem 21,5 Kilometer lange Anstieg mit durchschnittlich 7,8 Prozent Steigung entwickelte sich regelrecht zu einem Ausscheidungsfahren. Es ging es richtig zur Sache. Die slowenischen Stars schüttelten die Mitkonkurrenten wie lästige Fliegen ab. Rigoberto Uran, Mikel Landa, Richie Porte – nichts ging mehr bei Steigungen von bis zu 24 Prozent.

2,9 Kilometer vor dem Ziel war in Giro-Sieger Richard Carapaz auch der letzte Ausreißer gestellt. Der Tag begann, wie der vorige endete – mit Kämna an der Spitze. Als Mitglied in einer Ausreißergruppe, der auch wieder Carapaz und Frankreichs Star Julian Alaphilippe angehörten, wollte das Riesentalent nun das Gepunktete Trikot in Angriff nehmen. Gut geschlafen habe er, auch wenn er ein wenig aufgedreht gewesen sei. Kein Wunder, hatte er bei seinem Etappensieg am Dienstag doch ein Gefühlschaos erlebt. Am Ende standen Champagner und Smoothies auf dem Speiseplan bei der kleinen Teamfeier in Grenoble. "Die Erleichterung war beim Team größer als bei mir. Ich habe mich nicht riesig unter Druck gefühlt", sagte Kämna am Mittwoch. Wo soll das mal hinführen? "Er ist ein Ausnahmetalent. Er steigert sich zum Ende einer Rundfahrt. Das macht Mut für die Zukunft, dass er auf das Podium fahren kann, wenn alles passt", sagte Didi Thurau. Der Frankfurter war im Jahr 1977 sogar 15 Tage lang im Gelben Trikot gefahren und gewann insgesamt sechs Tour-Etappen.

Der Freiburger Simon Geschke (Team CCC), der am Dienstag mit Rang fünf geglänzt hatte, wurde auf der 17. Etappe 85. und rückte im Gesamtklassement um eine Stelle nach vorn – auf Platz 55.

18. Etappe, Méribel – La Roche-sur-Foron (175 km/letzte Alpen-Etappe).

Für die Rad-WM vom 24. bis 27. September in Imola (Italien) nominierte der Bund Deutscher Radfahrer vier Sportler aus Südbaden: Kathrin Hammes, Nico Denz, der nach dem ersten Tag der Slowakei-Rundfahrt Zweiter ist, Simon Geschke und Zeitfahr-Spezialist Jasha Sütterlin.