Interview

Experte: "Die Bürger fordern diesen Wandel regelrecht"

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mi, 28. April 2021 um 10:09 Uhr

Deutschland

Noch sei die Elektronische Patientenakte (EPA) Stückwerk, meint Andreas Vogt. Sie biete aber die Chance, der Digitalisierung des Gesundheitswesens zum Durchbruch zu verhelfen.

Mit dem früheren Chef der Techniker Krankenkasse in Baden-Württemberg sprach Bernhard Walker.

BZ: Herr Vogt, seit Langem wird über die Digitalisierung des Gesundheitswesens gesprochen – doch kommt sie nicht voran. Woran liegt das?
Vogt: Über Jahre hinweg haben vor allem die Verbände der Ärzte, der Apotheken und der Krankenhäuser die Bedeutung der digitalen Vernetzung nicht erkannt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es vor mehr als 20 Jahren das erste Modellprojekt für die elektronische Gesundheitskarte im Raum Heilbronn gab. Darauf folgte dann aber nichts. Erst seit etwa fünf Jahren ist allen Akteuren im Gesundheitswesen klar, dass sich die digitale Vernetzung überhaupt nicht aufhalten lässt.
BZ: Wie kam es zu dieser Einsicht?
Vogt: Die gesamte Wirtschaft hat sich digitalisiert. Wenn die Digitalisierung in der Automobilbranche, im Handel und im Tourismus voranschreitet, liegt auf der Hand, dass das im Gesundheitswesen nicht anders sein wird. Die Bürger fordern diesen Wandel regelrecht ein: Sie wollen digital Arzttermine machen, die Krankmeldung an den Arbeitgeber senden oder ihren Medikamentenplan auf einen Blick einsehen – und zwar im Rahmen einer einheitlichen Plattform. Die Frage ist also nur, wer diese liefert.
BZ: Und das können entweder Apple, Facebook und Google oder die Krankenversicherung machen?
Vogt: Genau. Wobei völlig klar ist, was besser ist – nämlich nicht das Angebot profitorientierter Konzerne, sondern das der Sozialversicherung. Nur muss die Sozialversicherung dann eben auch eine digitale Lösung bieten, die für die Versicherten attraktiv ist, weil sie einen direkten Nutzen hat.
BZ: Ist die EPA so attraktiv?
Vogt: Dafür bietet sie eine wirklich gute Chance. Im Moment ist sie leider noch ein Torso, weil Ärzte, Kliniken oder Apotheken erst ab Juli an die EPA angebunden sein werden und erst dann nach und nach elektronisch Daten zur Verfügung stellen werden. Kontraproduktiv ist, dass es seitens der Großen Koalition auch Überlegungen gibt, dass die EPA verschiedene Apps aufweisen soll – also beispielsweise eine fürs elektronische Rezept und eine für die Notfalldaten. Die Versicherten wünschen sich aber nur eine App, in der alles steht und nicht mehrere.

BZ: Das klingt nicht nach einem Erfolgsmodell.
Vogt: Aber das kann eine gut gemachte EPA werden. Der Ausgangspunkt steht fest: Die Versicherten fordern digitale Anwendungen im Gesundheitswesen ein. Die sind für viele ebenso selbstverständlich wie digital zu lernen, digital eine Reise zu buchen oder digital einzukaufen.
BZ: Geht der Datenschutz bei der EPA zu weit?
Vogt: Nein. Es wäre völlig falsch, das Datenschutzniveau abzusenken – auch wenn es manche Schritte aufwändig macht, wie zum Beispiel bei der Authentifizierung. Der Datenschutz ist das Gütezeichen der Elektronischen Patientenakte: Sie ist damit vertrauenswürdig und hebt sich von den rein kommerziellen Ansätzen ab, wie sie die genannten Konzerne verfolgen.
Zur Person

Andreas Vogt (64) hat den Weg zur Digitalisierung des Gesundheitswesens lange mitgestaltet. Von 1999 bis Ende März 2021 war er Chef der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse in Baden-Württemberg.