Extrem experimentierfreudig

Alexander Dick

Von Alexander Dick

So, 05. September 2021

Klassik

Die schwierige Wiedergeburt der Neuen Musik: Pläne der Freiburger Formationen Ensemble Aventure und ensemble recherche.

Sie alle sind Suchende. Nach anderen, neuen Klängen, nach moderneren Formen des Ausdrucks, passend zu Zeit und Gesellschaft. Freiburg hat mit seinen Klangkörpern für Neue Musik – ob SWR-Experimentalstudio, ensemble recherche oder Ensemble Aventure – seit Jahrzehnten eine besonders fruchtbare moderne Szene, mit hoher internationaler Ausstrahlung.

Dass diese Ausstrahlung durch die Pandemie eine nachhaltige Zäsur mit möglicherweise noch nicht abzusehenden Auswirkungen erfuhr, verwundert da wenig. Gleichwohl ist es spannend, wie gerade die beide frei schaffenden Ensembles in die neue Spielzeit zurückkehren. Dankbar, neugierig – und extrem experimentierfreudig.

Ensemble Aventure
Beim Ensemble Aventure bietet die neue Spielzeit geradezu eine Explosion an Auftritten, zumal in Freiburg. Zehn Veranstaltungen stehen auf dem Plan, "in der wir die Verwandlung von Leben in Musik feiern", wie es der Spiritus rector des Ensembles, der Fagottist Wolfgang Rüdiger, in seinem Vorwort zum Jahresprogramm formuliert.

Da sind die bewährten Pfade wie die Konzerte, in deren Mitte jeweils ein Gespräch zum Motto des Abends eingebettet ist. Da sind die zahlreichen Links zur Musikszene Süd- und Mittelamerikas sowie ein Programm, das sich dezidiert mit der Musikszene im westpolnischen Poznán (Posen) auseinandersetzt und auch in beiden Städten gespielt wird.

Da sind über die traditionellen Konzert- und Präsentationsformen obendrein auch Öffnungen zu einem "schöpferischen Austausch". Zum Beispiel bei "Aventure Open", eine Art Jam Session, ein Neue-Musik-Mitmachkonzert für Laien, Kinder und Jugendliche. Auf professionellerer Ebene offeriert Aventure einen Abend des "Komponierens kollaborativ", zu dem dann nicht weniger als vier baden-württembergische Kompositionsstudentinnen und -studenten ihrerseits ein Gemeinschaftswerk beisteuern, dessen Entstehungsprozess auch die Musiker mit einbezieht. Eine Konzertinstallation im Mai sowie das Open-Air "Spots" zum Saisonende runden das Programm ab.

ensemble recherche
Ganz grundsätzliche Fragen stellt das ensemble recherche in der neuen Spielzeit "Spiel-Räume" – besonders zur Rolle der Musik in einer Welt, "die aus den Fugen gerät", wie es der Artistic Manager Clemens Thomas ausdrückt: "Dazu muss man sich verhalten." Und recherche verhält sich – für viele wohl überraschend und höchst experimentell. Thomas: "Wir gehen wieder mehr auf die Menschen zu – die Spielzeit hat soziale und politische Dimensionen". Festgemacht wird das, wie das Motto es auch andeutet, an den wechselnden Räumen: Ensemblehaus, Lokhalle, Forum Merzhausen. Freiburg betrachtet das, was bei internationalen Festivals von Musica Straßburg (gleich im September mit Hans Abrahamsens "Schnee") über die Wittener Tage für Neue Kammermusik bis zum Lucerne Festival gefragt ist, als Eckpfeiler.

Und – "unser Experimentierfeld". Es sei der "Ort, wo wir uns als Ensemble neu definieren können", sagt Thomas. Und er sagt das auch dezidiert auf die Frage, inwieweit die klassische, an Schönbergs "Pierrot Lunaire" von 1912 orientierte Besetzung des derzeit achtköpfigen Ensembles noch zeitgemäß – avantgardistisch – sei. Zum einen wird recherche die Elektronik durch eine feste Planstelle als neuntes Instrument fixieren, zum anderen geht es um Fragen wie die in der Moderne obligatorische Integration von Videotechnik.

Die Zukunft hat eine Kugelgestalt

Aber damit nicht genug – die Musici hinterfragen auch ihr eigenes Tun, ganz spielerisch. Das zweite der fünf hiesigen Abonnementkonzerte im Ensemblehaus ist übertitelt mit "Toy Laboratory". Gemeinsam erkundet man mit neu geschaffenen Instrumenten "das spielerische Wesen der Neuen Musik". Begehbare Installationen, interaktive Livestreams, Räsonieren über Freiheit (zusammen mit der Schriftstellerin Ines Geipel und dem Performer Christoph Grund), Infragestellen der Regelwerke Neuer Musik – all das erwartet mutige, mitmachfreudige Besucher.

Wer das klassische ensemble recherche vermisst – er wird es auch in der neuen Freiburger Saison finden. So mit zwei Sonderkonzerten anlässlich von Wolfgang Rihms 70. Geburtstag im Mai 2022. Clemens Thomas: "Wir versuchen den Spagat und haben nicht vergessen, wo das ensemble recherche herkommt", sagt er. Und fügt lächelnd hinzu: "Es hat auch einen Reiz, sich nach vielen Jahren wieder das Repertoire vorzunehmen." Die musikalische Zukunft in Freiburg, auch sie hat, frei nach Bernd Alois Zimmermann, eine Kugelgestalt.

Spielpläne und dazu weitere Infos gibt es unter http://www.ensemble-aventure.de sowie unter http://www.ensemble-recherche.de