Irritierende Reaktionen

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Von dpa

Di, 15. Oktober 2019

Fußball-EM

Ein Jahr nach dem Wirbel um Erdogan-Bilder hat die Fußball-Nationalelf eine neue Foto-Affäre / Wieder mittendrin: Ilkay Gündogan.

TALLINN (dpa). Als Fußballer machte Ilkay Gündogan in Tallinn die bessere Figur. Teamkollege Emre Can misslang das mit seiner Roten Karte. Doch das sportliche Auftreten des Duos im deutschen Nationaltrikot beim 3:0 gegen Estland konnte nicht überdecken, dass die beiden türkisch-stämmigen Profis der Nationalmannschaft und dem Verband mit der später zurückgezogenen "Gefällt-mir"-Reaktion auf ein Bild salutierender türkischer Kicker eine neue Foto-Affäre aufgezwungen haben.

Von einem Fehler sprach in Tallinn noch keiner, nicht Gündogan, nicht Can oder Joachim Löw. Der Bundestrainer vertrat die Ansicht, dass der 28 Jahre alte Gündogan als zweifacher Torschütze und Matchwinner "das beste Statement auf dem Platz mit seinem Spiel gegeben" habe. "Er hat die Mannschaft in Unterzahl hervorragend geführt", sagte Löw. Dem war nicht zu widersprechen, aber es war nicht die Antwort.

Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte versichert: "Ich sehe es nicht so kritisch." Erst mit einigen Stunden Abstand schärfte der Ex-Europameister am Montagmittag via DFB-Internetseite seine Position nach. "Wir haben mit den Spielern gesprochen. Sie wissen auch, dass es ein Fehler war", sagte Bierhoff und erinnerte nun an die Vorbildwirkung der Nationalspieler: "Sie müssen sich der großen Verantwortung und der Wirkung bewusst sein, die jede ihrer Aussagen und Aktionen, vor allem auch in den sozialen Netzwerken, nach sich ziehen können."

Diese Wirkung schien Gündogan und Can am Vorabend in Tallinn noch ziemlich zu überraschen. "Es ist krass, woraus heutzutage Geschichten geschrieben werden", sagte Gündogan in seiner persönlichen Verteidigungsrede. "Die Medien interpretieren immer alles kritisch", klagte Can in die Mikrofone der deutschen Reporter. Dass sie den Militärgruß-Jubel ihres Freundes Cenk Tosun nach dessen Siegtor beim 1:0 gegen Albanien bei Instagram mit einem "Like" versehen hatten, sei kein politisches Statement gewesen, beteuerten Gündogan und Can.

Angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien ließ sich das Liken des Salut-Jubels aber kaum auf einen Glückwunsch an Tosun reduzieren. Der türkische Fußballverband interpretierte das Foto eindeutig. Der Militärgruß von Tosun und dessen Kollegen sei den bei der "Operation Friedensquelle" eingesetzten türkischen Soldaten gewidmet gewesen. "Emre und ich sind beide konsequent gegen jeglichen Terror und gegen jeglichen Krieg, egal, wo auf der Welt er stattfindet. Deswegen war das nur als reine Unterstützung von einem Freund gedacht", betonte Gündogan. Can beteuerte: "Ich bete jeden Tag, dass auf der Welt Frieden herrscht."

Cenk Sahin beim Zweitligisten FC St. Pauli freigestellt

Bierhoff warb in Tallinn um Nachsicht mit den Spielern und meinte: "Dass das so eine Dimension annimmt, konnte keiner erwarten." Diese Aussage erstaunte vor dem Hintergrund der Fotos, die vor der WM 2018 Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zeigten. Sie lösten eine intensive öffentliche Debatte aus und gipfelten nach dem deutschen WM-Aus im Bruch Özils mit Deutschland und dem DFB. Gündogan gab sich einsichtiger und läuft weiterhin im Nationaltrikot auf. "Natürlich bin ich unglaublich froh, dass ich der Mannschaft weiterhelfen konnte", sagte der zweifache Torschütze.

Das Krisenmanagement des DFB in Tallinn funktionierte nicht. Bierhoff wirkte zunächst hilflos nach einem ersten Gespräch mit den Spielern. "Beide saßen nach dem Spiel total geknickt in der Kabine", verriet der 51-Jährige. Der Verband weist immer gerne auf die besondere gesellschaftliche Funktion des Aushängeschildes Nationalelf hin. Auf die Außenwirkung wird darum besonders geachtet.

Die oft spontanen Beiträge der Spieler bei Twitter, Facebook oder Instagram bergen da Risiken. Nach einiger Bedenkzeit kündigte DFB-Direktor Bierhoff am Montag weitere Schulungsmaßnahmen an: "Wir müssen weiterhin daran arbeiten, die Sinne unserer Spieler gerade für den Umgang in den sozialen Netzwerken zu schärfen. Da darf es keinen Raum für Interpretationen geben."

Gestern wurde zudem bekannt, dass der FC St. Pauli den türkischen Fußball-Profi Cenk Sahin nicht mehr einsetzen wird. "Nach erneuten Gesprächen zwischen den Verantwortlichen des Vereins und dem Spieler wird Cenk Sahin vom Trainings- und Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung freigestellt", teilte der Zweitligist mit. Sahin hatte am Freitag bei Instagram die Syrien-Offensive der Türkei begrüßt und seine Solidarität bekundet.

Der Vertrag mit dem 25 Jahre alten Mittelfeldspieler soll seine Gültigkeit behalten. Die Hamburger erteilen Sahin eine Trainings- und Gastspielerlaubnis. Damit darf er sich in seiner türkischen Heimat, wo er sich derzeit aufhält, einem anderen Verein anschließen.