"Der Kleinste ist uns so wichtig wie der Älteste"

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Di, 06. April 2021

Landesliga Staffel 3

BZ-INTERVIEW mit Rolf Eckert, dem Sportvorstand des Fußball-Landesligisten FC Neustadt, über Vereinsarbeit und Planungen in einer außergewöhnlichen Phase.

. Der Sportbetrieb stand beim Fußball-Landesligisten FC Neustadt in den vergangenen Wochen und Monaten aufgrund der Corona-Pandemie still, im Hintergrund wurde jedoch weitergewerkelt: Personalien abgeklopft, Vorbereitungen getroffen für die Wiederaufnahme des Trainings am Tag X, Planungen für die kommende Runde vorangetrieben. Jürgen Ruoff hat sich mit Rolf Eckert, dem Sportvorstand des FC Neustadt, über seine ehrenamtliche Tätigkeit in einer außergewöhnlichen Phase unterhalten.

BZ: Was macht ein Sportvorstand, wenn im Verein monatelang gar kein Sport erlaubt ist?
Eckert: Im Hintergrund gibt es immer irgendwas zu planen, da gibt es immer Arbeit. Wir haben die Zeit genutzt, um intensiv mit den Spielern zu reden und wir haben ja auch einen Wechsel bei den Trainern. Und dann die ganzen Fragen: Fängt es an, fängt es nicht an, geht’s los, wann geht es los, wo kann man trainieren? Das alles muss man vorplanen, dass man gleich anfangen kann, wenn es wieder möglich ist, und sich nicht erst dann hinsetzt und drei Tage planen muss. Gleichzeitig haben wir mit Florian Heitzmann und Ranil Weerakkody schon für die neue Saison die Trainer verpflichtet. Wenn man das alles seriös abarbeiten will, ist das schon zeitintensiv.

"Ein Abbruch ist

die fairste Lösung."
BZ: Der Südbadische Fußballverband will sich nach Ostern erklären, vieles deutet auf einen Saisonabbruch hin. Was ist Ihre Meinung zu dem Thema?
Eckert: Ein Abbruch ist insgesamt genommen die sinnvollste Lösung. Die Mannschaften haben jetzt fast ein halbes Jahr kein Fußball gespielt. Würde man die Hinrunde noch beenden wollen, würde man in ein paar wenigen Spielen wichtige Entscheidungen wie Auf- und Abstieg herbeiführen... (atmet tief durch), wenn man jetzt abbricht, können sich alle auf die neue Saison konzentrieren und deshalb gehe ich davon aus, dass auch es so kommt. Ein Abbruch ohne Wertung der Saison ist die fairste und sportlichste Lösung.

BZ: Wie ist die Situation im Verein: Wer trainiert derzeit, wer nicht?
Eckert: Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald liegt bei knapp 70. Training für Fußballer von 14 Jahren an aufwärts darf nur stattfinden, wenn die Inzidenz unter 50 liegt. Da das nicht der Fall ist, trainieren unsere Aktiven und unsere älteren Jugendmannschaften nicht. Ich denke, dass wir einen Wert unter 50 in absehbarer Zeit auch nicht erreichen werden. 20 Kinder bis 14 Jahre dürfen bis zu einer Inzidenz von 100 draußen Fußball spielen und trainieren, da Fußball als kontaktarmer Sport eingestuft wurde. Seit diese Regelung Anfang März in Kraft trat, sind bei uns alle Nachwuchsmannschaften von den Bambinis bis zur C-Jugend peu à peu wieder ins Training eingestiegen. Irgendwann kam dann noch einmal Neuschnee dazwischen und hat den Trainingsbetrieb unterbrochen.

BZ: Der Nachholbedarf ist nach so einer langen Pause sehr groß: Gehen wir mal davon aus, dass der Südbadische Fußballverband die Saison abbricht und irgendwann im Mai die Inzidenz im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald unter 50 sinkt – würden die Aktiven dann wieder auf den Platz gehen und trainieren, obgleich die neue Saison erst im August beginnt?

Eckert: Wenn der beschriebene Fall eintritt, dann werden wir so schnell wie möglich rausgehen und das Training bei den älteren Jugendmannschaften und den Aktiven wieder aufnehmen. Wir würden dann nach den aktuellen Vorgaben trainieren und darauf hoffen, dass man auch wieder Testspiele bestreiten kann und das bis Ende Juni so durchziehen. Anschließend würden wir eine kleine Pause machen und dann in die Vorbereitung für die neue Runde einsteigen.

BZ: Wie nehmen Sie Auswirkungen der Pandemie auf das Vereinsleben wahr?
Eckert: Die Auswirkungen sind erheblich. Alles fehlt: das regelmäßige Training, der regelmäßige Umgang miteinander, dass man mal zusammensitzt und redet, alles Richtung Teamgeist geht verloren.

BZ: Befürchten Sie langfristige Auswirkungen für die Sportvereine durch die Pandemie?
Eckert: Das ist schwierig einzuschätzen, weil man derzeit keine Sicht drauf hat. Die Jugendlichen und Aktiven sind ja im Moment nicht da. Bisher habe ich auch keine Rückmeldung der Jugendtrainer, wie die Beteiligung in den Trainingseinheiten war. Ich befürchte aber schon, dass der eine oder andere im Alter von 14 bis 18 in der langen fußballlosen Zeit entweder die Lust verloren hat oder sich anderen Freizeitbeschäftigungen zugewandt hat. Das könnte schon passieren, ob es in großem Maße passiert, weiß ich nicht. Bei den Aktiven bin ich mir aktuell sicher, dass keiner sagt, ich habe keine Lust mehr. Ich bin mir sicher, die brennen.

"Ich bin mir sicher,

die Aktiven brennen."
BZ: Wie weit ist der FCN mit den Personalplanungen für die neue Saison?
Eckert: Im Grunde sind wir schon fertig. Der junge Torwart Giuliano Vitacca ist im Winter zu uns gewechselt. Er stammt aus unserer Jugend, er wohnt in Neustadt und hat zuletzt einige Jahre in den Jugendmannschaften des Freiburger FC gespielt. Wir mussten ja was unternehmen, da unser Stammkeeper Manuel Werner wegen eines Kreuzbandrisses noch bis in den Herbst hinein ausfällt und wir mit Ivan Delic nur einen einsatzfähigen Torwart hatten. Dann haben wir den 18-jährigen Mittelfeldspieler David Tritschler zu uns geholt. Er stammt aus Hinterzarten und ist auch Jugendspieler beim FFC gewesen. Johannes Bußhardt kommt ebenfalls zu uns zurück. Er war studienbedingt im Schwäbischen unterwegs. Arthur Balke hat schon mal bei uns gespielt und schließt sich uns wieder an, er war beim SV Hinterzarten. Und in Moritz Gollrad, Rolf Humagain und Jannik Schlegel rücken drei Jugendspieler zu uns auf.

BZ: Sie werden bald pensioniert: Bleiben Sie dem FCN als Sportvorstand erhalten?
Eckert: Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Kurzfristig wird sich auf keinen Fall etwas ändern. Ich kann ja nicht hingehen und sagen, wir haben jetzt ein halbes Jahr nicht mehr gekickt, ich gehe in Rente und bin dann mal weg. Das wird nicht passieren. Natürlich denkt man manchmal nach und fragt sich selbst, wie lange machst du das noch. Fakt ist: Der Altersunterschied von den Spielern zu mir wird immer größer. Da fragt man sich, muss da nicht irgendwann jemand diesen Job machen, der näher an den jungen Spielern dran ist.

BZ: Die sportliche Führung in einem Fußballverein kann nicht irgendjemand übernehmen. Das hat man gesehen, als Alfons Janisch vor vielen Jahren als Spielausschussvorsitzender beim FC Neustadt aufgehört hat. Anschließend wurden etliche Lösungen ausprobiert – erfolglos.
Eckert: Wir haben vor ein paar Jahren im Verein ein paar Sachen umstrukturiert. Uns war klar, wir müssen das irgendwie anders angehen. Zunächst war ich zweiter Vorsitzender mit der Aufgabe, den sportlichen Bereich zu betreuen. Wir haben dann entschieden, das Kind anders zu nennen, so kam es zu der Position des Sportvorstands. Ich habe gesagt, wenn schon verantwortlich, dann verantwortlich für alles: für den Spielbetrieb von den Allerkleinsten bis zu den Großen, um alles wieder näher zusammenzuführen. Wir wollten weg davon, dass wir eine Jugend- und eine Aktivenabteilung haben, sondern wir haben einen Sportbetrieb, in dem uns der Kleinste genauso wichtig ist wie der Älteste.

BZ: Ein guter Ansatz, aber nicht jeder kann ihn erfolgreich umsetzen.
Eckert: Wir haben vor einem Jahr Jannik Waldvogel bei uns als Spielausschuss installiert, er ist für den Spielbetrieb der Aktiven genauso verantwortlich wie ich. Bei Jannik könnte ich mir gut vorstellen, dass er in die Rolle des Spielausschusses oder Sportvorstands reinwächst.