Schwarzwald

Wie gehen die Amateurfußballer mit dem Abbruch der Spielzeit 2020/21 um?

Jürgen Ruoff, Johannes Bachmann

Von Jürgen Ruoff & Johannes Bachmann

Mo, 12. April 2021 um 08:48 Uhr

Landesliga Staffel 3

Aus und vorbei: Die Annullierung der Spielzeit 2020/21 trifft Amateurfußballer im Schwarzwald hart. Trainer, Spieler und Funktionäre sind zwischen Frust und Hoffnung. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Es ist, als hätte es diese Saison nie gegeben. Mit dem seit Wochen erwarteten, angesichts der Pandemie befürchteten und mit Blick auf die aktuellen Inzidenzzahlen offensichtlich unvermeidlichen Aus gibt es jetzt einen harten Schlussstrich. Der Südbadische Fußballverband (SBFV) hat die Spielzeit 2020/21 abgebrochen, die Hoffnung auf wenigstens die Beendigung der Vorrundenspiele hat sich zerschlagen. Die komplette Spielzeit der Amateurfußballer wird annulliert, es wird keine Meister, weder Auf- noch Absteiger geben. Für Frauenteams, Jugendkicker und alle Männermannschaften von der Verbandsliga bis hinunter zur Kreisliga C gibt es nach einer Saison zum Vergessen nur Verdruss. Was bedeutet das für die Kicker zwischen Schwarzwald und Baar? Wie kann es weitergehen? Gibt es wenigstens Hoffnung auf ein bisschen "Bällele"? Trifft dieses verlorene Jahr König Fußball ins Mark? Die BZ hat sich umgehört.

"Das ist die richtige Entscheidung, ich bin absolut dafür." Fabian Papa
Thomas Schmidt, Präsident des Südbadischen Fußballverbands: "Wir haben bis zuletzt gehofft, mussten nun aber diese bittere Entscheidung treffen. Es war richtig, dass wir uns die Chance so lange wie möglich offengehalten haben, die Saison über den Abschluss der Hinrunde zu einer sportlichen Wertung zu führen. Das ist unsere Aufgabe als Verband und Verpflichtung gegenüber unseren Vereinen, für die eine Annullierung teilweise auch wirtschaftlich erhebliche Folgen hat. Ein Abbruch ist deshalb erst dann sachgerecht, wenn in der verbleibenden Zeit keine sportliche Entscheidung mehr herbeigeführt werden kann. Dieser Punkt war nun erreicht."

Fabian Papa, Abwehrspieler des Fußball-Landesligisten FC Neustadt: "Das ist die richtige Entscheidung, ich bin absolut dafür. Es ist die längste Pause, die ich als Fußballer je erlebt habe. Ich bin Laufen gegangen, wir haben mit Dominic D’Antino, unserem Athletiktrainer, ein Fitnessprogramm gemacht und ich habe Tennis gespielt, als man es wieder durfte. Tennis habe ich schon immer gespielt, es ist sportlich neben dem Fußball meine Leidenschaft. Die Folgen der langen Fußballpause kann ich nicht abschätzen, ich hoffe allerdings, dass die Auswirkungen beim Nachwuchs nicht zu groß sind. Den Junioren fehlen allerdings fast eineinhalb Jahre Entwicklungsphase."

Simon Weißenberger, Offensivspieler des Fußball-Landesligisten FC Löffingen: "Ich habe mich schon ein Stück weit darauf eingestellt, dass die Saison abgebrochen wird. Aber es ist natürlich schade, ich hätte mich schon gefreut, wenn wir noch einmal gespielt hätten. Wir Spieler haben ’Runtastic’ gemacht: Man joggt eine Strecke, trackt den Lauf und kann sich so mit den Kollegen vergleichen. Ziel war, auf mindestens 20 Kilometer in der Woche zu kommen. Mit steigenden Inzidenzzahlen hat jedoch die Motivation fürs Joggen nachgelassen. Irgendwann will man halt wieder den Ball am Fuß haben. So eine lange Pause ist was völlig Neues für mich. Es ist jammerschade, dass man seine Teamkollegen nicht mehr sieht, und deshalb freue ich mich total, wenn es irgendwann wieder losgeht."

"Ich bin überzeugt, meine Jungs brennen darauf, Ende Mai oder vielleicht im Juni wieder am Ball zu sein." Björn Schlageter
Matthias Rogg, Spielausschussvorsitzender des Fußball-Bezirksligisten SV Hölzlebruck: "Der Saisonabbruch ist die einzig richtige Entscheidung. Es macht wenig Sinn, die Spielzeit fortzusetzen. Ich hätte es sportlich auch für keine faire Entscheidung gehalten, allein die Hinrunde für Auf- und Abstieg zu werten. Fußballmäßig waren die vergangenen anderthalb Jahre ein Desaster, für alles andere im Leben natürlich auch. Ich denke, wir alle wären froh, wenn wir wieder einmal eine Saison durchspielen könnten, denn wir kicken ja alle gern. Aber Fußball ist in dieser Phase nicht das Wichtigste, sondern nur ein Hobby. Ich denke, dass unsere Mannschaften wieder trainieren werden, wenn es die Inzidenzzahlen im Mai oder Juni zulassen, aber grundsätzlich ist das die Entscheidung unseres Trainers Tobias Urban."

Björn Schlageter, Trainer des Bezirksligisten TuS Bonndorf: "Es ist gut, dass die Entscheidung endlich da ist, so bitter der Saisonabbruch auch ist. Das schafft Klarheit. Es gab keine wirkliche Alternative, die Zeit, um zumindest die Vorrundenspiele noch zu absolvieren, war einfach zu knapp. Das heißt für uns, alles auf Null. Das ist herb, aber ist halt so. Ich hab’ mit meinen Kickern online und per Telefon kommuniziert. Wir sind uns einig, das jetzt einfach Schluss ist. Es macht keinen Sinn, jetzt einen wie auch immer gearteten künstlichen Druck aufrecht zu halten oder so zu tun, als ob da noch was kommt. Wir machen jetzt Pause. Punkt. Die Jungs sollen Abstand gewinnen. Es wird auch kein virtuelles Training geben. Es gibt im Moment einfach keine Ziele mehr, auch im Pokal gibt es keine Herausforderungen für den TuS. Wir müssen akzeptieren, dass der Fußball, wenn man auch auf die vergangene, abgebrochene Saison blickt, anderthalb Jahre verloren hat. An einen Abwanderungseffekt, etwa ins Lager der Läufer oder Radfahrer, glaube ich nicht. Einmal Fußballer, immer Fußballer. Ich bin überzeugt, meine Jungs brennen darauf, Ende Mai oder vielleicht im Juni wieder am Ball zu sein."

"Wir müssen abwarten und Geduld haben, hab’ ich meinen Spielern gesagt. Auch ohne Fußball lässt sich das Leben genießen." Thomas Wolf
Daniel Stritt, Vereinschef des SV Grafenhausen: "Die Funktionäre haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und bis zuletzt auf eine andere Lösung gehofft. Doch die Pandemie lässt ihnen keine Chance. Der Saisonabbruch ist die einzig mögliche und einigermaßen faire Lösung. Natürlich ist es bitter, dass von dieser Spielzeit de facto nichts übrig bleibt. Es ist, als hätten wir nie gespielt. Dabei wäre für uns beim SV Grafenhausen das Ziel durchaus machbar gewesen. Wir hätten noch vier Vorrundenspiele absolvierten müssen. Obwohl die Saison verloren ist, glaube ich, zumindest was unseren Verein angeht, nicht an einen negativen Effekt. Wir werden keine Spieler verlieren, da bin ich mir absolut sicher. Für die aktiven Kicker ist so eine wettkampffreie Zeit allerdings leichter auszuhalten, als für die Jugendfußballer. Den Jungkickern wurde und wird durch die Pandemie die Chance geraubt, sich zu entwickeln. Denen fehlt die Zeit intensiver Ausbildung am Ball. Zeit, die sich nicht zurückholen lässt. Eine Pause gibt es bei uns nicht. Die Jungs sind heiß darauf, sobald es geht, wieder gemeinsam zu trainieren und nicht nur in Zweierteams. Im Moment gibt es ein virtuelles Band, das alle verbindet: Einmal pro Woche gibt es einen Online-Fitnessabend."

Thomas Wolf, Trainer des A-Kreisligisten SG Dittishausen/Unadingen: "Was soll ich sagen, ich hab’s erwartet. Der Abbruch war die einzige Chance. Wenn nix geht, muss Schluss sein. Wie es weitergeht mit dem Fußball, ist eine spannende Frage. In unserer SG geht erst mal gar nix. Wieder dürfen ja nix. Zweier-Training hat mit Fußball nichts zu tun. Da machen wir lieber gar nichts. Es gibt momentan auch nichts zu planen. Das Virus hat bisher alle Vorausschauen zur Makulatur gemacht. Wir müssen abwarten und Geduld haben, hab’ ich meinen Spielern gesagt. Auch ohne Fußball lässt sich das Leben genießen."

Hubert Müller und Lieschen Maier, glühende Fußballfans, seit sechs Monaten von allen Kickplätzen zwischen Feldberg, Neustadt, Donaueschingen und Villingen verbannt: "Es ist zum Heulen. Am Samstag oder Sonntag zwei oder, wenn man das Nachspiel im Vereinsheim mitrechnet, vier Stunden Basiserlebnis am Ball zu erleben, das war und das ist einfach Lebensqualität. Das fehlt unheimlich. Das Mitfiebern, das Fachsimpeln und natürlich das Meckern über das, was auf dem Platz passiert, ist nicht zu ersetzen. Wir sagen nur: Schiedsrichter Telefon. Da geht jetzt schon seit Monaten keiner ran. So richtig rumgoschen neben dem Platz, das reinigt die Seele, wenn es wieder losgeht mit dem Fußball. Es ist höchste Zeit, dass sich dieses Corona endlich vom Acker macht. Wir brauchen den Fußball. Der Fußball braucht uns. Wir kommen zurück. Versprochen."