Menschen von nebenan

Dieser Mann hat beim Wiederaufbau der Freiburger Uni mitgearbeitet

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mi, 26. Juni 2019 um 12:04 Uhr

Kappel

Den heute 91-jährigen Wolfgang Kreis aus Kappel zog es 1962 von Berlin in den Breisgau. Dort war der Architekt unter anderem für das Uni-Bauamt tätig, wo er auch seine Frau kennenlernte.

Als kleiner Junge hat Wolfgang Kreis (91) ständig Häuser gezeichnet – so dass sein Großvater früh sagte: "Das wird ein Architekt." Er hatte Recht. Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen, und Wolfgang Kreis denkt gern daran zurück, wie er 1962 als junger Architekt nach Freiburg kam und beim Wiederaufbaubüro der Universität einstieg. Daran, aber auch an andere Etappen seines Lebens, hat er viele Erinnerungen: Er fing in den 1950ern an zu fotografieren, hat viel gefilmt, führt seit 1962 diszipliniert Tagebuch und hat auch privat immer weiter gemalt.

Kreis erstellte Fotobücher über seine Reisen und führte Tagebuch

Seit einem Jahr kommt Wolfgang Kreis nicht mehr oft nach draußen. Er hat nicht mehr viel Kraft. "Alles lässt nach", sagt er, doch das findet er nicht tragisch: "Es ist eine Begleiterscheinung des Alters, ganz normal." Er ist nun meist daheim, in der Wohnung in Kappel, wo er 1983 mit seiner Frau und dem 1975 geborenen Sohn eingezogen ist – der Sohn lebt mittlerweile als Arzt in der Schweiz.

"Das war uns suspekt." Wolfgang Kreis über die Haltung in seiner Familie und seiner Klasse zum Nationalsozialismus
Umso mehr Zeit hat er, um in seinen vielen Erinnerungen zu schwelgen: Zum Beispiel in den Fotobüchern über seine vielen Reisen und den Tagebüchern, die sein ganzes Leben dokumentieren. "Ein ungeheuer reichhaltiges Leben" nennt er es, begonnen hatte es im Januar 1928 in Leipzig, wo er als ältestes von vier Kindern eines Abteilungsleiters einer Schokoladenfabrik geboren wurde. Es waren keine einfachen Zeiten: 1943 wurde er als 15-Jähriger wie alle anderen in seiner Klasse seines Gymnasiums zum Flakhelfer. "Wir haben mitgemacht, weil das so üblich war", sagt Wolfgang Kreis, die Haltung in seiner Familie und seiner Klasse zum Nationalsozialismus beschreibt er als distanziert: "Das war uns suspekt." Nach dem Krieg kamen erst die Amerikaner nach Leipzig, dann die Russen.

Dreiländereck zog Wolfgang Kreis "magisch an"

Er machte sein Abitur, besuchte die Kunstgewerbeschule, ging nach Berlin und studierte Architektur an der Technischen Universität. Danach wurde er Beamter in der Bundesbauverwaltung, doch inmitten der Beamtenbürokratie fühlte er sich nicht wohl. Als er und ein Kollege 1962 eine Ausschreibung des Wiederaufbaubüros der Freiburger Uni lasen, bewarben sie sich – das klappte.

"Alles war kleiner als in Berlin, aber sympathischer, lockerer und gelassener" Wolfgang Kreis
Wolfgang Kreis kannte die Gegend nur von der Landkarte, da aber hatte sie ihn immer fasziniert: Die Ecke zwischen Frankreich, der Schweiz und Deutschland habe ihn schon als Kind "magisch angezogen", sagt er, er weiß nicht, warum. Der erste Eindruck war trotzdem enttäuschend, das kleine Freiburg erschien ihm nicht größer als Neukölln. Doch dann gefielen ihm der Schwarzwald und die gesamte Umgebung, die Atmosphäre und die Nähe zu Basel immer besser. "Alles war kleiner als in Berlin, aber sympathischer, lockerer und gelassener", sagt er.

Wiederaufbaubüro wurde später zum Uni-Bauamt

Und er mochte seine neue Arbeit, es gab viel zu tun und große Freiräume: "Es waren sehr gute Zeiten zum Bauen, wir hatten wenig Einschränkungen." Der Krieg hatte große Teile der Uni-Gebäude zerstört, Wolfgang Kreis war vor allem für das Institutsviertel und den Wiederaufbau der Abteilungen für Chemie, Zoologie und Medizin zuständig.

"Was schön war, sollte man festhalten" Wolfgang Kreis
Das Wiederaufbaubüro wurde später zum Uni-Bauamt. Auch seine zweite Frau arbeitete dort, im Sekretariat, so lernten sich die beiden 1966 kennen und heirateten 1968. Wolfgang Kreis war davor ab 1952 in Berlin bereits verheiratet gewesen, doch das Paar hatte sich nach einer Weile getrennt. Anfang der 1970er wechselte Wolfgang Kreis zur Informationsstelle Wirtschaftliches Bauen, die im Gebäude des Uni-Bauamts vor der Uni-Klinik untergebracht war, aber dem Finanzministerium unterstand. Dort berechnete er die Kosten von Gebäuden in ganz Baden-Württemberg. Diese Verwaltungsarbeit war weniger kreativ als das Architektendasein, doch es hat ihm Spaß gemacht.

Egal, wo er gearbeitet und gelebt hat: Immer dokumentierte Wolfgang Kreis sein Leben mit Fotos, Texten, Zeichnungen. "Was schön war, sollte man festhalten", findet er.

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