Wentzinger-Gymnasium

Schüler diskutieren in Freiburg mit Gemeinderatskandidaten

Thomas Goebel

Von Thomas Goebel

Mi, 20. März 2019 um 14:38 Uhr

Mooswald

Schülerinnen und Schüler diskutieren in kleinen Gruppen mit Kandidierenden – und probieren am Wentzinger-Gymnasium ein neues Format für die Kommunalwahl aus.

Was interessiert Schülerinnen und Schüler, die im Mai zum ersten Mal wählen dürfen, an der Freiburger Kommunalpolitik? Digitalisierung der Schulen und Klimaschutz zum Beispiel. Der neue Stadtteil Dietenbach, der Stadionneubau und die Stadtentwicklung. Öffentlicher Nahverkehr und Sicherheit. Über all das diskutierten am Dienstagmorgen 80 Schüler des Freiburger Wentzinger-Gymnasiums mit acht Gemeinderatskandidaten – bei einer Veranstaltung, wie es sie an Schulen bisher noch nie gab.

"Wo wollen Sie das Geld denn hernehmen? Das können Sie ja dann woanders nicht mehr ausgeben" Schüler Mattis Hoenig
Zwölf Schülerinnen und Schüler sitzen im Kreis. Mit dabei: Günter Rausch, Gemeinderatskandidat der Linken Liste für die Wahl am 26. Mai. "Was würden Sie für Jugendliche tun?", steht auf einem Zettel – und Rausch legt gleich los: Er lobt den Klimastreik der Schüler, erzählt von seinem Protest gegen das Atomkraftwerk Wyhl in den 1970er Jahren, schimpft über die viel zu langsame Digitalisierung der Freiburger Schulen, in die viel mehr Geld fließen müsse. "Wo wollen Sie das Geld denn hernehmen? Das können Sie ja dann woanders nicht mehr ausgeben", sagt Schüler Mattis Hoenig. Rausch redet über Einsparpotenziale beim Straßenbau, mit Autos durch die Stadt zu rasen sei nicht mehr zeitgemäß. Auf der B 31 im Stau zu stehen, auch nicht, entgegnet ein anderer Schüler, und schon diskutieren sie über den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Das Format wurde ursprünglich für Abendveranstaltungen entwickelt

Keine Podiumsgespräch vor Publikum – sondern persönliche Diskussionen von Schülerinnen und Schülern mit den Kandidierenden in kleinen Gruppen: Das ist die Idee des Projekts, und sie funktioniert ziemlich gut an diesem Morgen. Organisiert haben das Ganze die Fachschaft der Gemeinschaftskundelehrer am Wentzinger-Gymnasium und die Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Das Format wurde eigentlich für Abendveranstaltungen entwickelt – es jetzt auf eine Schule zu übertragen ist ein Experiment.

Zum Start am Morgen hatten Mitarbeiterinnen der LpB mit allen 80 Schülern der Kursstufe zwei über wichtige Themenfelder der Kommunalpolitik gesprochen und ihnen die Besonderheiten der Freiburger Wahl zum Gemeinderat erklärt – zum Beispiel, warum jeder 48 Stimmen hat, so viele wie es Sitze gibt. Die meisten Schüler sind 17 oder 18 Jahre alt, bei der Kommunalwahl gilt das Wahlrecht ab 16, sie dürfen zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Aber für wen? In sechs Kleingruppen können sie darüber anschließend mit jeweils ein bis zwei Kandidatinnen diskutieren – alle acht Gemeinderatsfraktionen sind vertreten. Alle zehn Minuten wechseln die Gruppen, nach einer Stunde haben alle Schüler mit allen Kandidaten gesprochen.

An einem Tisch sitzen Artur Frei, 28, von Junges Freiburg und Selma Nabulsi, 21, von der CDU. Hier ignorieren die Schüler die Einstiegsfrage auf dem Zettel, es geht gleich um die EU-Reform des Urheberrechts und die Gefahr der Zensur des Internets durch so genannte Uploadfilter, die beide Kandidaten ablehnen. "Ich bin in Freiburg und nicht in Berlin, ich muss mich nicht in allem an die Parteilinie halten", sagt Nabulsi.

Die Themen der Schüler gehen deutlich über den Schulalltag hinaus

Einige diskutieren mit in den Gruppen, die meisten hören zu – aber immer kommt ein engagiertes Gespräch zustande. Die Themen der Schüler gehen deutlich über ihren Schulalltag hinaus. Schüler Daniel Hauk zum Beispiel befragt gleich mehrere Kandidaten nach Ihren Konzepten gegen Kriminalität und für mehr Sicherheit in der Stadt. Julia Söhne von der SPD erzählt, wie sich in ihrem Umfeld nach den Mord- und Vergewaltigungsfällen in Freiburg das Sicherheitsgefühl verändert hat und warum sie inzwischen einen Kommunalen Ordnungsdienst "als Puffer zwischen Polizei und Bevölkerung" sinnvoll findet.

FDP-Kandidatin Marianne Schäfer diskutiert darüber, wie sich der Unterricht durch die Digitalisierung sinnvoll verändern lässt und erklärt, warum sie gegen flächendeckende Videoüberwachung ist. Von Gerlinde Schrempp (Freiburg Lebenswert) wollen die Schüler wissen, warum sie gegen den neuen Stadtteil Dietenbach und das SC-Stadion ist. Johannes Gröger (Freie Wähler) wirbt für ein Fragerecht der Bürger im Gemeinderat. Und Jesko Treiber von den Grünen steigt mit Mattis Hoenig in eine engagierte Diskussion über Kohlekraftwerke, erneuerbare Energien und Speichertechnologien ein. Am Mittag sehen die meisten etwas erschöpft, aber zufrieden aus. Und als Johannes Gröger in der gemeinsamen Abschlussrunde sagt: "Die Erstwähler sind deutlich politischer geworden", da nicken alle anderen sieben Kandidatinnen und Kandidaten.

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