Die Unglaubliche

Die Freiburger Mountainbikerin Bettina Janas führt die Weltrangliste an

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 21. Juli 2019 um 14:06 Uhr

Mountainbike

Der Sonntag Ihre Krankenakte ist länger als die Mängelliste des BER. Gebrochenes Schien- und Wadenbein, ein Loch im Herz: Eigentlich dürfte die Freiburger Mountainbikerin "Betty" Janas gar keinen Sport mehr machen.

Und dennoch führt die 31-Jährige aktuell die Weltrangliste an.Zu den verfügbaren Stunden eines Tages hat Betty Janas deshalb ihr ganz eigenes Verhältnis. "Ärgerlich, dass Regeneration mindestens so wichtig ist wie Training", lacht Janas. Der Satz fängt gleich mehrere Charakteristika der 31-jährigen Mountainbikerin ein. Zum einen ist der Breisgauer Blondschopf eine Frohnatur. Das Lachen lässt sie sich nicht nehmen – allem Stress und Rückschlägen zum Trotz. Zum anderen müsste ihr Tag deutlich mehr Stunden haben.

Denn viel Zeit für Schlaf bleibt der Gymnasiallehrerin in einer normalen Woche nicht. Schließlich hat sie zwei Hauptberufe: Am Vormittag ist sie Spanisch-, Deutsch und Sportlehrerin, nachmittags und am Wochenende gehört sie im Marathon-Mountainbiking zur absoluten Weltelite.

Das Lachen lässt sie sich nicht nehmen

An einer Freiburger Gesamtschule hat sie in ihren nicht gerade korrekturarmen Unterrichtsfächern eine 28-Stundenwoche, reine Unterrichtszeit. Hinzu kommen wöchentlich 20 Stunden Training. Wobei die echte Belastung des Stresshaushalts erst an den Wochenenden ansteht, wenn Janas zu den Wettkämpfen rund um den Globus jettet. Ihr bisheriger Rekord: 38 Wettkampftage in einem Jahr. Zeit zum Entspannen bleibt da kaum.

Im Winter ist der Spagat zwischen Hochleistungssport und Dasein als Oberstudienrätin noch schwerer. "Als Mountainbikerin bin ich aufs Tageslicht angewiesen", schmunzelt Janas. Bei frühem Einbruch der Dämmerung gerät das Aufrechterhalten der eigenen Form zur regelrechten Quadratur des Kreises.

Dennoch dürfte all das derzeit nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Momentan nämlich gelingt ihr die Quadratur ausgesprochen erfolgreich. Und angenehmerweise bekommt sie das aktuell täglich schwarz auf weiß zurückgemeldet. Zum dritten Mal in ihrer Karriere kann sich Janas beim Betrachten der Weltrangliste im MTB-Marathon darüber freuen, dass ihr Name ganz oben erscheint.

Was umso erstaunlicher ist, da der Ausdauersportlerin bereits mehrere Male das unwiderruflich Ende ihrer Sportkarriere verkündet wurde. Das erste potenzielle Ende ihrer Laufbahn ereignete sich ein paar Monate nach ihrem größten Erfolg. Eigentlich als Turnerin und Basketballerin in ihre Laufbahn gestartet, fand sie nach dem Abitur immer größeren Gefallen am Ausdauersport. "Ich habe schon ein Faible dafür, mich zu quälen."

Im Sommer 2010 wurde sie zum ersten Mal als weltbeste Athletin ihrer Disziplin ausgezeichnet. Auf Hawaii gewann sie die Weltmeisterschaft im Crosstriathlon ihrer Altersklasse (U 25). Im Jahr zuvor hatte sie bereits die Europameisterschaft gewonnen. Aber kurz nach dem Höhepunkt kam der denkbar tiefste Sturz. "Wobei der ja eher unspektakulär war."

Bei einem Training im Frühjahr 2011 stürzte die Weltmeisterin auf einem langsamen Streckenabschnitt im sprichwörtlichen Schneckentempo. Da sie aber nicht aus den Klickpedalen kam, fiel sie derart unglücklich, dass Schien- und Wadenbein sowie das Sprunggelenk brachen.

"Ich habe mich zurückgearbeitet, aber das Laufen war mühsam", erzählt Janas, die sich zudem im Schwimmen nie ganz heimisch gefühlt hatte. Also folgte rasch der Entschluss zur Neuausrichtung. "Sie lässt sich von Rückschlägen nicht unterkriegen", findet ihr Bruder Patrick Uhlig. Der dreifache Hochschulmeister im Cross Country half Janas 2011, auf die Mountainbike-Marathonvariante umzusatteln. Die sich durch viele Anstiege und lange Distanzen auszeichnet. Wobei die Längen je nach Wettkampf variieren.

Reich macht der Erfolg im MTB-Sport nicht

Die Erfolge ließen indes nicht lange auf sich warten. Auch ein gesprengtes Schultergelenk und mehrere gebrochene Mittelhandknochen hielten sie nicht auf. 2012 sicherte sie sich direkt die Hochschulmeisterschaft. Mit ihrem Mann Tom gewann sie 2013 das prestigeträchtige Cape Pioneer Rennen in Südafrika.

Beim nicht minder reputationsreichen Brasil Ride holten sie 2017 gemeinsam Bronze. Viel Auszeichnung also für die hochdekorierte Breisgauerin, die sich aber nicht in materiellem Überschuss niederschlägt. Zwar kann sie ihre Ausrüstung über Sponsoren abdecken, die Reisekosten über Preisgelder finanzieren, reich macht ihr Erfolg aber nicht. Auch weil es in der nicht olympischen Disziplin keine richtigen Nationalkaderstrukturen gibt. Was wiederum ihr enges Zeitkorsett und ihre zwei Jobs erklärt.

Das zweite potenzielle Karriereende attestierten Ärzte Janas dann im vergangenen Jahr, als in ihrem Herz ein angeborenes Loch festgestellt wurde. "19 Millimeter groß, sodass eigentlich höchstens 50 Prozent des Sauerstoffs ins Blut kommen." Der Eingriff am Herz verlief problemlos. Und Janas bewies einmal mehr Stehauf-Qualitäten. Acht Wochen nach der OP gewann sie in Furtwangen den Schwarzwald Bike Marathon.

Auch dieses Jahr läuft es hervorragend: Vier internationale Rennen in Frankreich, der Schweiz, und Spanien hat sie gewonnen. Auf das Podest einer Weltmeisterschaft wird sie es aber trotzdem wohl nie schaffen. "Was bei den Besten abgeht, ist nicht normal", sagt Janas. Zuversicht stiftet, dass Marathonfahrerrinnen bis ins hohe Alter auf hohem Niveau agieren. Janas bliebe also noch Zeit. Und zu Zeit hat sie schließlich ihr ganz eigenes Verhältnis.