Romantik und Raritäten

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mo, 22. Juli 2019

Klassik

Lieder der Frühe: Konzert der Camerata Vocale Freiburg.

Zum Leben gehört der Abschied. Mendelssohns Eichendorff-Vertonung "Abschied vom Walde" sang die Camerata Vocale jetzt als erste Zugabe bei ihrem Sommerkonzert im Freiburger Kaufhaussaal – tags darauf wurde das europäische Programm mit hohem A-cappella-Anteil in der Kirchzartener Galluskirche wiederholt. Zu der Forte-Stelle "saust die geschäft’ge Welt" beschleunigte der Dirigent Winfried Toll das Grundtempo Andante non lento des populären Es-Dur-Satzes. Bis dahin war Mendelssohn bei diesem pausenlosen Abend unter dem Motto "Lieder der Frühe" noch nicht vorgekommen. Dafür andere Romantiker.

Zuvörderst: Brahms. Bei den Kostproben aus den Chorliedern op. 62 zeigte sich Toll – nicht nur bei der bekannten "Waldesnacht" – als engagierter Gestalter, der seinen bestens geschulten, leistungsfähigen Kammerchor nicht zuletzt auch im Moment der Aufführung formt und fordert. Der Brahms-Klang: plastisch und sonor. Aufs Feld der Raritäten begab sich die Camerata bei den Quartetten mit Klavier des Brahms-Eleven Gustav Jenner. Stets bleibt in diesen Chören des auf Sylt geborenen Schülers das Vorbild seines aus Hamburg stammenden großen Lehrers erkennbar. Jenner inszeniert in den von Hilko Dumno am Klavier so versiert wie feinfühlig begleiteten Sätzen auch die Dramatik. Und wer die noblen Sopranhöhen der Camerata liebt: Bei Jenner wurde man fündig. Dessen Musik sich als lohnende Ausgrabung erwies.

Wie inspiriert und keineswegs bürgerschreckhaft Paul Hindemith Rilke-Texte vertonte: Bei den "Six Chansons" wird dies deutlich. Eine eigene englische Farbe kam mit den "Shakespeare Songs" von Ralph Vaughan Williams in die Werkfolge. Und Henk Badings stand originell für die Niederlande. Dass ein weltliches, die Morgenröte bewegt besingendes Madrigal Claudio Monteverdis bisweilen in die Nähe der Musica sacra gerät: In "Ecco mormorar l’onde" hört man es.

Der amerikanische Komponist William Hawley (Jahrgang 1950) beweist Mut, indem er sich ("Io son la primavera") zur Tonalität bekennt. Die Camerata bot das spätromantisch klingende zehnstimmige Werk ausdrucksstark und souverän. Und wenn sich, wie ganz am Ende bei Mendelssohns "Abschied vom Walde", die Sept des vorausgehenden Dominantseptakkords sanft in die Terz der Tonika des Finalakkords auflöst: Bei kaum einem anderen Chor wirkt das so wohlig wie bei Tolls Camerata Vocale.