Ausstellung

Freiburger Fotograf Leif Geiges und Hans Benders Parapsychologie

Martin Halter

Von Martin Halter

Mo, 03. Mai 2021 um 20:15 Uhr

Kunst

Schönbildner und Spukprofessor: Wie der Freiburger Fotograf Leif Geiges Hans Benders Parapsychologie dokumentierte, zeigt jetzt eine Ausstellung im Freiburger Augustinermuseum.

Die Schlange des Bösen ringelt sich tückisch im Paradies der züchtigen Hausfrau. Mit sichtlichem Ekel und Entsetzen hält Frau S. das Ende des obszön verdrehten Teppichs in Händen, der, wie ein anderes Bild belegen soll, eben noch ordentlich zusammengefaltet auf der Treppe zum Speicher stand. Hier, im Spukhaus von Lauter, wo übler Schabernack Teppiche ihrer Form und Zinnkannen ihres Deckels beraubte, bewährte sich der Freiburger Parapsychologe Hans Bender einmal mehr als Grandseigneur der wissenschaftlicher Geisterjagd – und Leif Geiges (1915–1990), der Enkel des bekannten Freiburger Glasmalers Fritz Geiges, als Meister der Spukfotografie.

Als die beiden 1949 anrückten, war der eigentliche Spuk freilich schon längst vorbei. Wie so oft kam Bender zu spät, um die Geister auf frischer Tat zu ertappen, und flüchtige "Spontanereignisse" und affektive "Entladungsphänomene" lassen sich nun einmal kaum unter Laborbedingungen reproduzieren. Bender zog gern technische Apparate (Tonbänder, Fotofallen, später auch klobige Para-Computer wie den "Psi-Recorder 70") und Autoritäten zu Rate (im Spukfall von Neusatz 1951 etwa Pfarrer, Mediziner und sogar Kriminalbeamte), aber er wusste auch: "Technik vertreibt böse Geister".

Die klassische Geisterfotografie mit schwebenden Gerippen und waberndem Ektoplasma war ihm suspekt. So blieb ihm mangels "objektiver Beweise im strengsten Sinne" nur die nachträgliche fotografische Rekonstruktion des Spuks mit den Betroffenen, eine Art von therapeutischem Reenactment.

Aber das Phantastische blüht gerade da, wo scheinbar nichts zu sehen ist. In der Para-Dokumentation, im Reinszenieren, Retuschieren und Fixieren sich ständig entziehender Phänomene lief Benders fotografierender Begleiter zur Hochform auf, wie jetzt eine schöne Ausstellung im Haus der Graphischen Sammlung des Freiburger Augustinermuseums zeigt. In Geiges fand Bender einen kongenialen Partner und Seelenverwandten: Beide waren weder Sensationsreporter noch raunende Metaphysiker, sondern nüchtern und pragmatisch, allzeit dem Klaren, Schönen und Vernünftigen zugetan. Der "Schönbildner" Geiges lud nicht einmal im Krieg als Fotoreporter einer Propagandakompanie Schuld auf sich (sieht man von verlogenen Heimatfront-Idyllen wie "Ein Weihnachtslied für Vati" in der vielgelesenen Berliner Illustrirten Zeitung ab). Als er 1948 sein "Photographisches Atelier für Forschung, Wissenschaft und Kunst" in der Talstraße eröffnete, kamen ihm prominente Wissenschaftler wie Hans Bender als Kunden und Aushängeschilder gerade recht.
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Umgekehrt konnte auch Bender einen handwerklich versierten Fotografen gut gebrauchen, der nicht nur die Techniken von Fotomontage und Doppelbelichtung beherrschte, sondern auch die Kunst populärwissenschaftlicher Inszenierungen. Geiges’ Porträt von Bender als visionärer Denker beim Betrachten von Negativen ist geradezu ikonisch geworden. Geiges half dem akademischen Außenseiter, seine oft belächelte Grenzwissenschaft salonfähig zu machen: 1954 wurde Bender außerordentlicher Professor, 1967 Ordinarius, und im Fernsehen war er bald so etwas wie der Professor Grzimek der Parapsychologie, charismatisch und charmant.

Die Dinge im Haushalt entwickeln ein Eigenleben

Kurator Andreas Fischer, ein ausgewiesener Kenner der Bildgeschichte des Okkultismus, hat jetzt 88 Geiges-Fotos zu einer ästhetisch wie auch medienhistorisch interessanten Ausstellung arrangiert. Die Spannung zwischen dem Setting, den heimlichen Alltagsdramen der Spießer und Spökenkieker, und dem dahinter lauernden Unheimlichen ist förmlich mit Händen zu greifen. Im Medium außer- und übersinnliche Wahrnehmung tun sich Risse in der Heilen Welt der 50er Jahre auf. Wollten die Surrealisten die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch zeigen, so entwickeln Geiges’ Bilder ihren Reiz aus dem unvermuteten Zusammentreffen von oberbayrischem Komödienstadl, Psi- und Para-Technik in der Dunkelkammer des Fotografen.

Im Spukhaus von Lauter fliegen dem verblüfften Hausherrn die eben gekauften Brötchen um die Ohren. Möbel werden wie von Geisterhand verrückt, der Sauerkrauttopf hängt plötzlich an der Decke, der verlorene Schlüssel klebt in der Standuhr. Wurst und Käse verschimmeln, Suppenteller und Nachttöpfe entleeren sich selbsttätig: Die Dinge im Haushalt entwickeln ein Eigenleben, das die Bewohner ratlos, ohnmächtig und verstört zurück lässt. Die zufällige Begegnung von Man Ray und Karl Valentin wirkt bei Geiges oft eher komisch als unheimlich.

Benders und Geiges’ "fotografische Rekonstruktionen" betreiben Aufklärung im luftigen Gewand spiritistischer Foto- und Heimatromane, illustrieren Stimmen aus dem Jenseits mit einer diesseitigen Ikonografie. Das gilt auch für die Geiges-Symbolbilder von einschlägigen Motiven und Techniken wie Hell- und Kristallsehen, Tischrücken und Telekinese, die in Illustrierten oder Broschüren wie "Unser sechster Sinn" auftauchten. Nach 1954 schlief die Zusammenarbeit von Spukprofessor und Schönbildner etwas ein. Geiges kaprizierte sich mehr auf die Themen, die seinem umgänglichen Naturell ohnehin näher lagen: Reisereportagen, Werbefotografie, Bildbände aus der Heimat.

Am Ende der Ausstellung zeigen Spukfotografien von Anna und Bernhard Blume, wie Menschen scheinbar wirklich durch Zeit und Raum gewirbelt und zu Teppichschlangen gezwirbelt werden. Das Subversive, Wilde und Dunkle blieb Geiges fremd. Sein Magischer Realismus wollte, ähnlich wie Benders Parapsychologie, nicht die Wirklichkeit phantastisch verfremden, sondern umgekehrt das Phantastische rational und kontrolliert in die Realität zurück holen.

Haus der Graphischen Sammlung im Augustinermuseum Freiburg. Bis 26. Sept., Di bis So 10–17, Fr bis 19 Uhr. Tickets müssen aufgrund der aktuellen Inzidenz vorab gebucht werden: http://www.freiburg.de/museen oder Tel. 0761/2012550.