Freizügig teilen – auch Daten im Netz

Sabine Dobel

Von Sabine Dobel (dpa)

Fr, 19. Juni 2020

Kultur

Rainer Langhans feiert mit jungem Geist und Körper seinen 80. .

Er propagierte die sexuelle Revolution, schockte das Establishment mit freizügigen Posen, war mit dem Fotomodell Uschi Obermaier liiert und überrascht heute mit Aussagen wie: Über das Internet entstehe mehr Kommunikation und damit mehr Liebe in der Welt denn je, der Zölibat sei als Weg zur Spiritualität richtig, und: "Ich hatte größte Probleme mit Frauen." Rainer Langhans, Ikone der 68er, heute manchmal Apo-Opa genannt, ist weiter auf dem Weg zu sich selbst. Am heutigen 19. Juni feiert der Grimme-Preisträger, Autor, Schauspieler und Filmemacher seinen 80. Geburtstag.

Die Corona-Krise sieht Langhans als "Meditationseinheit" für die ganze Gesellschaft. Es sei klar, dass das Leben mit der "Wahnsinnsmobilität" und dem "Tiere fressen" nicht weitergehen könne. Für ihn habe die Krise nicht viel geändert. Er lebe seit Jahrzehnten in seinem persönlichen Lockdown. Weiß ist die Kleidung, weiß das Haar – er trage Weiß, weil es alle Farben enthalte, sagt er. Sparsam ist sein Lebensentwurf: vegetarische Ernährung. Spaziergänge. Ein wenig Tischtennis, Liegestütze und Klimmzüge. Meditation. "Artgerechte Haltung" nennt Langhans das. "Ich bin bewusst sehr arm, um nicht gezwungen zu sein, Geld zu verdienen."

"Make Love, not war": ein Missverständnis?

Langhans lebt mit vier Frauen in einer Gemeinschaft, die er Harem nennt, jede in ihrer Wohnung. "Es ist eine Kommune, aber dadurch, dass die Körper nicht zusammenleben, können wir geistig zusammenkommen." "Make love, not war": Der Slogan gegen Kalten Krieg und Vietnamkrieg sei missverstanden worden, sagt er. Es sei schon in der Kommune 1 um geistige Verbindung gegangen. "Als das wieder wegging, habe ich mit der sexuellen Revolution versucht, wieder dahin zu kommen, aber es ging einfach nicht, sagt Langhans. "Man kann noch so viel Sex haben. Es bleibt immer ein Geschlechterkampf." Wirklich freie Liebe sei von Sex und Körper befreit.

Das Image indes bleibt. Für ein vergoldetes Schamhaar von Langhans gab es einen Kunstpreis. 2011 nahm er am "Dschungelcamp" teil. Dafür habe er "mit einem Schlag einen Haufen Geld bekommen", den er weitgehend spendete. "Ich habe das Dschungelcamp gemacht, weil ich es für ein Beispiel halte, wie Kommune geht." Schon in der berühmten K1 galt das Motto: "Das Private ist politisch." Heute propagiert Langhans nun das freizügige Teilen persönlicher Daten im Netz. Wer ängstlich über seine Daten wache, sei wie jemand, der auf seinem Geld sitze. Wer Anspruch auf Dateneigentum erhebe, führe das kapitalistische System in das postkapitalistische Internet ein.

Mit seinen Erkenntnissen bleibt Langhans gelegentlich allein. "Ich habe versucht, die Erfahrung aufzuschreiben in einem kleinen Buch, aber es kauft niemand. Weil das keiner versteht, nicht mal die Frauen. Ich habe also alles richtig gemacht". Die Frauen sind Christa Ritter, Brigitte Streubel, Anna Werner und Gisela Getty, früher auch Jutta Winkelmann. Unverstanden – oder nicht von dieser Welt: Langhans hat sein Lebensthema zum Markenzeichen ausgebaut. Er wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben geboren. "Ich konnte nichts mit Menschen anfangen. Ich war völlig unglücklich", sagt er über die Kindheit. Sein Gefühl: "Ich gehöre nicht hierher." Erst spät habe er verstanden, was mit ihm nicht gestimmt habe. Er sei ein Asperger-Autist.

Die Eltern geben ihn in ein strenges religiöses Internat. Danach geht Langhans in die entgegengesetzte Richtung: Er wird Zeitsoldat. Die Verpflichtung ermöglicht das Studium. In Berlin studiert er Jura und dann Psychologie, ohne Abschluss. Die Revolution sei dazwischen gekommen, sagt er. Im "Argumentclub" und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) findet er Gleichgesinnte. "Ich war das erste Mal unter Menschen, die alle waren wie ich: verrückt." Er wird Mitbegründer der Kommune 1, entstanden aus der außerparlamentarischen Opposition der Studentenbewegung (APO).

Mit ihrem radikalen Gegenentwurf werden die Mitglieder zum Bürgerschreck. Sie wenden sich gegen Nazi-Generation, Schah und Vietnam-Krieg. Ihre Aktionen vom Kaufhausbrand-Flugblatt bis zum gescheiterten Pudding-Attentat auf US-Vizepräsident Humphrey machen Schlagzeilen. In der spirituellen Verbindung der Kommunarden habe er "Großekstase" erlebt, so Langhans. Die Seligkeit währt ein Jahr. Es sei das Paradies gewesen. Wer das erfahren habe, suche danach lebenslang. Immerhin, sagt Langhans, sei er mit der Suche glücklicher denn je. "Was ist 80? Mein Körper zeigt’s mir noch wenig, mein Geist ist jünger denn je."