Für eine Kultur der Gewaltfreiheit

Das gespräch führte Sigrun Rehm

Von Das gespräch führte Sigrun Rehm

So, 22. Dezember 2019

Südwest

Der Sonntag Wie lässt sich Frieden schaffen und bewahren? Karen Hinrichs, Direktorin des neuen Freiburger Friedensinstituts im Gespräch.

An der Evangelischen Hochschule in Freiburg nimmt im Januar das neue Friedensinstitut seine Arbeit auf. Die Theologin Karen Hinrichs ist geschäftsführende Direktorin des Instituts und spricht über ihr Verständnis von Krieg und Frieden. Sie ist überzeugt, dass gewaltfreie Aktionen sogar erfolgreicher sind als kriegerische.

Der Sonntag: In wenigen Tagen ist das "Fest des Friedens". Das klingt einerseits wunderbar behaglich, andererseits fast wie Hohn in einer Welt voll Gewalt. Was sagt Ihnen der Begriff, Frau Hinrichs?

Für mich als Christin ist Jesus Christus wirklich der Friedensbringer, der zugleich dazu aufruft, Frieden zu stiften. Daher bedeutet es mir schon etwas, dass an Weihnachten so viel von Frieden die Rede ist – und die Diskrepanz zur realen Welt ist natürlich riesengroß. Wenn man sich diese Kluft bewusst macht, kann das auch aufrütteln.

Der Sonntag: Die Friedens- und Konfliktforschung unterscheidet zwischen negativem Frieden, der nur die Abwesenheit von Gewalt bezeichnet, und positivem Frieden, der viel weiter geht. Was ist die Voraussetzung für einen solchen umfassenden Frieden?

Gerechtigkeit und Frieden gehören zusammen. In den christlichen Kirchen, aber auch in anderen Religionen spricht man vom "gerechten Frieden" im Gegensatz zur überwundenen Lehre vom "gerechten Krieg". Nur Friede kann gerecht sein, Krieg niemals. In einem Psalm heißt es "Gerechtigkeit und Frieden werden sich küssen" – das ist ein schönes Bild. In der ökumenischen Bewegung gilt heute ein umfassender Friedensbegriff, der natürlich die Menschenrechte einschließt, aber auch gerechte Wirtschaftsbedingungen und die Bewahrung der Schöpfung. Viele Kriege entstehen als Auseinandersetzungen um Ressourcen oder Land oder weil eine Gruppe aus Profitgier die andere ausbeutet und unterdrückt. Als Innerstes kommt für mich der Friede mit Gott hinzu.

Der Sonntag: Krieg könne niemals gerecht sein, sagen Sie. Sind nicht auch Situationen denkbar, in denen der Einsatz militärischer Mittel gerechtfertigt ist?

Ich kenne keinen einzigen Fall in der neuesten Zeit, in dem der Einsatz von Waffengewalt zum Beispiel einen Genozid verhindert hat. Der Holocaust hat ja gerade im Schatten des Zweiten Weltkriegs stattgefunden. Nichts tun oder zu den Waffen greifen – das ist für mich nicht die Alternative. Es gibt sehr, sehr viele Möglichkeiten dazwischen. Ich halte auch die Unterscheidung von militärischen und polizeilichen Mitteln für entscheidend, die Anwendung Letzterer ist oft notwendig. Methoden, wie ein sich anbahnender Genozid international verhindert werden kann, müssen erst entwickelt werden. Klar ist: Massentötungen geschehen nicht plötzlich, sie zeichnen sich vorher ab.

Der Sonntag: Was sind frühe Warnzeichen?

Ein wichtiges Warnzeichen ist die systematische Abwertung bestimmter Gruppen – seien es Menschen jüdischen Glaubens, Homosexuelle oder politisch Andersdenkende. Das war in der Zeit des Nationalsozialismus genauso wie vor dem Völkermord in Ruanda 1994. An diesem tragen nicht zuletzt die deutschen und belgischen Kolonialherren eine Mitschuld, die eine Bevölkerungsgruppe bevorzugten, was wiederum zu Neid bei der anderen Bevölkerungsgruppe führte – dies als Beispiel, wie Ungerechtigkeit zu Gewalt führen kann. Auch was wir "Hate Speech" und "Fake News" nennen, spielte immer eine Rolle, nur die Medien ändern sich.

Der Sonntag: Dieses Verächtlichmachen bestimmter Personen und Gruppen und das Verbreiten von Falschnachrichten via Social Media erleben viele als äußerst bedrohlich. Wie sollte man darauf reagieren?

Es ist wichtig, dass wir die Sozialen Medien nutzen, um dagegen zu argumentieren. Es gibt wunderbare Initiativen wie "Love Storm". Dort kann man trainieren, wie man Angreifern verbal Grenzen setzt, Faktenchecks organisiert, andere zur Zivilcourage ermutigt und Hasskommentare meldet. Der Erfolg ist oft erstaunlich und zeigt: Es lohnt sich, angstmachende, rassistische oder sexistische Behauptungen zu überprüfen und sich zu solidarisieren.

Der Sonntag: Und im Alltag, wie kann man dort Gewalt verhindern?

Wenn man im Alltag einen Übergriff beobachtet, ist es wichtig, Zivilcourage zu zeigen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Wie das geht, kann man lernen in Einrichtungen wie der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden mit Sitz in Freiburg, die ich 1984 als Studentin mitgegründet habe und die Workshops anbietet.

Der Sonntag: Sie waren letztes Jahr in Nigeria und haben dort christliche und muslimische Friedensstifter getroffen. Was haben Sie erlebt?

Mein Mann und ich haben die "Church of the Brethren in Nigeria" im Nordosten des Landes besucht, die die Partnerkirche unserer Badischen Landeskirche ist und sehr unter den blutigen Anschlägen von Boko Haram ab 2014 gelitten hat. Sie gehört zu den sogenannten Friedenskirchen und hat zusammen mit anderen Akteuren die "Christian and Muslim Peace Initiative" (Campi) gegründet, in der sich christliche und muslimische Studierende für Frieden engagieren. Sie tun dies etwa, indem sie in Radiobeiträgen von ihren früheren Vorurteilen gegeneinander berichten und wie sie sie überwunden haben. Außerdem haben wir die Friedensstifter Muhammad Ashafa und James Wuye getroffen, die 1995 in Kaduna das Versöhnungszentrum "Interfaith Mediation Center" gegründet haben. Diese beiden haben es geschafft, den Kreislauf von Gewalt und Rache zu unterbrechen und vermitteln heute weltweit in Konflikten.

Der Sonntag: Wie gehen sie dabei vor?

Zunächst einmal beeindrucken sie durch ihr eigenes Beispiel. Muhammad Ashafa ist Muslim, James Wuye ist Christ und beide haben als junge Männer in gegnerischen Milizen gekämpft, Gräueltaten verübt und erlitten. Vor Jahren hat sie ein Journalist im Rahmen einer Impfkampagne zusammengebracht. Der Kurzfilm "Der Pastor und der Imam" von 2005 berichtet von ihrer Bekehrung zum Glauben und ihrer Friedensarbeit. Sie haben inzwischen ein Friedensnetzwerk mit einem Frühwarnsystem in Nigeria aufgebaut. Ganz normale Leute sind zu Friedensbeobachtern ausgebildet worden, die bemerken, wenn gehetzt wird, Gerüchte gestreut, Ackerflächen zertrampelt oder Viehherden getötet werden. In dem Fall können sie Mediatoren zur Hilfe rufen, die dann vor Ort vermitteln und mit den Betroffenen nach Lösungen suchen.

Der Sonntag: Sie selbst engagieren sich bereits seit Schulzeiten in der Friedensbewegung. Wie kam es dazu?

Ich bin in einer Familie großgeworden, die sehr unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten und daraus eine militärkritische Haltung entwickelt hat. Mein Vater wurde als Kindersoldat zu Hitlers "Volkssturm" eingezogen, meine Mutter hat drei ihrer Brüder im Krieg verloren und gehungert. Meine Großeltern hatten Berufsverbot als Gewerkschafter, mein Urgroßvater Hermann Hinrichs wurde als Sozialdemokrat 1944 im Konzentrationslager Neuengamme ermordet. Die Berichte von Menschen, die ohne Gewalt gegen die Nazis gekämpft und Juden gerettet haben, haben mich früh geprägt. Ein realistischer Pazifismus war von Anfang an meine Überzeugung.

Der Sonntag: Welche Ausrichtung wollen Sie dem neuen Friedensinstitut in Freiburg geben?

Wir wollen den Studierenden der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Religionspädagogik und Gemeindediakonie Kenntnisse in Friedenspädagogik und Friedensarbeit vermitteln. Was uns als Hochschule für angewandte Wissenschaften auszeichnet, ist ein interdisziplinärer und praxisbezogener Ansatz. Wie entstehen Konflikte zwischen Jugendgruppen in einem Stadtteil? Mit welchen Methoden können sie gelöst werden? Welche Präventionsstrategien bewähren sich in der Praxis? Wie gehen wir als Kirche mit Konflikten um, sei es vor Ort oder auf internationaler Ebene? Für Interessierte werden wir in einiger Zeit berufsbegleitende Kurse anbieten. In der Forschung wollen wir mit Partnern aus verschiedenen Wissenschaften zusammenarbeiten.

Der Sonntag: Gerade haben Sie sich an Hochschulen in den USA inspirieren lassen.

Ja, ich habe dort zwei Monate "Peace Studies" studiert und am Kroc Institute for International Peace Studies in der Nähe von Chicago an der Konferenz "Building Sustainable Peace" teilgenommen. Friedensaktivisten und Wissenschaftler aus aller Welt haben sich mit der Frage befasst, wie Frieden und Nachhaltigkeit zusammenhängen. Es war faszinierend. Viele Studien bestätigen: Gewaltfreie Bestrebungen sind erfolgreicher und nachhaltiger als kriegerische. Um diese Stärkung einer Kultur der Gewaltfreiheit geht es mir. Das gespräch führte Sigrun Rehm