Fast wie am Mittelmeer

Claudia Diemar (Text & Fotos)

Von Claudia Diemar (Text & Fotos)

Sa, 01. August 2020

Reise

Palmen am westlichen Bodensee: Gärten vom Mittelalter bis zur Moderne /.

Bei Frau Böhler ist Besuch willkommen. Es gibt auch keine Zäune rund um ihr kleines Paradies mit drei Brunnen, 150 Rosenstöcken, Kakteen, Lavendelbeeten, Pinien und Palmen. "Gartenzäune passen einfach nicht zu unserer Reichenau", meint Karin Böhler. Recht hat die Dame, denn die über einen Damm erreichbare Bodenseeinsel Reichenau ist ohnehin ein einziger Garten.

Schließlich ist der Obst- und Gemüseanbau hier neben dem Tourismus der wichtigste Erwerbszweig. "Auch wir waren früher ganz normale Reichenauer Gemüsegärtner", erzählt Böhler ihren Besuchern am runden Steintisch im Schatten einer Clematis. Im Jahr 2000, nach dem großen Hochwasser, beschlossen sie und ihr Mann, sich zur Ruhe zu setzen und den Wirtschaftsgarten in eine blühende Oase umzuwandeln. Das Grundstück grenzt direkt an den See. Am Ufer reiht sich ein Spalier von Smaragd-Tujen. Aus der Ferne sehen sie aus wie Zypressen. Man könnte meinen, man sei am Mittelmeer. Freilich, die Palmen stehen in Kübeln, und die Kakteen werden den Winter über im geheizten Gewächshaus gehalten. Auch am Bodensee kann es zuweilen kalt werden.

Durch einen Artikel im Gemeindeblatt wurde Karin Böhler auf das seit 2008 bestehende Garten-Rendezvous am Untersee aufmerksam. Insgesamt 77 Gärten in Deutschland und der Schweiz haben ihre Pforten für Besucher geöffnet. Darunter ist auch der von Böhler, der sogar jederzeit und ohne Voranmeldung besucht werden kann. Bei anderen Besitzern von grünen Refugien sind Besichtigungen dagegen an bestimmte Termine geknüpft oder es ist telefonische Voranmeldung erwünscht. Jeder Garten hat eben seine eigenen Regeln.

Allein vier Klostergärten sind länderübergreifend beim Garten-Rendezvous dabei. Auf der Reichenau lockt neben dem charmanten Strandbad mit großer Liegewiese auch Strabos Kräutergarten, der frei zugänglich ist und zum Gelände des Kloster-Münsters Sankt Maria und Markus gehört. Zwischen 830 und 840 schrieb der Reichenauer Mönch Walahfrid Strabo seinen "Hortulus", was soviel wie "das Gärtlein" bedeutet. Das Lehrgedicht gilt als erster Gartenratgeber Europas. In 444 Versen werden 24 Heilpflanzen und deren Wirkung beschrieben. In dem 1991 nach historischem Vorbild angelegten Garten findet man auch heute die von Walahfrid erwähnten zwei Dutzend Pflanzen und Kräuter. Darunter sind bekannte Gewächse wie Salbei, Liebstöckel, Kerbel und Rettich, aber auch exotisch anmutende Exemplare wie Ambrosia, Andorn und Heilziest.

Der Schlafmohn, von "hoch zu preisender Wirkung", wie der mittelalterliche Mönch einst schrieb, wurde jedoch sicherheitshalber durch einen Ziermohn ersetzt. Auch die Eberraute kann es in sich haben, heißt sie doch im englischen "Kiss me quick and go". Will heißen: Man kann damit Hemmungen abbauen und schnell ein Techtelmechtel beginnen. Angezogen fühlen sich jedenfalls die Bienen und Hummeln sowie die blau-türkis schillernden Libellen, die zwischen den Stängeln surren.

Während das hiesige Klostergärtlein sich bescheiden und überschaubar gibt, prunkt – Nomen est Omen – die "Blumeninsel" Mainau mit einer geradezu überwältigenden floralen Vielfältigkeit. Natürlich ist die Mainau kein Geheimtipp mehr. Rund 1,2 Millionen Besucher zählt das 45 Hektar große Eiland alljährlich. Das ganze Jahr über ist die Insel von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung für Besucher geöffnet. Wenn der sommerliche Rosenrausch vorbei ist, entflammen die Blüten der Dahlien auf den zum See abgestuften Hängen. Das einzige, was man zur warmen Jahreszeit auf der Mainau vermissen mag, ist ein Badeplatz am verführerisch türkis schimmernden See. Kinder können allerdings auf einem schönen Wasserspielplatz ausgiebig planschen. Für die Kleinen ist die Mainau ohnehin ein Paradies: Der Streichelzoo und die Pony-Reitbahn sind ebenso beliebt wie das Schmetterlingshaus.

Auch die Mainau diente ursprünglich der regionalen Versorgung mit Gemüse und Obst. Doch bereits 1825 wurde die Insel vom Fürst Esterhazy gekauft und in einen Landschaftspark umgewandelt. Kein Wunder daher, dass die Mainau über einen beeindruckenden Bestand an uralten Baumriesen verfügt, darunter Himalaya- und Weihrauchzedern, Tulpen- und Trompetenbäume sowie kalifornische Nusseiben. Um die wertvollen Veteranen zu schützen, tragen die höchsten Zedern sowie ein Urweltmammutbaum sogar Blitzableiter. Es war Großherzog Friedrich I. von Baden, der dieses Arboretum einst anlegte, nachdem er die Mainau 1853 als Sommerresidenz erwarb. Dessen Urenkel Lennart Graf Bernadotte machte die Insel zum Ausflugsziel. Heute stehen Bettina Gräfin Bernadotte und ihr Bruder Björn an der Spitze des Familienunternehmens.

Die Schiffspassage von der Mainau hinüber nach Meersburg dauert gerade einmal eine Viertelstunde. Vom Anleger führt ein kurzer Spaziergang durch malerische Gassen mit Fachwerkhäusern hinauf zu einem Barockjuwel. Anfang des 16. Jahrhunderts verlegten die Fürstbischöfe ihre Residenz aus dem protestantisch gewordenen Konstanz nach Meersburg. Die vorhandene alte Schlossburg war ihnen bald nicht mehr bequem genug. 1710 wurde daher ein prächtiges neues Schloss gebaut, das monumentale Treppenhaus schuf kein Geringerer als Balthasar Neumann. Zu einem so prunkvollen Anwesen hatte auch eine grüne Oase zu gehören. Doch der Platz war knapp, denn das Gelände vor dem Schloss fiel steil Richtung See ab. Also schuf man mittels Aufschüttung von Erdreich einen "hängenden Garten" mit Brunnen, Buchs und Beeten. Eine Etage tiefer findet sich neben dem Lusthäusle eine weitere Gartenterrasse. Der Panoramablick von beiden Ebenen über den Bodensee, bei gutem Wetter bis zu den Gipfeln der Alpenkette, begeistert die Besucher damals wie heute.

Schwäbisches Meer wird der Bodensee zuweilen auch genannt. Doch mit diesem Beinamen sollte man vorsichtig umgehen. Nur 25 Kilometer Ufer liegen nämlich in Schwaben. Und das Garten-Rendezvous am Untersee hält auch zig grüne Oasen auf Schweizer Seite bereit. Darunter sind auch die prunkvollen Gärten von Schloss Arenenberg. In der Schweiz sind sogar etliche Strandbäder gratis zugänglich, zum Beispiel die gepflegte Anlage bei Steckborn. Das glasklare Seewasser erfrischt wunderbar. Der Bodensee mit seinen drei Ländern als Anrainer ist eben ein echter Mitteleuropäer. Und wie heißt es doch auf einer Tafel in Karin Böhlers Garten: "Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr".