Zischup-Schreibwettbewerb Herbst 2020

Gemeinsam durch die Krise

Leander Wissert, Klasse 9a, Wentzinger-Gymnasium

Von Leander Wissert, Klasse 9a, Wentzinger-Gymnasium (Freiburg)

So, 07. Februar 2021 um 00:00 Uhr

Schreibwettbewerb Zischup

Wie geht es Menschen mit schwerer Behinderung während der Pandemie? Nach Antworten auf diese Frage suchte Leander Wissert aus der Klasse 9a des Wentzinger-Gymnasiums in Freiburg.

Ende 2019 lebten, so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, 7,9 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung in Deutschland. Die Corona-Krise traf Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen besonders hart, da sie in der Regel Risikopatient*innen sind und es für sie teilweise schwer zu verstehen war, warum sich alles so rapide veränderte.
Betroffene oder Eltern von Betroffenen fühlen sich während der Krise noch weniger von der Gesellschaft gesehen und gehört als unter normalen Umständen.

In einer Umfrage der Diakonie Odenwald, die sich damit befasst, wie es Menschen mit Behinderung während des Lockdown geht, sagte ein Betroffener: "Es ist erst mal sehr schön, dass überhaupt mal jemand fragt."
Es sei ungerecht, dass Künstler*innen, Selbstständige oder Konzerne teils Unterstützung in Milliardenhöhe bekämen, und sie nicht einmal Aufmerksamkeit.
Ein Drittel der befragten Eltern in einer Studie über die Lage förderbedürftiger Kinder in Deutschland während der Krise beklagten Stress und Überlastung. Die Hälfte dieses Drittels bemängelte die Lernmöglichkeiten für Kinder mit geistiger Behinderung, da sie kein Homeschooling haben.

Für Kinder mit schwerer geistiger oder körperlicher Behinderung ist der enge Kontakt zu anderen Kindern sehr wichtig, da sie nachgeahmt werden können und motivierend wirken. Auch haptische Lehrmittel sind wichtig, um Dinge spielerisch zu erlernen. Hybride Lernformen und Online-Unterricht bringen hier rein gar nichts. Für Kinder mit Behinderung seien Langeweile, Stress und Unter- beziehungsweise Überforderung sehr gefährlich. Diese Situationen kamen unter Lockdown-Bedingungen aber öfter vor als normalerweise. Sie können sogar zu Anfällen von Wut, Angst und Trauer führen.

Wichtig für alle Kinder sei auch die tägliche Routine, welche ebenso wegbrach. Wenn Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen zu Hause waren, halfen oft Assistenzen oder Großeltern zu Hause mit, was ja wegen der einzuhaltenden Hygieneregeln nur schwer umzusetzen war. Von erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung, die während des Lockdown zu Hause wohnten, hatten Angehörige laut einer Umfrage der Diakonie Odenwald ebenfalls den Eindruck, von Einsamkeit und Trauer.

Menschen mit Erblindung teilten außerdem mit, sich besonders von den ständig wechselnden Maßnahmen verwirrt und verängstigt zu fühlen. Vermisst wurden Anweisungen in klarer Sprache, die Infos von Bund und Länder oder dem Robert-Koch-Institut wurden erst nach einer Petition an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch in Gebärdensprache veröffentlicht. Das sei "skandalös", so die Verantwortlichen Katja Fischer, Sabine Heinecke und Julia Probst auf Taubenschlag, einer Website für Taube und Schwerhörige, aber auch für Hörende.

Zum Thema der Lage in einem Behindertenwohnheim aus der Region führte ich ein Interview mit einer Mitarbeiterin. Diese wollte ihren Namen nicht nennen.
In dem Wohnheim leben erwachsene Menschen mit Behinderungen, die Mitte 20 bis über 50 Jahre alt sind.
Als höchste Gebot galt es, die Menschen vor dem Virus zu schützen. Die Werkstätten für Menschen mit Behinderung und die Tagesbetreuung mussten geschlossen werden und die Bewohner*innen des Heims verbrachten nun den ganzen Tag in seiner oder ihrer Wohngruppe. Die einzelnen Gruppen wurden getrennt und der Kontakt unter Bewohner*innen war nur schwer möglich. Die Bewohner*innen des Heims konnten auch das Haus, beziehungsweise das Gelände, nicht mehr verlassen.

Um das Risiko einer möglichen Infektion so gering wie möglich zu halten, wurde ein Besuchsverbot verhängt. Als Folge dieser Vorkehrungen war kein Besuch von Familie oder Freund*innen mehr möglich. Allerdings bemühte sich das Personal laut meiner Interviewpartnerin auch sehr, die Bewohner*innen zu unterstützen und den Kontakt zu Freund*innen und Familie aufrechtzuerhalten. Es wurde geskypt oder es wurden Karten und Briefe gestaltet, außerdem wurden Physiotherapien über Skype geführt, um Abwechslung zu schaffen und um das Therapieangebot aufrechterhalten zu können.

Sämtliche Freizeiten und Angebote außerhalb des Hauses waren nicht mehr möglich und laut der interviewten Mitarbeiterin stellte die Situation alle "vor sehr große Herausforderungen". Am Anfang der Pandemie gab es einige positiv getestete Personen unter den Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen. Die Infektionen konnten jedoch dank der eingehaltenen Hygieneregeln wieder eingedämmt werden. Des Weiteren sagte sie, dass es für einige der Bewohner*innen schwer war, zu verstehen, warum gewohnte Aktivitäten plötzlich nicht mehr möglich waren. Sie erzählte von einem besonderen Fall: Eine Bewohnerin fing immer wieder an, zu schreien und sich zu beißen, da sie nicht verstehen konnte, warum sie bestimmte Räume nicht mehr nutzen konnte und andere Menschen sie nicht wie gewohnt mit Handschlag begrüßten. Außerdem konnte sie nicht mehr mit dem Rollstuhl durch die Gänge fahren, wie sie es so oft und gerne getan hat.

"Aber mit viel Einfühlungsvermögen und Kreativität haben wir die Situation bisher gemeistert", merkte die Interviewte an. Seit Ende des ersten Lockdowns habe es es auch schon wieder die Möglichkeit von Besuchen von außerhalb gegeben, und auch der Betrieb in den Werkstätten sei wieder unter strengen Verhaltens- und Hygieneregeln aufgenommen worden.
Als Abschluss sagte sie, dass die steigenden Infektionszahlen sie sehr beunruhigen würden und sie gespannt sei, welche Auswirkungen das Virus weiter auf ihre Arbeit haben wird. Sie wünsche sich, "dass wir langsam wieder ein Stück Normalität erfahren".

Das Interview wurde allerdings am 28.10. geführt, also vor dem Teillockdown. Das Licht am Ende des Entbehrungstunnels sei, laut Bundeskanzlerin Merkel, der Impfstoff. In einem Fernsehinterview mit Markus Lanz sagte die Hamburger Virologin Christine Dahlke, die am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf an einem Vektorenimpfstoff forscht, dass aber mit Sicherheit noch lange nicht alle im Sommer 2021 geimpft seien. Davon abgesehen sei noch nicht einmal sicher, ob der Impfstoff immunisiert oder ob er den Verlauf nur mildert.

Also ist der Impfstoff vielleicht nicht die alleinige Lösung, sondern was man suchen sollte, ist eine gute Langzeitlösung, die für alle Menschen akzeptabel ist und mit der alle mit dem Virus leben können, und das auf unbestimmte Zeit. Sonst wird die Zeit, in der das Virus noch in der Welt ist, eine sehr schwere, lange und traurige Zeit. Wir können aber nur vorausschauend handeln und auf das Beste hoffen. Und nur zusammen.