Gemeinsame Suche nach Wegen zur Selbsthilfe

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Fr, 25. Juni 2021

Emmendingen

Vor 20 Jahren wurde die Stiftung Brücke gegründet.

. "Wir mussten lernen, Geduld zu haben", fasst Peter Haas seine Erfahrung von zwei Jahrzehnten zusammen, in denen die von ihm mit begründete Emmendinger Stiftung Brücke nun schon versucht, Menschen in Armutsregionen aus ihrer materiellen Not zu helfen. Rund 833 000 Euro flossen seither in 48 Projekte. Dass es mit Geld allein nicht getan ist, ist eine weitere Erkenntnis der Gründer, die im Jahr des 20-jährigen Bestehens auch einen Generationswechsel planen.

Anders als vor zehn Jahren wird der Gründungstag, der 26. Juni 2001, pandemiebedingt nicht groß gefeiert: "Damals gab es ein dreitägiges rauschendes Fest in Köndringen", erinnert sich Peter Haas. Nun soll es immerhin ein kleines Gartenfest mit allen 30 Aktiven geben. Und auch ein Jugendpreis soll zum dritten Mal vergeben werden – um damit drei Jugendliche zu würdigen, die Geld für ein Projekt in Zimbabwe gesammelt haben. Denn die Jugend in die Stiftung einzubinden und damit deren Fortbestand zu sichern, das ist einer der Geburtstagswünsche der Gründer um den mittlerweile 84-jährigen Haas, der vor genau zwei Jahren ins zweite Glied zurückgetreten ist.

Seither ist ein "Stiftungsherz" Symbol für die ehrenamtliche Arbeit in Vorstand und Stiftungsrat. Eine Zukunftswerkstatt hatte ergeben, dass relativ autonome Arbeitsgruppen eine gute Möglichkeit sind, um den Vorstand um Bettina Mühlen-Haas und Martin Münch zu entlasten: Finanzen, Projektbetreuung, Märkte und Öffentlichkeitsarbeit werden nun von jeweils eigenen Teams betreut. "Die Teamstruktur hat sich bewährt", sagt Klaus Heidler, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Aber es ist wie in allen Vereinen: "Jüngere Mitglieder haben oft wegen Kindern und Karriere zu wenig Zeit, um sich langfristig an ein Ehrenamt zu binden", sagt Bettina Mühlen-Haas. Sie will zunächst noch weiter im Vorstand arbeiten, um den Erfahrungstransfer an die Nachfolger zu erleichtern.

Denn die Erfahrung ist ein hohes Gut bei der Stiftung Brücke, die über all die Jahre hinweg reichlich davon sammeln musste. Das Stiftungsziel, Selbsthilfe und Eigeninitiative in den armen Ländern der Welt zu fördern, war zunächst nur auf reinen Geldtransfer ausgerichtet. "Damit ist es aber oft nicht getan", so Peter Haas, der die heutige Vorgehensweise mit einem Bild beschreibt: "Wir geben ihnen keinen Fisch, sondern die Angel." Gemeinsam wird darüber nachgedacht, wie die Lage vor Ort dauerhaft zu verbessern ist. "Das erfordert viel Geduld, um Ideen zu planen und umzusetzen." Unverändert ist das Grundprinzip der Stiftung. "Es geht immer um die Grundbedürfnisse der Menschen wie Wohnen, Essen, Bildung, sauberes Wasser und Geschlechtergerechtigkeit", sagt Bettina Mühlen-Haas und nennt Beispiele: Das Milleniumsdorf Harguzirpar in Bangladesch etwa, in dem die Stiftung Brücke versuchte, zusammen mit den Dorfbewohnern exemplarisch die Milleniumsziele der Vereinten Nationen umzusetzen. Eine Aktion, die selbst auf internationalen Konferenzen für Aufmerksamkeit sorgte. Im Jahr 2015 war es gelungen, die Menschen mit Hilfe von Mikrokrediten zur Existenzgründung komplett zu entschulden, doch Naturkatastrophen, Ernteausfälle und zuletzt Corona führten zu Rückschlägen. "Wir wissen nicht, inwieweit wir wieder ganz von vorne anfangen müssen", sagt Peter Haas. Die Arbeit werde immer notwendiger, zumal die schon vor zehn Jahren spürbaren klimatischen Veränderungen in Bangladesch inzwischen dramatische Dimensionen einzunehmen drohten.

Alle von der Stiftung geförderten Projekte in Afrika, Lateinamerika oder Asien sollen beispielhaft und nachhaltig wirken, um so dauerhaft Not und Abhängigkeit zu verhindern. Rund 833 000 Euro hat die Stiftung seit 2002 verteilt, als erstmals 6254 Euro in Projekte investiert wurden. Zwanzig Jahre später waren es 145 117 Euro. Das auch in der BZ geschilderte Schicksal eines Mädchenwohnheims in Burkina Faso hatte viele Menschen bewegt und allein 40 000 Euro an Spenden eingeworben. Das von Überfällen bedrohte Wohnheim konnte umgesiedelt und das Leben der Schülerinnen so dauerhaft gesichert werden – "eine Erfolgsgeschichte", sagt Haas.

"Wir haben sicher auch viele Fehler gemacht", gibt Peter Haas unumwunden zu, doch in einem "wechselseitigen Lernprozess" sei es gelungen, vielen Menschen, vor allem besonders benachteiligten Frauen und Kindern, ganz konkret aus der Armut zu helfen. Das Motiv ihres Handelns beschreiben die Stifter in den eigenen Statuten so: "Nicht Barmherzigkeit, sondern Fairness, nicht Mildtätigkeit, sondern Solidarität." Daran soll sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern.

Infos über weitere Projekte und Kontakt: http://www.stiftung-bruecke.de