Museum oder Moschee?

Gericht in Türkei berät über Hagia Sophia

dpa

Von dpa

Do, 02. Juli 2020 um 07:14 Uhr

Panorama

Kirche, Moschee und dann Museum - die Hagia Sophia ist eines der beliebtesten Bauwerke Istanbuls. Immer wieder gibt es in der Türkei Forderungen, sie wieder zur Moschee zu machen.

Das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei befasst sich am Donnerstag mit der Frage, ob das berühmte Wahrzeichen von Istanbul, die Hagia Sophia, wieder in eine Moschee umgewandelt werden kann. Eine Entscheidung über den Status der einstigen Kirche, die heute ein Museum ist, könnte das Gericht nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu noch am selben Tag oder innerhalb von 15 Tagen fällen.

Der Status des Bauwerks ist ein Politikum. Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit langem, die Hagia Sophia für das Gebet zu öffnen. Der türkische Präsident und AKP-Chef Recep Tayyip Erdogan hatte eine Umwandlung zuletzt vor den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr angekündigt. Vor allem Griechenland ist wegen der Bedeutung der Hagia Sophia für die Orthodoxie gegen eine Änderung des Status. Die Entscheidung könnte die Spannungen zwischen den Nachbarländern weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgas im östlichen Mittelmeer streiten.



Kritiker werfen Erdogan zudem vor, mit der Diskussion um das Bauwerk von wirtschaftlichen Problemen ablenken zu wollen oder das Thema in der Vergangenheit vor Wahlen auf die Tagesordnung gebracht zu haben, um seine religiöse Anhängerschaft hinter sich zu vereinen.

Die US-Regierung sprach sich gegen eine Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee aus. Die USA forderten die türkische Regierung auf, sicherzustellen, dass die Hagia Sophia für alle zugänglich bleibe, erklärte US-Außenminister Mike Pompeo am Mittwoch. Die Regierung in Ankara müsse die Hagia Sophia weiterhin als Musterbeispiel für ihr Engagement, die Glaubenstraditionen und die vielfältige Geschichte des Landes zu respektieren, beibehalten. Das türkische Außenministerium zeigte sich erstaunt. Die Hagia Sophia sei Eigentum der Türkei. Man habe ihren historischen und kulturellen Wert seit der Eroberung immer in Ehren gehalten.

Die im 6. Jahrhundert nach Christus erbaute Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) gehört seit 1985 als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie war fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit und Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden. Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. ("Der Eroberer") die Hagia Sophia in eine Moschee um und fügte als äußeres Kennzeichen vier Minarette hinzu. Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an.

Mit diesem Beschluss des Ministerrats beschäftigt sich nun das Oberste Verwaltungsgericht. Ein Verein hatte nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu im Jahr 2016 Klage eingereicht und eine Annullierung der damaligen Entscheidung gefordert. Die Unterschrift Atatürks auf dem damaligen Beschluss sei gefälscht, so die Begründung. Hinter dem Verein steht nach Medienberichten ein pensionierter Lehrer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee zu erwirken.

Die größte Oppositionspartei CHP kritisiert jedoch, dass der Prozess ohnehin eine Farce sei und Erdogan die Umwandlung in eine Moschee auch einfach per Dekret anordnen könne. CHP-Sprecher Faik Öztrak kritisierte kürzlich zudem, dass in der Türkei ein "Ein-Mann-Regime" herrsche, die Justiz von der Regierung kontrolliert werde und nicht gegen deren Willen handele. "Sie atmet nicht mal ohne Eure Erlaubnis", sagte er an Ankara gerichtet.

Das Oberste Verwaltungsgericht kann die Entscheidung über den Status der Hagia Sophia Anadolu zufolge bereits am Donnerstag oder innerhalb von 15 Tagen verkünden. Sollten die Richter den Weg zur Umwandlung freimachen, könnte die Entscheidung bereits am 15. Juli umgesetzt werden, heißt es in türkischen Medien. Das Datum hat Symbolkraft: Dann jährt sich der Putschversuch von Teilen des Militärs gegen Erdogan zum vierten Mal.

Sollte die Hagia Sophia wieder zur Moschee werden, könnten Touristen sie dennoch besichtigen, ähnlich wie die nahe gelegene Blaue Moschee in der Istanbuler Altstadt. Im vergangenen Jahr zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an und war damit das meistbesichtigte Museum in der Türkei. Berühmt ist sie vor allem wegen der rund 56 Meter hohen Kuppel, die nahezu schwerelos über dem Hauptraum zu schweben scheint. Im Inneren sind die Wände mit byzantinischen Mosaiken und Marmor verziert. Um dem Bilderverbot im Islam gerecht zu werden, müssten die Mosaiken während des islamischen Gebets aber abgedeckt werden.