Trümmer, Scherben, Rauch

Gewaltige Explosionen erschüttern Beirut – Viele Tote und Verletze

afp, dpa

Von afp & dpa

Di, 04. August 2020 um 22:01 Uhr

Panorama

Zwei kurz aufeinander folgende Explosionen haben die libanesische Hauptstadt Beirut erschüttert. Die Detonationen ereigneten sich in der Gegend des Hafens. Die Hintergründe sind zunächst unklar.

Durch die gewaltigen Explosionen in der libanesischen Hauptstadt Beirut hat es viele Tote und Verletzte gegeben. Das Gesundheitsministerium meldete am späten Dienstagabend mindestens 50 Tote und 2750 Verletzte – dabei handele es sich jedoch nur um eine vorläufige Bilanz. Regierungschef Hasan Diab will die Verantwortlichen "zur Rechenschaft ziehen". Diese würden "für diese Katastrophe den Preis bezahlen", sagte er in einer Fernsehansprache – und bat alle befreundeten Staaten um Hilfe.

"Die Krankenhäuser der Hauptstadt sind alle voll mit Verletzten", sagte Gesundheitsminister Hassan. Weitere Verletzte müssten in Einrichtungen in den Vorstädten transportiert werden. Der libanesische Präsident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Obersten Verteidigungsrates ein. Die Regierung erklärte den Mittwoch zum Tag der nationalen Trauer.

Die Ursache der Detonationen im Hafengebiet am Mittelmeer war zunächst unklar. Reporter berichteten von einer riesigen Rauchwolke über der gesamten Hafengegend. Örtliche Medien zeigten Bilder von unter Trümmern feststeckenden Menschen, viele von ihnen waren blutüberströmt.



Die Explosionen waren in mehreren Teilen der Stadt zu hören und führten vielerorts zu Stromausfällen. Wie ein AFP-Reporter berichtete, wurden alle Geschäfte im Quartier Hamra durch die Explosionen beschädigt. In den Straßen waren zudem ausgebrannte Autos zu sehen, viele mit aufgeblasenen Airbags.

Ein Bewohner Beiruts schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter von "bebenden Gebäuden". Ein anderer schrieb: "Beirut wurde gerade von einer gewaltigen, ohrenbetäubenden Explosion verschlungen. Ich habe es in meilenweiter Entfernung gehört."



Vor dem Clemenceau-Krankenhaus warteten dutzende Verletzte auf Einlass, darunter mehrere Kinder. In einem von libanesischen Medien verbreiteten Video waren Gebäude mit zerstörten Fensterscheiben und überall verstreuten Möbelstücken zu sehen.

Ersten Berichten zufolge ereignete sich die Explosion in einem Lager für Feuerwerkskörper. Die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete, am Hafen sei in einem Lagerhaus in der Nähe mehrerer Getreidespeicher Feuer ausgebrochen.

Einsatzkräfte der Feuerwehr kämpften gegen die Flammen. Der Hafen liegt nur wenige Kilometer von der Innenstadt Beiruts entfernt. Hinweise auf einen Anschlag oder einen politischen Hintergrund gab es zunächst nicht.

Der Libanon durchlebt derzeit die verheerendste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Seit Mitte Juni befindet sich das libanesische Pfund im freien Fall, die Arbeitslosenrate steigt. Aus Protest gegen wochenlange massive Stromausfälle hatten Demonstranten am Dienstag versucht, das Energieministerium in Beirut zu besetzen. In Teilen des Landes hatte es in den vergangenen Wochen bis zu 20 Stunden am Tag keinen Strom gegeben.



Zuletzt hatten sich auch die Spannungen zwischen dem Libanon und dem Nachbarland Israel wieder erheblich verschärft. Ende Juli hatte die israelische Armee erklärt, einen "Infiltrationsversuch" im israelisch-libanesischen Grenzgebiet vereitelt zu haben. Demnach hatte eine Gruppe aus bewaffneten Männern die sogenannte Blaue Linie im umstrittenen Berg-Dow-Gebiet in den Golanhöhen überquert. Israel machte die radikalislamische Hisbollah-Miliz für den Vorfall verantwortlich, der Libanon warf Israel seinerseits eine "gefährliche Eskalation" vor.

Die Explosionen in Beirut ereigneten sich zudem nur wenige Tage, bevor am Freitag vor einem Sondergericht in Den Haag das Urteil im Prozess um den tödlichen Anschlag auf den libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri fällt. Vier angebliche Mitglieder der schiitischen Hisbollah-Miliz sind wegen des Selbstmordanschlags auf den sunnitischen Politiker angeklagt, bei dem 21 weitere Menschen getötet wurden. Der Prozess findet in Abwesenheit der Angeklagten statt.

Eine Frau fühlte sich durch die Explosionen am Dienstag an das Attentat auf Hariri erinnert. Die Erschütterung hätten sich sich wie ein Erdbeben angefühlt, sagte sie. "Ich hatte den Eindruck, es war eine größere Explosion als bei der Ermordung von Rafik Hariri 2005."