Gewinnbringender Perspektivwechsel

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 10. Dezember 2020

Computer & Medien

Zwischen hereinbrechender Action und besonnenen Ruhemomenten: "I’m Your Woman" erzählt die Geschichte eines Gangsters – aus der Sicht seiner Frau.

Die Filmgeschichte ist voll von Mobstern, die ihren kriminellen Narzissmus pflegen und sich gegenseitig an den Kragen gehen. Mit "The Irishman" stellte Martin Scorcese im vergangenen Jahr die Verherrlichungspolitik des Genres infrage, indem er sein Mafiaepos aus der Perspektive eines loyalen Handlangers erzählte, der verbittert auf sein verpfuschtes Mörderleben zurückblickte.

Nun folgt mit Julia Harts "I’m Your Woman" ein Film, der eine andere Perspektive einnimmt: die der Gangsterbraut. Jean (Rachel Brosnahan) ist keine coole Femme Fatale, sondern eine unglückliche Hausfrau. "Eddie und Jean haben sich getroffen und ineinander verliebt. Eddie und Jean haben geheiratet und ein Haus gekauft. Eddie und Jean wollten ein Kind und haben keins bekommen. Also küsst Eddie Jean jeden Morgen, verlässt das Haus und Jean ist allein."

In diesen lakonischen Sätzen fasst Jean zu Beginn des Films ihre Existenz in der vorstädtischen Spießeridylle der 70er Jahre zusammen. Aber dann kommt Eddie nach Hause und statt einem neuen Kleid hat er ihr ein Kind mitgebracht. "Das ist jetzt deins", sagt er und dass alles in Ordnung sei. Zögernd nimmt Jean das Baby und drückt es an sich. Keine zwei Filmminuten später ist dann nichts mehr in Ordnung.

Ein Komplize Eddies stürmt ins Haus und weist Jean an, ihre Sachen zu packen. Mit dem Kind auf dem Arm und einer Tasche voller Geldbündel steigt sie zu Cal (Arinzé Kene) in den Wagen, der sie in Sicherheit bringen soll. Jean wusste, dass ihr Mann sein Geld auf nicht ganz legale Weise verdient, aber sonst nicht viel. Mehr wird sie auch lange Zeit nicht erfahren. Die Gangstergattin wird in ein "Safe House" verfrachtet, soll mit niemandem reden und ist plötzlich vollkommen auf sich allein gestellt. Für den Notfall bekommt sie eine Telefonnummer. Dann taucht Cal auf und erledigt die Verfolger, die sie aufgespürt haben. Der afroamerikanische Beschützer redet nur in kurzen Hauptsätzen und gibt kaum Informationen preis. Schließlich bringt er sie in eine Hütte allein im Wald, wo nach wenigen Wochen Cals Ehefrau Teri (Marsha Stephanie Blake) vorfährt, die sich samt Sohn und Vater ebenfalls in Sicherheit bringen musste. Als Cal nicht wie verabredet nachkommt, fahren die beiden Frauen in die Stadt, um die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Regisseurin Julia Hart schickt ihre Heldin auf eine Odyssee im permanenten Fluchtmodus. Ähnlich wie in Steve McQueens "Widows" muss hier eine Frau ausbaden, was der kriminelle Gatte vermasselt hat.

Allerdings führt die Reise zunächst in die Einsamkeit, in der Jean zu sich selbst finden, mit ihrer Mutterrolle auseinandersetzen und aus der Passivität herausarbeiten muss. Dabei entwickelt Harts hochkonzentrierte Erzählung einen stimmigen Rhythmus zwischen hereinbrechender Action und besonnenen Ruhemomenten. Rachel Brosnahan, bekannt durch die Comedy-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel", zeigt hier ihre schauspielerische Bandbreite und verleiht der Figur, die sich aus der Opferrolle herausschält, überzeugend Konturen. Mit einer klaren Konzeption, atmosphärischer Dichte und exzellenten schauspielerischen Leistungen funktioniert "I’m Your Woman" als spannender Gangsterfilm und beweist, dass jedes Filmgenre gewinnbringend aus der weiblichen Perspektive erzählt werden kann.

"I’m Your Woman" (Regie: Julia Hart), ab 11. Dezember bei Amazon Prime.