Dinglingen

Grabungen in der Leopoldstraße zeigen, wie die Römer in Lahr einst lebten

Mark Alexander

Von Mark Alexander

So, 24. Mai 2020 um 13:54 Uhr

Lahr

Münzen, Knochen und 1000 Kilogramm Keramik – das und mehr ist bei den Grabungen in der Lahrer Leopoldstraße gefunden worden, die nun beendet sind. Eine Archäologin gibt Einblicke.

Die archäologischen Grabungen in der Leopoldstraße sind beendet. Somit können die Pläne für den Sozialen Wohnungsbau konkreter werden. Was lässt sich bislang über die Grabungen sagen? Die BZ hat beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart nachgefragt. Archäologin Gertrud Kuhnle hat einen Einblick gegeben.

Wann wurde die Grabung beendet?
Am 9. April dieses Jahres, genau neun Monate nach Grabungsbeginn. Fünf bis sechs Archäologen der Firma Archaeo Task waren im Einsatz. Bedingt durch die Winterpause dauerte die Grabung mit durchschnittlich fünf bis sechs Personen siebeneinhalb Monate. Durch Corona gab es keine Verzögerungen.

Wie viele Fundstücke gab es?
An erster Stelle gab es sehr viele römische Keramikscherben, die knapp 100 Kartons füllen. Nimmt man zehn Kilogramm pro Karton an, ergibt das gut 1000 Kilogramm Keramik. Hierbei besteht die Masse aus der grau-schwarztonigen sogenannten Lahrer Ware. Auch der Anteil der Tierknochen ist recht umfangreich. Glas wurde sehr wenig gefunden. Unter den mehr als 200 kleinen Fundstücken, vorwiegend aus Metall oder Bein, finden sich mehr als 50 römische Münzen und rund 40 Fibeln (Gewandspangen).

Welche sind besonders spannend?
Die 40 Fibeln beeindrucken die Archäologen besonders. "Die Gewandspangen sind zum Teil in einem sehr guten Zustand", so Kuhnle. Auch die Münzen seien von großem Interesse. "Endete die Münzreihe des römischen Lahr bislang in der Zeit zwischen 190 und 200 nach Christus, so führt die Reihe nun in die Jahre 231 bis 234 (Kaiser Severus Alexander)." Unter der feintonigen Ware besitzen die Forscher nun auch mehrere Keramikimporte aus dem ersten Jahrhundert. Weitere Importe sind unter anderem Reste von spanischen Ölamphoren. Fragmente von Räucherkelchen verweisen in den Bereich des Kultes. "Unter den Glasfunden ist das Randstück einer Rippenschale besonders erwähnenswert", sagt Kuhnle. Andere Objekte geben noch Rätsel auf – etwa ein walzenartiger Gegenstand aus Ton.

Was sagen die Funde über die frühere Römersiedlung aus?
"Das Wissen um das römische Lahr wird konkreter", bilanziert die Archäologin. Allein aufgrund der Lage des Ausgrabungsgeländes innerhalb der früheren Siedlung (Vicus) gebe es neue Anhaltspunkte. "Die Ausgrabungen lassen sehr gut erkennen, dass wir aufgrund der Gebäudestrukturen von zwei unterschiedlichen Siedlungsarealen auszugehen haben", heißt es. Auf dem südlichen Grabungsgelände wurden auf drei jeweils etwa sechs Meter breite Parzellen lange rechteckige Gebäude ausgemacht. "Diese waren auf die römische Hauptstraße (unter der heutigen Freiburger Straße) ausgerichtet und sind als Streifenhäuser zu interpretieren." Allerdings zeichnen sich laut Kuhnle in der Bauweise Unterschiede zu den Streifenhäusern ab, wie man sie beispielsweise von den Ausgrabungen auf dem Gelände der Landesgartenschau kennt. Auf dem nördlichen Grabungsgelände sieht es anders aus: Dort wird aufgrund der Bebauung und der Größe des dortigen römischen Grundstücks (von dem nur die Südgrenze erfasst wurde) eher von einem öffentlichen Bereich ausgegangen. "Vergleiche zu den freigelegten Gebäudeteilen verweisen in den Bereich der Kultbauten", so Kuhnle.

Wie geht es weiter?
In rasantem Tempo, sagen die Archäologen. Die Grabungsfirma habe die Funde soweit möglich gewaschen und bereits beschriftet. Kuhnle: "Nun werden die Gesamtpläne für jede nachvollziehbare und durch die Auswertung der Fundstücke auch relativ gut datierbare Bau- und Siedlungsphase erstellt." So entsteht schrittweise der Grabungsbericht.

Wo befinden sich die Fundstücke?
Die kleinen Artefakte aus Metall und Bein werden zurzeit in der Freiburger Dienststelle des Landesamts für Denkmalpflege bearbeitet. Das gesamte Material kommt nach Rastatt, in das Zentrale Fundarchiv des Landes. Dort müssen sie nicht ewig bleiben: "Das Stadtmuseum von Lahr erfüllt alle Bedingungen, um möglicherweise in absehbarer Zeit ausgesuchte Funde als Dauerleihgabe zu erhalten", teilt das Landesamt mit.

Wann gibt es eine Ausstellung?
Hierzu steht das Landesamt für Denkmalpflege im Kontakt mit der Stadt Lahr. Ein Termin steht noch nicht fest.

Wie viel bezahlt die Stadt?
Die Arbeiten, die vom Land koordiniert wurden, müssen von der Stadt bezahlt werden. Gut eine halbe Million Euro hat der Gemeinderat – teils zähneknirschend – bereitgestellt. "Noch liegen nicht alle Rechnungen vor", sagt Sabine Fink, die Leiterin des Stadtplanungsamts. "Aber wir werden mit diesem Finanzrahmen auskommen."

Wann kommt der Wohnungsbau?
Die Grabungen waren Voraussetzung dafür, dass auf dem Areal Sozialer Wohnungsbau entstehen kann. "Wir können jetzt das Bebauungsplanverfahren zum Abschluss bringen", sagt Fink. Sie hofft auf einen Baubeginn im Herbst dieses Jahres.

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