Holocaust-Gedenkstätte

Gundelfinger Schüler besuchen die Gedenkstätte Yad Vashem virtuell

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Mo, 29. März 2021 um 17:47 Uhr

Gundelfingen

Elftklässler aus Gundelfingen verbringen online drei Stunden in der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.

Eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler am Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG) in Gundelfingen beschäftigt sich jedes Schuljahr intensiv mit dem Nahost-Konflikt. Jährlicher Höhepunkt ist eine Studienreise nach Israel und in die palästinensischen Autonomiegebiete. Diese Reise musste dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen – zumindest auf die herkömmliche Weise. Denn die Schüler besuchten trotzdem die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – und zwar virtuell.

Schüler über den Nahost-Konflikt aufzuklären ist das Ziel des am ASG praktizierenden Seminarkurses "Politische und religionsgeschichtliche Hintergründe des Nahostkonfliktes". Dabei erhalten die Jugendlichen der 11. Klasse Einblicke in die Geschichte, Politik und Religion. Sie schreiben Seminararbeiten und legen schließlich eine mündliche Prüfung ab, die bei der Abiturprüfung angerechnet wird. Normalerweise reisen die Schüler während des Seminarkurses für zwölf Tage nach Israel sowie Palästina. Um ein tieferes Verständnis für die Situation zu erhalten, sind Begegnungen vor Ort mit Vertretern der verschiedenen Konfliktparteien vorgesehen. Die Jugendlichen sind auf der Reise immer bei Familien der Partnerschulen, dem Hebräischen Gymnasium in Jerusalem und der Evangelisch-Lutherischen Schule in Beit Sahour in Bethlehem/Palästina, untergebracht.

Auch wenn in diesem Jahr die Studienreise nicht stattfinden konnte, besuchten die ASG-Schüler zusammen mit ihrem Lehrer David Pomp jetzt trotzdem die Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem – und zwar virtuell. Der hebräische Name bedeutet "ein Ort und ein Name". Es waren bewegende drei Stunden. Jonathan Matthews, ein 35-jähriger Israeli, der in Wien Deutsch studiert hat und derzeit seine Doktorarbeit in Geschichte schreibt, führt die Jugendlichen durch das Museum. "Die 1953 gegründete Einrichtung hat die Aufgabe, die Erinnerung an die sechs Millionen Juden, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen, wach zu halten", erklärte er eingangs. 2005 wurde das Museum im judäischen Bergland neu erbaut und um ein Forschungszentrum ergänzt, um weitere Namen von Opfern herauszufinden. "Bisher kennen wir von 4,8 Millionen Opfern die Namen."

Jüdisches Leben vor dem Krieg

Matthews berichtete den Schülern vom jüdischen Leben vor dem Krieg, vom Beginn des Antisemitismus, der schon lange vor dem Aufstieg Hitlers vorhanden war. Er machte anhand von Bildern deutlich, wie die Naziregierung den Antisemitismus instrumentalisierte und warum die jüdische Bevölkerung lange nicht glaubte, dass sie in Gefahr ist. Filmsequenzen von Persönlichkeiten wie der Publizistin Hannah Arendt, die von der Zeit berichteten, wurden eingespielt. Dann kam der Einmarsch in Polen und die Hinrichtung von Priestern, Ärzten, Richtern und Lehrer. "Die Trennung von Juden und Nichtjuden in der Gesellschaft begann." Bilder und Erklärungen zu Ghettos und Konzentrationslager folgten.

"Wer waren die Täter – es waren Architekten in Berlin, die Pläne der Gaskammern zeichneten, es waren Ärzte, Soldaten und ganz normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft."

Auch die vielen Täter finden Platz im Museum. Jonathan Matthews erzählte von dem 68-Jährigen, der bei einer Besichtigung vor Jahren in Ohnmacht gefallen war. Er hatte unter den Tätern auf dem Foto einer Massenerschießung seinen Vater erkannt, der dann nach dem Krieg evangelischer Pfarrer wurde. Und der Sohn wusste von nichts. "Wer waren die Täter – es waren Architekten in Berlin, die Pläne der Gaskammern zeichneten, es waren Ärzte, Soldaten und ganz normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft." Im zweiten Teil der dreistündigen Führung konnten die Schüler das 40 Hektar große Außengelände und die Denkmäler besichtigen. Am Ende ging es ins Kinder-Memorial. Im fast dunklen, nur von Kerzen beleuchteten Raum läuft ein Endlosband. Die Namen, Alters- und Ortsangaben der 1,5 Millionen ermordeten Kinder – das Band braucht drei Monate für alle Opfer. Die Bilder, berichtet Lehrer David Pomp, machten die zuhörenden Schüler stumm und fassungslos.

"Wie krass der Holocaust war, wird in Yad Vashem sehr deutlich", sagte am Ende der Führung ein Schüler. Einig sind sich die Schüler, dass sie erzählen werden, was sie gesehen haben, umso die Erinnerung daran wachzuhalten – das sei nun ihre besondere Verantwortung. Ein Jugendlicher meinte: "Wir müssen gegen Rassismus und Unrecht einschreiten, auch wenn es uns nicht selbst betrifft."