"Habe einen Heidenrespekt"

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 30. März 2020

Mountainbike

AUF EIN TELEFONAT mit Mountainbiker Matthias Bettinger, der derzeit allein trainieren muss.

TITISEE-NEUSTADT. Matthias Bettinger ist überzeugter Hochschwarzwälder. Der Mountainbike-Langstreckenspezialist, der für das Team Stop&Go Marderabwehr startet, ist in Breitnau aufgewachsen und wohnt dort mit seiner Familie auch heute noch. 2012 hat er die Langdistanz beim Ultra Bike Marathon in Kirchzarten gewonnen. Der 35-Jährige hat einen 20-Stunden-Job und trainiert unter semiprofessionellen Bedingungen. Jürgen Ruoff hat sich mit ihm über selbstgemachte Burger, Lagerkoller und die momentan schwierige Lebenslage unterhalten.

» Was gibt es heute zu essen? Das Mittagessen ist ausgefallen, da ich trainieren war. Heute Abend gibt es ein typisches Sportlergericht: Burger. Keine normalen Burger, schon ein bisschen gesünder. Komplett selbst gemacht, halb Hasenbeck-Weckle, nach dem Motto "kauf’ regional", und die anderen Weckle machen wir selbst, die sind gerade im Ofen. Gutes Fleisch gehört dazu, Salat, eine Guacamole wollen wir auch selbst machen, Käse und Jalapenos, denn wir Erwachsenen mögen es gern scharf. Die Kinder bekommen natürlich eigene Burger.

Wie hoch ist die Klopapierdichte in der Wohnung? Sicherlich unterdurchschnittlich, wir haben wie immer einen Pack Klopapier im Haus. Wenn der leer ist, holen wir einen neuen. Nein, wir sind keine Hamsterkäufer.
» Mein Training erledige ich ... eigentlich wie immer, nur der Trainingspartner fehlt im Moment. Die letzten Tage bin ich immer kurz vor Mittag aufs Rad gegangen, das ist ein bisschen den Temperaturen geschuldet, ganz früh am Morgen ist es noch sehr kalt. Heute habe ich mit dem Rennrad eine längere Einheit von viereinhalb Stunden gemacht, gestern war ich mit dem Bike zwei Stunden unterwegs.

Mein Ruhepuls liegt bei... Moment, meine Uhr weiß das ganz genau. Mein Schlafpuls heute Nacht war bei 40 Schlägen pro Minute.

» Welche Musik läuft meistens? Wir hören gern harten Rock oder gehen ganz in die andere Richtung und hören schnulzige Schlager.

Am liebsten trinke ich...
Johannisbeer-Schorle. Am zweitliebsten trinke ich Kaffee.

"Ich habe jetzt endlich

Zeit, alle Fahrräder

perfekt zu putzen."
» Mein tägliches Highlight ist... der normale oder doppelte Espresso nach dem Radtraining. Das ist ein tägliches Ritual: Wenn ich heimkomme und meine Frau ist da, dann trinken gemeinsam einen Espresso. Und wenn sie nicht da ist, trinke ich ihn allein.

Ein Tipp gegen aufkommenden Wohnungskoller: Den großen Garten nutzen. Einer geht dann in die eine Ecke des Gartens und der andere auf die andere Seite. Wir haben ein großes Hochbeet: Wir pflanzen Salat, Karotten und Kartoffeln und noch einiges mehr an. Kräuter haben wir am Fenster stehen.
» Kontakt zu Freunden halten wir ... momentan per Skype und WhatsApp. Wir telefonieren eher weniger. Gerade für die Kids ist skypen cool, denn so können sie Oma und Opa oder die Freunde aus Urach sehen.
Welches No-Go gilt im Hause Bettinger: Im Moment: Kontakt zu anderen. Ansonsten haben wir keine No-Gos.
» Endlich Zeit habe ich... um alle Fahrräder perfekt zu putzen. Die Kinder haben jeweils ein Fahrrad, meine Frau hat eins und ich habe vier: zwei Rennräder und zwei Mountainbikes.
Mir fehlt derzeit am meisten... der Kontakt zu anderen. Und wir würden auch mal wieder gern weggehen. Radsport ist eigentlich ein Einzelsport, trainieren geht man aber oft mit anderen. Im Training hat Radsport etwas Gesellschaftliches, man ist fast nie allein. Das fehlt schon. Allein fahren ist auch mal ganz nett, aber im Moment ist es halt tagtäglich so. Auch das Arbeiten im Sportgeschäft fehlt mir, ich bin Verkäufer durch und durch, mir macht das Spaß. Der Kontakt zu anderen sportbegeisterten Menschen fehlt mir schon.

» Mountainbikerennen wird es in diesem Jahr... hoffentlich wieder geben. Aber im Moment sieht es eher schlecht aus.
Was sonst noch wichtig ist: Gesundheit in dieser Phase, Gesundheit auch für die anderen. Meine Eltern gehören vom Alter her zur Risikogruppe, da ist man jeden Tag froh, wenn man anruft und hört, dass alle noch gesund und munter sind.

» Für das Jahr 2021 freue ich mich vor allem auf diese sportlichen Ereignisse: Auf jeden Fall die Frühjahrsrennen. Gerade das Rennen in Houffalize in Belgien bin ich jetzt zweimal hintereinander gefahren, es ist schade, dass es dieses Jahr nicht stattfindet. Ich freue mich generell auf die Rennen, auf die man sich den ganzen Winter vorbereitet. Es ist schon krass für einen Sportler, dass die jetzt alle abgesagt sind.

Die behördlichen Maßnahmen zur Ausgangsbeschränkung sind... wichtig und notwendig. Es ist der einzige Weg, die Sache einzudämmen. In England haben sie es anders probiert und jetzt geht es da richtig heftig zur Sache.

Großen Respekt verdienen in diesen Tagen ... ich sage es immer wieder zu meinem Bruder, der arbeitet im Lebensmittel-Einzelhandel. Ich habe allergrößten Respekt vor dem, was diese Leute im Moment machen. Man merkt ihm auch an, dass es ihn beschäftigt. Die müssen derzeit Vollgas geben, die haben Menschenkontakt und laufen selbst Gefahr sich anzustecken. Gleiches gilt für Ärzte, Pfleger … vor dem, was sie leisten, habe ich einen Heidenrespekt.