"Hebel war immer auch Aufklärer"

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 23. Oktober 2019

Hausen im Wiesental

Seminarteilnehmer analysieren Gedicht von Johann Peter Hebel.

HAUSEN. Unter die Lupe nahmen am Samstag 14 Seminarteilnehmer Johann Peter Hebels Gedicht "Die Vergänglichkeit", das vom Sein und Vergehen des Menschen handelt. Das Seminar mit Markus Manfred Jung ist der Start eines neuen Formats "Hebel lesen", mit dem der Hebelbund Lörrach die intensive Auseinandersetzung mit Hebels Texten fördern will.

Ein verregneter Samstagnachmittag. Zeit für Literatur. Wir treffen uns im Hebelhaus Hausen zum Hebel-Seminar unter Leitung des Mundartlyrikers Markus Manfred Jung. Wir: Das sind 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Dichter, Autorinnen, Pädagogen, Journalisten, Pensionäre, eine Pfarrerin aus dem Kreis Lörrach, aus Wehr, vom Hotzenwald, aus Riehen, Basel, Freiburg, sogar von der Schwäbischen Alb. Leute, die das Werk des alemannischen Dichterfürsten mal ganz genau "unter die Lupe" nehmen wollen.

Vor uns auf den hufeisenförmig aufgestellten Tischen liegt ein Stück Weltliteratur: Johann Peter Hebels Gedicht "Die Vergänglichkeit", das vom Sein und Vergehen des Menschen handelt. "Der Gedanke, dass das Leben endlich und der Mensch vergänglich sei, war schon immer Anlass zum Sinnen und Denken", schickt Volker Habermaier, Präsident des Hebelbunds, dem spannenden Diskurs voraus.

Dass dieses "Experiment" auf Anhieb auf so viel Interesse gestoßen ist, freut auch Bürgermeister Martin Bühler, Stiftungspräsident der Hebel-Stiftung, der bestens vertraut ist mit Hebels Werk. Drei Stunden lang, nur unterbrochen durch eine kurze Kaffeepause, geht die Gruppe mit Markus Manfred Jungs dieses Gedicht Stück für Stück, Vers für Vers durch.

Als früherer Gymnasiallehrer ist Jung spürbar in seinem Element, wenn er in der Runde tief einsteigt in diesen so vieldeutig lesbaren Dialog über die letzten Dinge und das Ende allen Seins. Seit Schulzeiten habe ihn Hebel nicht mehr losgelassen, sagt Jung, der als Sohn des Heimatdichters und Hebelpreisträgers Gerhard Jung schon früh zu Hebel fand.

Die Psalmen Davids haben Hebel inspiriert

Zum Einstieg klopft Jung die Vorbilder des großen Dichters ab, der sich von den Psalmen Davids, mittelhochdeutschen Minneliedern und der Tradition der Nachtgesänge inspirieren ließ. Der "Ahnherr der alemannischen Dichtung" sei aber "auch auf Basler Schultern gestanden", spielt Jung auf die Vor-Hebelsche Baslerische alemannische Dichtung an.

Zur Veranschaulichung wird Hebels biografische Situation vor Augen geführt. Im Winter sei der Junge, der seinen Vater früh verloren hat, mit der Mutter in Hausen gewesen, im Sommer in Basel, wo sie in einer vornehmen Familie gearbeitet hat. Ein Jahr lang ging der Junge auf die Lateinschule in Schopfheim. Als Hebel 13 Jahre alt war, wurde die Mutter schwer krank und der Bub holte sie mit einem Verwandten in Basel ab, um sie auf dem Ochsenkarren nach Hausen zu bringen. Doch unterwegs starb die Mutter in den Armen ihres Sohnes. Auf der Straße, an der Stelle, an der die Mutter gestorben ist, spielt der Dialog zwischen Vater und Sohn im Gedicht "Die Vergänglichkeit". Die beiden sind unterwegs nach Basel in unheimlicher düsterer Atmosphäre, mit Blick auf die Röttler Ruine, auf die Sterne am Himmel, und haben das Rauschen des Flusses im Ohr. Es entspinnt sich ein schauerlich-gespenstisches Gespräch über das Ende allen Seins, über den Kreislauf des Werdens und Vergehens. Oft wird es als Selbstgespräch zwischen dem älteren und dem jungen Hebel gedeutet.

Hebel musste sich schon als Kind mit dem Tod befassen

Den Diskutanten fällt auf, wie "erwachsen" es klingt, wenn der Junge über das Röttler Schloss und den Tod im Basler Totentanz spricht. Sie sehen es als Verweis darauf, dass sich Kinder zu Hebels Zeiten viel stärker mit dem Tod befassen mussten. Auch die Antwort des Vaters, dass alles ein Ende nehme und nichts still stehe, wurde rege diskutiert. Jung sah darin einen leisen Hinweis, dass es über den Tod hinausgehe, dass alles fließe: "Hebel war immer auch Aufklärer." Vertraute Ortsnamen wie Wis und Gresgen, die ländliche Gegend, der Chilchhof, die im Text vorkommen, ziehen einen direkt ins Geschehen hinein. "Wir kennen das alles, wir sind gemeint." Um so mehr schaudert es einen, wenn es heißt, dass das "Huus" alt und "wüest" wird und bis aufs Fundament fault, der Wind durch die Ritzen pfeift, das ganze "Dörfli" selber "in sy Grab" sinkt. "Das Dörfli ist wie ein Mensch, der ins Grab sinkt", so Jung zur Personifizierung des zerfallenden Dorfs.

Nach dem Dorf kommt Basel dran, die Stadt, in der der Reichtum wohnt. Auch dieses Basel geht ins Grab in der drastischen Schilderung des Vaters, in der sogar die Gespenster umgehen. Für Jung eine interessante Stelle, denn mit der Beschwörung des Gespensterglaubens habe sich der Theologe Hebel "schon in die Nesseln gesetzt". Stark im Fokus steht die zentrale Stelle, in der der Bueb angstvoll vom "wilden Jäger" spricht: von jeher im Volksglauben ein Synonym für den Tod. "Der Bub spürt jetzt die Vergänglichkeit, den Tod ganz nahe", deutet es Jung. Wenn vom "Eiermaidli" aus Hausen die Rede ist, das "halber fuul" aufgefunden wurde, ist das "ein brutales konkretes Bild für den Tod", so Jung.

Und dann kommt die gewaltige Apokalypse, der Weltenbrand, viel Biblisches, der Krieg, das Erdbeben, bei dem die Kirchtürme zu schaukeln anfangen und der Boden wankt: "Das sind Wahnsinnsbilder", meint Jung. Die Seminarteilnehmer stimmen ihm voll zu. Dramatisch malt der Vater die Bilder vom verkohlten Belchen und Blauen aus, von der Wiese ohne Wasser, von einer Welt, in der "alles öd und schwarz un totestill" ist. Und was ist mit den Menschen, wenn alles brennt? Auf diese Frage des Buben hin verweise der Vater auf den tröstlichen Gedanken an die Ewigkeit, das Bild von der Milchstraße und den Weg ins Jenseits. "Hebel lässt vieles offen", bilanziert Jung, "manche Sachen kann man nicht erklären."