Zwickmühle

Heilige Kühe werden für Indiens Landwirte ein immer größeres Problem

dpa

Von dpa

Di, 23. April 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Sie fressen Landwirten die Ernte weg und treten ihnen die Felder kaputt: Vagabundierende Kühe werden in Nordindien immer problematischer. Schuld ist die Politik.

Mit dem Gehstock deutet Bauer Ved Pal Singh auf sein Weizenfeld. Von vielen der Pflanzen fehlt ein Stück – sie sind angeknabbert. Ruiniert seien sie, wenige Wochen vor der Ernte, sagt Singh. Das Feld nebenan ist von runden Löchern übersät, die offenbar von Hufen stammen. Hier im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh (genannt UP) werden Tiere zu einem Problem, die in dem hinduistischen Land eigentlich verehrt werden: Kühe.

Schutz der Kühe soll Priorität sein

Richtig schlimm ist es den Landwirten zufolge ausgerechnet, seit im März 2017 der Hindu-Priester Yogi Adityanath Regierungschef des 200-Millionen-Einwohner-Bundesstaates wurde. Die Regierung von der hindu-nationalistischen Partei BJP, die auch vom nahe gelegenen Neu Delhi aus das ganze Land regiert, hat in UP den Schutz der Kuh zur Priorität erklärt. Manche Bauern meinen, dadurch gehe es sowohl den Tieren als auch den Menschen letztlich schlechter.

In UP und den meisten anderen indischen Bundesstaaten ist es verboten, Kühe zu schlachten. Es hat aber immer illegale Schlachthöfe gegeben, an die Bauern ihre Kühe verkaufen konnten, wenn diese keine Milch mehr gaben. Es sind üblicherweise Angehörige der muslimischen Minderheit – denen Kühe eben nicht heilig sind – die die Schlachthöfe betreiben.

Die Regierung hat Schlachthöfe geschlossen

Radikale Hindu-Nationalisten haben sich seit der Amtsübernahme von Premierminister Narendra Modi im Jahr 2014 aber verstärkt zusammengetan und im Namen des Schutzes der heiligen Kuh Menschen angegriffen, denen sie vorwerfen, Kühe zu einem Schlachthof gebracht, getötet oder gegessen zu haben. In einem Bericht zählte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch allein zwischen Mai 2015 und Dezember 2018 insgesamt 44 Todesopfer bei solchen Angriffen – darunter 36 Muslime.

Das hat abschreckende Wirkung. Die Regierung hat zudem Schlachthöfe geschlossen. Nun wissen Bauern nicht mehr, wohin mit ihren Kühen. Sie können es sich nicht leisten, sie weiter zu füttern, nachdem sie aufhören, Milch zu geben. Viele Rinder werden daher einfach freigesetzt. Sie zerstören Felder und werden sogar für Menschen zur Gefahr. "Die Kühe greifen Bauern an", erzählt Ved Pal Singh. "Einer ist hier in der Nähe gestorben, und einer Frau hat eine Kuh mit den Hörnern den Bauch aufgeschlitzt." Er bewache nun immer bis spät abends sein Feld und stehe auch nachts auf, um nach dem Rechten zu sehen. Trotzdem schafften es immer wieder Kühe auf das Feld – was zu einem großen Einnahmeverlust bei der Ernte führen werde.

Es gibt zu wenig Auffangstationen

Die Landwirte sind überwiegend Hindus und daher zwiegespalten. "Die Kühe sind uns nicht egal, denn sie sind in unserer Religion heilig", erklärt Vijay Singh. Die gegenwärtige Situation sei aber auch für die Tiere schlecht. "Vorher hatten sie wenigstens einen würdevolle Tod – am Ende ihrer Melkzeit, wenn sie sich nicht mehr bewegen konnten, haben die Leute vom Schlachthof sie sauber entsorgt", sagt Singh. "Jetzt sieht man überall streunende, schwache Tiere. Sie werden auf der Straße angefahren oder verscheucht." In Nordindien kann man die Tiere in Städten wie auf dem Land beobachten, wie sie am Straßenrand Plastikmüll fressen. Im Ort Jewar, nicht weit von Indiens Hauptstadt Neu Delhi, gibt es eine Auffangstation auf dem Gelände eines Tempels. Hier stehen rund 300 Rinder, nach Geschlecht getrennt, dicht an dicht in zwei Ställen. In einer Ecke liegt unter einer Decke eine Kuh, die von einem Auto angefahren wurde und der alle Beine amputiert werden mussten. Am Eingangstor prangen Bilder von Modi und Adityanath.

Die Regierung habe Geld zugesagt, es aber nie geschickt, erklären die sechs Mitarbeiter. Die Auffangstation sei voll – für die Kühe, die auf dem nahe gelegenen Feld von Ved Pal Singh ihr Unwesen treiben, sei hier kein Platz mehr. Eine neue Auffangstationen sei geplant, der Bau komme aber nicht voran.

In Indien wird derzeit das Parlament gewählt. Noch bis zum 19. Mai können Bürger ihre Stimme abgeben. Landwirte sind eine Kernwählergruppe für die BJP. Die Regierung hatte angekündigt, in diesem Jahr mehr als doppelt so viel Geld für Auffangstationen und die Pflege von Kühen auszugeben wie bisher. Die Bauern sind allerdings skeptisch. Es sei im Prinzip richtig, dass die Regierung Kühe schützen wolle, meint Vijay Singh. "Ich wäre einverstanden – wenn sie denn die Kuh wie eine Mutter behandeln würde, wie es unsere Religion vorschreibt."