Freiwilligendienst

Heimatschutz – "Dein Jahr für Deutschland"

Carolin Gißibl

Von Carolin Gißibl (dpa)

Fr, 23. April 2021 um 09:48 Uhr

Anzeige Der neue Freiwilligendienst der Bundeswehr ist im April mit mehr als 300 Rekruten gestartet. Der Wehrdienst im Heimatschutz ist nicht unumstritten.

Schießen, Sport, Sandsäcke stapeln: In Bayern absolvieren mehr als 70 Rekruten ihre militärischen Ausbildung für den Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz. Sie sollen bei Unglücken und Katastrophen helfen. Das neue Programm der Bundeswehr stößt aber auch auf Kritik.

In Tarnkleidung und mit Pistole in der Hand traten 68 Rekruten im unterfränkischen Volkach zu Waffen- und Schießübungen an. Sie alle sind Teil des neuen Freiwilligen Wehrdienstes im Heimatschutz und lassen sich für Krisen- und Katastropheneinsätze ausbilden. Das Programm unter dem Motto "Dein Jahr für Deutschland" startete Anfang April und soll den bereits bestehenden freiwilligen Wehrdienst ergänzen. "Wir brauchen eine starke Reserve", sagt Stabsfeldwebel Thomas Sauer von der Bundeswehr in Bayern. Der größte Unterschied zum klassischen freiwilligen Wehrdienst sei statt Auslandseinsätzen eine möglichst regionale und heimatnahe Unterstützung – beispielsweise zur Pandemie-Bekämpfung, um Sandsäcke bei Hochwasser zu stapeln oder bei Unglücken wie etwa einem potenziellen Flugzeugabsturz in die Münchner Allianz-Arena. Die Truppe auf dem Gelände des Logistikbataillons 467 in Volkach ist bunt gemischt und reicht vom 18-Jährigen bis zur 55 Jahre alten Freiwilligen. Bewerben konnten sich Frauen und Männer im Alter von 17 bis 65. Körperliche Fitness sei allerdings eine Grundvoraussetzung – schließlich gehörten Sechs-Kilometer-Märsche mit 20 Kilo Gepäck zur Grundausbildung, erklärt Sauer.

Mehr als 9000 Menschen haben nach Angaben der Bundeswehr Interesse am Freiwilligen Wehrdienstes im Heimatschutz bekundet. "Wir waren selbst überrascht, wie groß das Interesse ist", sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). In diesem Quartal traten bundesweit mehr als 320 Rekruten den neuen Dienst an, davon 16 Prozent Frauen. Drei Monate dauert die Grundausbildung, die in Bayern neben Volkach im Landkreis Kitzingen auch in Kümmersbruck im Oberpfälzer Landkreis Amberg-Sulzbach absolviert werden kann. Dort sind sieben der 75 Rekruten im Freistaat stationiert. Bundesweit gibt es elf Standorte der Streitkräftebasis und zwei Standorte der Luftwaffe. Im ersten Jahr sollen 1000 Männer und Frauen ausgebildet werden.

Nach dem Vierteljahr Grundausbildung folgt eine viermonatige Spezialausbildung in Wildflecken (Landkreis Bad Kissingen), Delmenhorst (Niedersachsen) oder Berlin. Diese reicht von Brandschutz, Sanitätsdienst, Objektschutz bis hin zu Abwehrmaßnahmen gegen atomare, biologische oder auch chemische Kampfmittel (ABC-Abwehr) sowie Einsätzen, wie sie derzeit in der Corona-Pandemie benötigt werden. Nach der Ausbildung werden die Männer und Frauen zu Reservisten und sind damit verpflichtet, innerhalb von sechs Jahren fünf Monate Dienst in Reserveübungen oder Einsätzen abzuleisten.

Der Name Heimatschutz sei bewusst gewählt worden und korrigiere frühere Fehler, diesen Begriff den Rechten zu überlassen, sagte Kramp-Karrenbauer, die sich auch gegen Kritik wehrte, die bezahlte militärische Ausbildung schwäche andere Organisationen. Der Verteidigungspolitiker Alexander Neu von den Linken meinte beispielsweise, dass es sinnvoller sei, Blaulicht-Organisationen wie das Technische Hilfswerk ausreichend zu finanzieren. Kritik kommt auch seitens der Wohlfahrtsverbände, die unter anderem das Programm als eine gut bezahlte Konkurrenz zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) oder Bundesfreiwilligendienst (BFD) sehen. Denn Freiwillige bei der Bundeswehr erhielten 1400 Euro Gehalt, wohingegen Bundesfreiwillige mit rund Tausend Euro weniger rechnen müssten.

"Der neue "Freiwilligendienst" der Bundeswehr zeigt einmal mehr, dass soziale Tätigkeiten in unserer Gesellschaft weniger wert sind", kritisierte Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen in Bayern, auf Nachfrage. "Wir setzen uns seit Jahren vergeblich dafür ein, dass die Freiwilligen im FSJ und BFD mehr Anerkennung und Vergünstigungen erhalten. Bei der Bundeswehr ist all das möglich. Das ist ein unsägliches politisches Signal in einer Zeit, die mehr denn je deutlich macht, wie wichtig der soziale Bereich für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist."

Dem Landes-Caritas-Direktor, Prälat Bernhard Piendl, zufolge sollten diejenigen, die einen Freiwilligendienst leisten, gleiches Taschengeld und weitere Vergünstigungen erhalten – egal ob bei der Bundeswehr oder bei einem der Dienste der Sozialwirtschaft. Als Beispiele nannte er die freie Nutzung der Bahn und des öffentlichen Personennahverkehrs. Der Fraktionsvorsitzenden und innenpolitischen Sprecherin der Grünen im bayerischen Landtag, Katharina Schulze, erschließt sich der Mehrwert zum bisherigen freiwilligen Wehrdienst nicht: "Es wäre sinnvoller, den bereits vorhandenen freiwilligen Wehrdienst zu reformieren. Es braucht eine echte Strukturreform und keinen Schnupperkurs, um das Nachwuchsproblem der Bundeswehr zu lösen."
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