Hilfe für Opfer sexualisierter Gewalt

Verena Wehrle

Von Verena Wehrle

Do, 02. Juli 2020

Bad Säckingen

Fachstelle Courage weitet Angebot für Frauen aus / Beratung schließt Lücke im Landkreis Waldshut / Bedarf an Hilfe ist groß.

. Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, können sich neuerdings in der Frauenberatungsstelle Courage des Frauen- und Kinderschutzhauses beraten lassen. Dieses Angebot gab es bisher im Landkreis Waldshut nicht. Die Betroffenen mussten lange Wege auf sich nehmen und in die Nachbarlandkreise fahren. Der Bedarf an dieser Beratung sei jedoch sehr hoch, wie Marlies Sonntag, Geschäftsführerin des Frauenhauses, sagt. Ann-Dorothee Zühlke wird die Beratung übernehmen.

Doch was ist sexualisierte Gewalt? "Alles, was nicht gewollt ist, und eine Form von Macht durchgesetzt wird durch sexuelle Handlungen" – das versteht die Fachstelle darunter. Es werden nicht nur Opfer von Vergewaltigungen beraten, sondern auch solche von Übergriffen, Missbrauch – auch am Arbeitsplatz oder im Internet. Hilfe erhalten sowohl Frauen, die erst kürzlich sexualisierte Gewalt erfahren haben, aber auch jene, die vor vielen Jahren zum Opfer wurden und bei denen erst jetzt Folgeschäden auftreten. Bei der Vielzahl der Vergewaltigungen seien meisten Bekannte oder Verwandte des Opfers die Täter, berichten die Beraterinnen. Auch bei Kindern komme der Täter oft aus der eigenen Familie, so Marlies Sonntag.

Frauen und Mädchen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind, können sich an die Fachstelle wenden, auch anonym. Die Beraterinnen unterliegen der Schweigepflicht und handeln nur mit Zustimmung der Frauen. Sie beraten, wie eine Anzeige gestellt werden kann, begleiten die Frauen zu Ärzten oder Anwälten. "Wir helfen die Selbstachtung zu stärken, unterstützen bei der Alltagsbewältigung und helfen bei Entschädigungsanträgen", sagt Ann-Dorothee Zühlke.

Die Zahl der angezeigten sexuellen Übergriffe sei – auch auf dem Land – in den vergangenen Jahren gestiegen. Viele Taten würden aber gar nicht angezeigt. "Ob sie die Anzeige wollen, das ist ein langer und schwieriger Prozess, das ist mit viel Scham besetzt", sagt Sonntag. "In unserer Gesellschaft geistert es oft in den Köpfen herum, dass die Frauen selbst schuld sind. Unsere Aufgabe ist es, klar zu machen, dass keine Frau schuld ist." Diese Schuld- und Schamgefühle führten dazu, dass die Frauen mit der Anzeige zögerten.

Die Beratungsstelle kann den Betroffenen eine anonymisierte Spurensicherung vermitteln. In diesem Fall werden die Spuren einer Vergewaltigung in der Gerichtsmedizin aufbewahrt, die Tat muss aber nicht sofort angezeigt werden. "Es muss für Opfer die Möglichkeit geben, zu sagen, ich bin noch nicht so weit und ich halte eine Anzeige und ein Gerichtsverfahren nicht aus", meint Sonntag. Die Fachstelle arbeite mit der Polizei zusammen, wolle aber den Spielraum nutzen und der Betroffenen ihre Selbstbestimmung zurückgeben. "Wir gehen die Wege mit der Frau zusammen", sagt Zühlke.

Auch Angehörige und Freunde von Opfern werden beraten: etwa wenn die beste Freundin sich meldet, die von dem Missbrauch erfahren hat und nicht weiß, was sie tun soll. Angehörige seien häufig überfordert mit der Situation, so Sonntag. Sie haben die Möglichkeit, das Hilfsangebot der Fachstelle anzunehmen. "Das ist meistens ein guter Weg, weil sie nah an der Person dran sind, die Hilfe braucht", sagt Sonntag. Ein weniger guter Weg sei, wenn Angehörige den Missbrauchsfall ohne Zustimmung der betroffenen Frau sofort der Polizei meldeten. "Wichtig ist, die Frau nicht zu Schritten zu drängen, die sie noch nicht gehen kann." Erfährt die Polizei von einem Fall sexualisierter Gewalt, kommt es automatisch zur Anzeige. Das Verfahren läuft an und das Opfer wird vernommen.

Neben der sexualisierten Gewalt mit Körperkontakt nehme auch jene im Internet zu. Sonntag erzählt von sogenannten Dickpics (Bilder von Penissen), die Männer ungefragt an Frauen schicken. "Das Internet ist eine unheimlich einfache, weil anonyme, Verbreitungsart." Gerade unter Jugendlichen, die ihre Fotos plötzlich auf Pornoseiten wiederfinden, gäbe es viele, die dies niemandem erzählen. "Bei Beratungsgesprächen sind wir oft die Ersten, denen der Missbrauch bekannt wird", sagt Zühlke.

Die neue Beratungsstelle gibt es seit Anfang des Jahres, mit der Arbeit könne man aufgrund der Corona-Pandemie erst jetzt richtig starten. Eine wichtige Aufgabe sei, das Thema der sexualisierten Gewalt an die Öffentlichkeit zu bringen. In Schulen starte man nun mit Plakat-Aktionen. "Es muss aus dieser Dunkel-Ecke rausgeholt werden, es muss ein Thema werden und bleiben", sagt Sonntag. Denn: "Wir sind weit weg davon zu sagen, wir haben dieses Thema im Griff – weder in der häuslichen noch in der sexualisierten Gewalt – und das finde ich in der heutigen Zeit wirklich bitter."