Hilferuf aus Syrien

Michael Wrase

Von Michael Wrase

Mo, 22. Februar 2021

Ausland

Zwölf Millionen Menschen müssen mit Lebensmitteln versorgt werden / Hunger als Machtmittel.

. Die "schlimmste Hungerkrise im Verlauf des zehnjährigen Bürgerkrieges" herrscht derzeit in den Flüchtlingslagern im Nordwesten Syriens, so Vertreter der Welthungerhilfe. Mehr als zwölf Millionen Menschen sind betroffen.

In dem von protürkischen Islamistenorganisationen kontrollierten Nordwesten von Syrien haben Zivilschutzteams in der vergangenen Woche Erdwälle um Flüchtlingslager errichtet, um deren Überflutung zu verhindern. Schwere Regenfälle hatten dort im letzten Monat über 10 000 Zelte teilweise zerstört. Der erwartete Starkregen ging am letzten Freitag in Schnee über, gegen den sich die meisten der rund drei Millionen Binnenflüchtlinge nicht ausreichend schützen können.

Bei seinem Besuch in der nordsyrischen Grenzstadt Asas seien ihm 30 Kinder entgegengekommen, die bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nur Pullis und Sandalen getragen hätten, berichtete der Syrien-Koordinator der Welthungerhilfe, Konstantin Witschel, am Wochenende. In den Camps "fehlt es an allem". Ganz besonders zu leiden hätten die Menschen unter der "bislang schlimmsten Hungerkrise" des zehnjährigen Bürgerkrieges.

Eine Rekordzahl von 12,4 Millionen Syrern, fast 60 Prozent der Bevölkerung, ist nach Erkenntnissen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) von Ernährungsunsicherheit betroffen. Das seien 4,5 Millionen Syrer mehr als vor einem Jahr. Als wichtigsten Grund für die schwere Notlage nennt WFP-Repräsentant Sean O’Brian den Verlust von Arbeitsplätzen als Folge von Corona sowie steigende Lebensmittelpreise.

Es sei alarmierend, dass eine einfache Mahlzeit für Familien in ganz Syrien inzwischen unerreichbar sei. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg hätten die Menschen ihre Ersparnisse aufgebracht, währenddessen habe sich die Wirtschaftskrise weiter verschärft. Viele Eltern würden weniger essen, um ihre Kinder ausreichend ernähren zu können. Andere verkauften ihre letzten Vermögenswerte und Vieh, um Einkommen zu erzielen. Der Syrien-Koordinator der Welthungerhilfe hat zudem einen Anstieg der Kinderarbeit sowie Zwangs- und Frühverheiratung beobachtet. "Das zeigt, wie verzweifelt die Menschen in Syrien sind", so Konstantin Witschel.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich auch das Assad-Regime zu den "Opfern" der humanitären Krise zählt. Nicht die so brutale Niederschlagung des Volksaufstandes durch die von Russland und Iran unterstützten Streitkräfte hat aus Blickwinkel der Herrschenden in Damaskus zu dem entsetzlichen Elend in dem Bürgerkriegsland geführt. Verantwortlich seien vielmehr die von der EU und den USA verhängten Sanktionen. Tatsächlich haben die Zwangsmaßnahmen ihr Ziel, nämlich den Sturz des Assad-Regimes, nicht bewirkt. Der Diktator sitzt heute vermutlich fester im Sattel als im März 2011, als sich die Bevölkerung gegen sein Regime erhob. Sie leidet unter den Sanktionen sicherlich am meisten.

Assad und seine Gefolgsleute stört es nur wenig, wenn mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Hunger leidet. Während des Bürgerkrieges hatten sie Hunger immer wieder als Waffe eingesetzt. Von Rebellen kontrollierte Stadtviertel von Damaskus, Homs oder Aleppo sowie viele Dörfer im Umkreis wurden oft solange belagert, bis die vom Hunger ausgezehrte Bevölkerung schließlich kapitulierte.