Hintergrundmann des Projekts Gina X Performance

Peter Disch

Von Peter Disch

Do, 29. Oktober 2020

Rock & Pop

Der Freiburger Musiker und Produzent Zeus B. Held bekommt den Ehrenpreis des Holger-Czukay-Preises der Stadt Köln für sein Wirken in den 70er und 80er Jahren.

Die Mitteilung kam unverhofft. Umso größer ist die Freude. Zeus B. Held aus Freiburg erhält am 31. Oktober den Ehrenpreis des Holger-Czukay-Preises der Stadt Köln. Mit der Auszeichnung, die nach dem Bassisten und Mitgründer der einflussreichen Band Can benannt ist, sollen Künstlerinnen und Künstler geehrt werden, die in ihrem Wirken Spuren in Köln hinterlassen haben oder aktuelle Entwicklungen beeinflussen und mitprägen. Und genau das hat der Musiker und Produzent getan, der fünf Jahre in der Stadt am Rhein lebte – mit dem 1978 gegründeten Projekt Gina X Performance.

Held hatte gerade sechs Jahre in den Reihen von Birth Control hinter sich, als er in Köln Gina Kikoine traf. "Kreuz und quer" war er mit der deutschen Progressive-Rock-Gruppe durch Europa getourt, nun stand ihm der Sinn nach etwas Anderem als immer nur "dem einen Griff auf der Rockgitarre". Gina Kikoine, Sängerin und Texterin des bald gegründeten Duos, kam aus einer anderen Welt. Sie hatte einen Magister in Kunstgeschichte, liebte die New Yorker Rock-Avantgardisten Lou Reed und Patti Smith, war von Videokunst beeinflusst und strebte mit dem Projekt "die vollendete Verbindung von Musik, Poesie und Travestie" an.

Die Rollen waren klar verteilt. Held, der sich damals in die Arbeit als Produzent stürzte, blieb im Hintergrund, war auch live eher selten dabei. Gina Kikoine wurde zum Gesicht des Projekts. An ihrer Seite: der Transvestit Ralph Morgenstern, der später als Moderator der Tratsch- sendung "Blond am Freitag" im ZDF Karriere machte und der Performance-Künstler Hinrich Sickenberger.

Held kreierte mit Synthesizern, Sequenzern und stimmverfremdenden Vocodern den zunächst rein elektronischen Sound von Gina X Performance. Dabei baute er auf das, was schon da war – Kraftwerks flirrend-fließende, stoische Poplandschaften, den schwülen Disco-Funk, den der Musiker Kurt Hauenstein alias Supermax gerade zum Erfolg gemacht hatte. Held modifizierte Disco-Beats, nutzte Weltraumzeitalter-Fanfaren und sphärische Sounds – und nahm dabei vieles vorweg, was sich in Großbritannien gerade entwickelte und als Synthi-Pop drei Jahre später zum Mainstream wurde.

Gina Kikoine deklamierte dazu mit schwerem deutschem Akzent und selbstbewusster Mädchenstimme suggestive Geschichten über Exhibitionismus und Selbstbefriedigung und den Wunsch, ein Junge zu sein – oder vielleicht doch nicht?

Auf dem Cover des 1979 erschienenen Debütalbums "Nice Mover" trug sie die Haare kurz, rechts einen Netzhandschuh, den Zeigefinger zwischen den Zähnen, unter der offenen Lederjacke ist ein durchbrochener BH zu sehen. Das Titelstück und die erste Single "No G.D.M.", die der Schwulenikone Quentin Crisp gewidmet war, erregten in den Clubs der homosexuellen Gemeinde von London bis New York Aufsehen. Auf der anderen Seite war der Song in Österreich ein Hit, der 1979 zu einem Festivalauftritt vor 14 000 Menschen in Wien führte. Auf dem sonst eher familienfreundlichen Programm standen noch der Chansonnier Ludwig Hirsch, die Discostars Boney M und die Popband Clout.

Größere Auftritte, erinnert sich Held, gab es noch in Schweden, Norwegen und Israel, auch Kanada und Frankreich waren immer ein gutes Pflaster. Generell aber blieb die Formation ein "Underground- und Club-Phänomen". Einen Manager, der sich um die Vermarktung hätte kümmern können, gab es nur kurz. Kikoine war am geschäftlichen Aspekt nicht wirklich interessiert.

Was neben den bis 1984 erschienen vier Platten bleibt, ist der Einfluss, den die Songs auf andere gehabt hatten. Peaches, längst in Berlin lebende kanadische Elektropunk-Größe, hat wegen Gina X Performance mit der Musik angefangen, sagt Held. "Nice Mover" und "No G.D.M." zählen zum Standardrepertoire vieler Club-DJs, einer der wichtigsten, der Brite Andrew Weatherall, featurte Gina X auf seinem Album "Nine O’ Clock Drop". Das auf Wiederveröffentlichungen spezialisierte U.S. Label Medical Records hat das Debüt als Schallplatte noch mal aufgelegt – die 1000 Exemplare sind bereits wieder vergriffen. Wie wär es mit einem Comeback? "Wir sind gefragt worden, ob wir nochmal ein Album aufnehmen", sagt Held, der im August 70 Jahre alt geworden ist. "Nichts ist unmöglich. Aber wir lassen es langsam angehen."