Zweiter Weltkrieg

Wie die Wehrmacht die Ravennabrücke sprengte

Dieter Maurer

Von Dieter Maurer

Mi, 22. April 2015 um 14:42 Uhr

Hinterzarten

Das Ende des Zweiten Weltkriegs steht unmittelbar bevor – da wird die Ravennabrücke gesprengt, am 22. April 1945. BZ-Mitarbeiter Dieter Maurer lässt Zeitzeugen zurückblicken.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bekam auch Südbaden die alliierte Luftherrschaft zu spüren. Die Bahnlinie von Freiburg in den Hochschwarzwald, insbesondere die Ravennabrücke war ein Ziel von Flugzeugangriffen. Doch die Bomben verfehlten ihr Ziel. Vor 70 Jahren, am 22. April 1945, wurde das Viadukt im Höllental gesprengt. Zeitgleich mit der Ravennabrücke wurden auch der Hirschsprungtunnel und die Löffeltalbrücke in die Luft gejagt. Unmittelbar nach Kriegsende begannen bereits im Mai die Aufräumarbeiten.

"Der Offizier hielt die Sprengung für den größten Blödsinn. Dennoch führte er den Befehl aus." Erinnerungen von Theo Gremmelspacher
Der früher in Hinterzarten lebende und jetzt in Freiburg-Kappel beheimatete Helmut Heitzmann, Jahrgang 1936, hat Anfang 2005 seine persönlichen Erinnerungen aufgezeichnet. Später unterhielt er sich mit vielen Zeitzeugen. Sie erzählten ihm ihre Erlebnisse in der Schlussphase der Naziherrschaft und während der Besetzung durch das französische Militär. Auf diese Weise kam eine umfangreiche Sammlung authentischer Berichte über die Verhältnisse in Hinterzarten in den letzten Kriegs- und Friedenswochen zusammen. Diese geschilderten Erlebnisse sind in der Broschüre "Wir wussten doch nicht, was kommt – das Ende des II. Weltkriegs im Hochschwarzwald in Berichten von Zeitzeugen" zusammengefasst und veröffentlicht.

Eine umfangreiche Darstellung lieferte Theo Gremmelspacher aus Hinterzarten. Seiner Erinnerung nach wurde am frühen Morgen des 22. April 1945 dem zuständigen Wehrmacht-Offizier der Befehl für die Sprengung der 1926/27 erbauten Ravennabrücke erteilt: "Der Offizier hielt die Sprengung für den größten Blödsinn. Dennoch führte er den Befehl aus."

Die Zündung erfolgt um 8.30 Uhr im Gewölbekeller des Ökonomiegebäudes des Gasthauses "Sternen". Nur kurze Zeit danach überbrachte ein Kradmelder dem Sprengoffizier eine Meldung. Sie soll den Befehl enthalten haben, die Brücke nicht zu sprengen. Es war zu spät.

Auch die Löffeltal-Straßenbrücke wurde gesprengt

Am gleichen Tag wie die Ravennabrücke wurde die Löffeltal-Straßenbrücke in die Luft gesprengt. Zerstörungswütige sprengten zudem den Hirschsprung-Tunnel. Einziger positiver Aspekt. Zwischen den zerstörten Brücken und Tunnels eingekeilt war ein reichhaltig bestückter Verpflegungszug der Reichswehr. Der zuständige Zahlmeister löste angesichts der hoffnungslosen Lage seinen Tross auf und informierte die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, dass deren Einwohner sich aus den Beständen des Zugs versorgen dürfen. Das ließ sich die notleidende Bevölkerung nicht zweimal sagen. Andere in der Broschüre geschilderten Erinnerungen drehen sich um verschiedene Angriffe von Jagdbombern .

Die Bombardierung des Hochschwarzwalds am 24. Februar 1945 wurde von Helmut Tritschler aus Hinterzarten-Bruderhalde von der Bankenhansenhöhe aus beobachtet. Um 15 Uhr gab die Rathaussirene in Titisee Fliegeralarm. Um 15.05 Uhr erfolgte der erste Angriff der 320. Bomb Group der US-Air-Force. Diese war im französischen Dijon stationiert. Eigentliches Ziel der Bomber des Typs "Martin B-26 Marauder", begleitet von zwölf Jägern der Marke "Thunderbolt", war der Eisenbahnknotenpunkt Immendingen. Schlechte Sicht verhinderte dort einen Bombenabwurf. Als Ersatzziele wurden die Ravennabrücke im Höllental, das Bahngelände in Titisee und das Sägewerk Himmelsbach in Neustadt-Hölzlebruck ausgegeben. Auf Titisee fielen 204 Sprengbomben. 24 Erwachsene und drei Kinder wurden getötet. Das Ziel Ravennabrücke wurde von dem Piloten und ihren Besatzungen verfehlt. Viele Bomben landeten im Wald beim Schrofenhäusle im Hinterzartener Gewann Bisten.

Helmut Heitzmann wohnte in seiner Jugendzeit mit seinen Eltern beim Bahnhof Hirschsprung. Im Februar 1945 fuhr morgens ein Militärzug – mit Panzern und Kanonen beladen – auf der steil abschüssigen Strecke von Hinterzarten durch das Höllental. Da die Bremsen versagten, raste der Zug mit großer Geschwindigkeit talwärts. Unterhalb des Kehretunnels fielen erste Panzer und Kanonen von den Ladeflächen. Ein Waggon entgleiste beim Bahnhof Hirschsprung und beschädigte diesen schwer. Bei der Signalbrücke stellte sich der dritte Wagen quer. Mehrere Güterwagen türmten sich auf. Sieben Soldaten kamen ums Leben.

"Es kommen Flieger"

Sofie Lais, geborene Speth, aus Breitnau-Ravennaschlucht erzählte von den Bombenangriffen am 22. Dezember 1944, am 9. und 22. Februar 1945. Am Tag, als die Franzosen in Hinterzarten einmarschierten, war sie mit mehreren Personen auf einem Pachtfeld beim Hugenhof unterwegs: "Als wir die Franzosen beim Hotel Adler sahen, sind wir schnellstens durch das Herchenmoos nach Hause gerannt. Wir wussten doch nicht, was kommt."

Konrad Tröscher in Hinterzarten-Windeck erinnert sich an den Kilbi-Sonntag 1944. Der katholische Pfarrer war zum Mittagessen auf dem elterlichen "Kingenhof" zu Gast. Plötzlich rief einer seiner Brüder: "Es kommen Flieger." Und schon pfiff und krachte es. Seit den ersten Angriffen auf die Ravennabrücke war unweit des Hofs ein Fesselballon stationiert. Jeden Morgen füllten drei im Hof einquartierte Flakhelfer den Ballon mit Gas, damit dieser aufstieg und die Jagdbomber am Tiefflug hinderte. Zudem waren auf der Gaiserhöhe Soldaten mit drei Flakgeschützen stationiert. Auch die ländlichen Siedlungen waren jetzt immer wieder Attacken der alliierten Jagdbomber ausgesetzt. Sie bereiteten den Vormarsch der französischen Bodentruppen in den Schwarzwald vor. Die französische Armee war durch die Täler von Rench und Kinzig einerseits sowie das Wiesental andererseits bis in den Hochschwarzwald vorgedrungen. Am 26. oder 27. April 1945 rückte die französische Armee in Hinterzarten ein.
Broschüre

Weitere persönliche Erlebnisse zum Kriegssende schildern Oskar Ganter vom Weberhof in Hinterzarten-Bruderhalde, Elisabeth Zepf, geborene Pfaff aus Hinterzarten, Werner Kleiser, Hinterzarten/St. Blasien, Erich Weber, Hinterzarten, Albert Lang, Breitnau-Jungholz, Meinrad Zähringer, Hinterzarten, Hans Frieder Huber, Freiburg, Karolina Wursthorn, geborene Hog vom Neuhof in Breitnau-Hinterdorf, Elisabeth Winterhalder, geborene Löffler, aus Waldau, Alma Schildknecht geborene Schmidt aus Titisee und Franz Klingele aus Münstertal. Veröffentlicht sind die Beiträge in der Broschüre "Wir wussten doch nicht, was kommt ".

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