Liebe zu Orten

Historikerin untersucht, wie Orte unser Leben beeinflussen können

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Di, 08. Dezember 2020 um 16:09 Uhr

Panorama

Warum fühlen wir uns an manchen Orten sofort wohl, an anderen aber so gar nicht? Das untersucht die Historikerin Roberta Rio. Ihre Ergebnisse hat sie in einem Buch als "Topophilia-Effekt" zusammengefasst.

Warum fühlen wir uns an manchen Orten sofort wohl, an anderen aber so gar nicht? Die Historikerin Roberta Rio untersucht, wie Orte unser Leben beeinflussen könnten. Sie hat dazu ein Buch veröffentlicht: "Der Topophilia-Effekt". Sonja Zellmann hat sich mit ihr über ihre Forschungen unterhalten.

BZ: Frau Rio, was genau verstehen Sie unter dem Topophilia-Effekt?

Rio: Topophilia stammt aus zwei altgriechischen Worten und bedeutet: Liebe zu Orten. Der Topophilia-Effekt ist ein Sammelbegriff für die Wirkung, die Orte auf uns haben können, auf Gesundheit, beruflichen Erfolg und Beziehungen.

BZ: Wie kamen Sie darauf, die Wirkung von Orten zu untersuchen?

Rio: Im Jahr 2000 wurde meine Mutter schwer krank. Damals habe ich mich an Hippokrates erinnert, den berühmtesten Arzt der Antike, der sagte, dass man im Falle chronischer Krankheiten den Ort wechseln solle. Für meine Mama war das keine gute Idee, aus ihrem Haus auszuziehen, das meine Eltern selbst gebaut hatten. Doch für mich begann eine tiefe Auseinandersetzung mit der Frage, warum Hippokrates 500 Jahre vor Christus so eine Empfehlung gab und ob Orte wirklich einen Effekt auf unsere Leben haben können. 2008 habe ich dann erste Gutachten für Orte gemacht. Seitdem habe ich mehr als 100 Fälle analysiert.

BZ: Was heißt das genau?

Rio: Ich erforsche die Geschichte von Gebäuden, Grundstücken oder Regionen auf der Suche nach sich wiederholenden Mustern. Das ist meine Aufgabe als Historikerin. Ich bin keine Naturwissenschaftlerin, die erklären kann, warum bestimmte Ereignisse an einem Ort immer wieder vorkommen, aber ich kann auf einer statistischen Basis bestätigen, dass es an einem bestimmten Ort besonders häufig Krankheiten gibt, dass Beziehungen oft auseinandergehen oder besonders glücklich sind oder dass Unternehmen besonders erfolgreich sind. Ich bin überzeugt, dass es da Zusammenhänge gibt, die wir noch nicht verstehen können – auch weil die aktuelle Wissenschaft nach messbaren Parametern strebt. Unseren Vorfahren waren die nicht so wichtig. Sie haben die Natur beobachtet und davon zum Beispiel abhängig gemacht, wo sie sich niederlassen. Wir sollten mehr Demut vor unseren Ahnen haben, anstatt solcherlei Aussagen aus alten Büchern vorschnell als Aberglaube zu klassifizieren.

BZ: Gibt es denn Kritik an Ihrer Arbeit? Denn das klingt ja schon recht esoterisch.

Rio: Nein. Ich bin Historikerin: Ich beschäftige mich, wie gesagt, mit Geschichte und Statistiken. Unsere Vorfahren aber, die Römer zum Beispiel, haben an den sogenannten Geist eines Ortes geglaubt. Vielleicht kann die Naturwissenschaft diesen Geist eines Tages in natürliche Energie oder Erdstrahlen übersetzen, die bislang noch nicht zu messen sind. Wie bei dem Beispiel Radon: Radon war für unsere Vorfahren ein Gott, Radonquellen wurden schon früh für Heilungsprozesse genutzt. Heute können wir Radonstrahlung messen und wissen, welche Effekte sie auf die menschliche Gesundheit haben kann. Auch die Radioaktivität hat vor ihrer Entdeckung schon existiert. Ich würde mir wünschen, dass Historiker und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten, um hier neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Roberta Rio ist promovierte Historikerin mit Gastprofessuren an Universitäten in Bologna, Berlin und Wien. Für Privatpersonen, Unternehmen und Kommunen recherchiert sie die Geschichte von Orten. Die gebürtige Italienerin lebt in Kärnten und Bayern.



BZ: Haben Sie ein Beispiel dafür, wie alte Völker einen Ort ausgesucht haben?

Rio: Die Etrusker haben Schafe zu einem potentiellen Siedlungsort gebracht. Nachdem diese dort eine Zeitlang gegrast hatten, wurden einige geschlachtet und ihre Leber wurde untersucht. War diese bei der Mehrzahl der Tiere krank, besiedelten die Etrusker den Platz nicht. Ein anderes Beispiel sind mittelalterliche Dombaumeister, die sich beim Kirchenbau an Wasseradern orientiert haben. Diese verursachen ein Magnetfeld, so machen sie die Kirche zu einem Kraftort. Einem Ort, an dem man sich wegen des starken Energiefelds aber nicht zu lange aufhalten sollte. So ein Ort ist nicht dazu gedacht, dort zu übernachten. Ich kenne einen solchen Ort, an dem ein Gotteshaus und danach eine Fabrik gut funktioniert haben, ein Hotel später aber gar nicht.

BZ: Sie nennen in Ihrem Buch Volkswissen oder eher Volksglauben, dem wir Ihrer Erfahrung nach vertrauen können.

Rio: Ja. Katzen und Hunde zeigen uns zum Beispiel sofort, ob sie einen Platz mögen oder nicht. Wo sich Hunde entspannen, ist ein guter Ort für den Menschen. Katzen mögen Plätze, die für uns nicht gut sind. Das ist altes Wissen, überall verbreitet, auch unter Völkern, die nie in Kontakt waren. Ebenso: Gedeihen Rosen im Garten gut, ist das ein Zeichen für einen geeigneten Wohnort, gedeihen Tomaten gut, gilt das Gegenteil. Warum, das weiß ich nicht, aber es ist definitiv etwas dran.

"Ich liefere den Kunden die geschichtlichen Informationen. Sie machen damit, was sie wollen."

BZ: Warum kommen Menschen zu Ihnen?

Rio: Viele wollen wissen, ob es Hinweise darauf gibt, dass ihr Grundstück Auswirkung auf die Gesundheit seiner früheren Bewohner hatte. Unternehmer fragen, ob sie an einem Ort erfolgreich sein können. Ein Ehepaar kam auf mich zu, weil es in seinem neuen Haus viel stritt. Ich fand heraus, dass sich die letzten drei Generationen von Besitzern scheiden ließen und dass an dem Ort einmal ein Gerichtsgebäude stand, in dem natürlich viel gestritten wurde. Ich liefere den Kunden die geschichtlichen Informationen. Sie machen damit, was sie wollen. Das Paar ist umgezogen und lebt heute noch zusammen. Ein anderer Mann war chronisch krank, auch sein Vater und die Großeltern, die im selben Haus lebten, waren an Krankheiten gestorben. Es stellte sich heraus, dass er über einem mittelalterlichen Friedhof lebte, der einst sicher bewusst dort angelegt wurde, an einem Ort, der nicht gut ist fürs Wohnen. Wobei ich betonen möchte, dass es nicht per se gute oder schlechte Orte gibt, es kommt immer auf ihre Verwendung an. Die einen eignen sich eben für einen Schlachthof, andere für ein glückliches Leben.

BZ: Welche Tipps geben Sie Menschen, die ein Haus, ein Grundstück oder eine Wohnung kaufen wollen?

Rio: Sie sollten dem ersten Eindruck vertrauen und alle pragmatischen Gedanken zunächst von sich fernhalten – also finanzielle Überlegungen, Gedanken über die gute ÖPNV-Verbindung und solche Dinge. Sie sollten ihre Körperreaktion beobachten. Können wir frei atmen, fühlen wir uns wohl. Dafür braucht man Aufmerksamkeit – und muss natürlich auch davon überzeugt sein, dass all das eine Bedeutung hat. Außerdem kann man schauen, wie es den Menschen dort früher erging oder wofür der Ort bisher genutzt wurde. Aber natürlich ist ein Ort immer nur ein Faktor unter vielen, die uns beeinflussen können. Die Kunst ist, die Stressfaktoren, die uns belasten, zu erkennen und zu reduzieren. Kommen wir zu dem Schluss, dass der Wohnort ein Stressfaktor ist, ein Umzug aber nicht in Frage kommt, sollten wir andere Stressfaktoren wie die Ernährung, Schlafmangel oder Arbeitsbelastungen reduzieren.
Das Buch: Roberta Rio: Der Topophilia-Effekt. Edition a, Wien 2020. 272 S., 22 Euro.

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