"Ich habe keine Angst zu verlieren"

Georg Gulde

Von Georg Gulde

Sa, 01. August 2020

Leichtathletik

BZ-INTERVIEW mit Hürdensprinter Matthias Bühler, der nach fast zwei Jahren Pause ein Comeback wagt und zu Olympia nach Tokio will.

. Da staunte manch einer in der Leichtathletik-Szene: Bei den ersten Wettkämpfen, die nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr nun im Sommer wieder stattfanden, tauchte der Name Matthias Bühler auf. Ein Irrtum? Nein. Der inzwischen 33-jährige Hürdensprinter, der 2018 nach verletzungsbedingt verpasster Heim-EM in Berlin seine aktive Laufbahn beendet hatte, schmiss seinen Job als Fachinformatiker und startete ein Sport-Comeback. Bühler strebt für 2021 nun sogar seine dritte Olympia-Teilnahme an. Mit ihm sprach Georg Gulde.

BZ: Herr Bühler, wie verblüfft ist die nationale Konkurrenz, Ihren Namen wieder in der Ergebnisliste lesen und Sie als den Jahresbesten in Deutschland über 110 Meter Hürden als ernstzunehmenden Titelkandidaten für die deutsche Meisterschaft am 8. und 9. August in Braunschweig ansehen zu müssen?
Bühler: Für die leichtathletik-interessierte Öffentlichkeit mag es eine Überraschung darstellen. Die Insider wussten spätestens seit meinem ersten Start vor einigen Wochen in Winterthur, dass ich ein Comeback gewagt habe. Zudem habe ich schon über das soziale Netzwerk Instagram mit dem Slogan "Road to Tokyo" angekündigt, dass ich wieder zurück im Training bin, allerdings wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie leistungsfähig ich noch bin.
BZ: Wie sehen Sie Ihre Chancen bei der deutschen Meisterschaft am 8. August in Braunschweig?
Bühler: Ich bin vergangenes Wochenende in Regensburg bei meinem dritten Wettkampf nach dem Comeback und bei sehr guten Wetter- und Windbedingungen 13,60 Sekunden gelaufen. Das ist deutsche Jahresbestzeit, daher sehe ich gute Chancen, erneut den deutschen Meistertitel zu gewinnen. Es wird ein enger Zweikampf zwischen Erik Balnuweit, der auch in einer sehr guten Form ist, und mir.
BZ: Sie hatten sich 2018 aus dem aktiven Sport zurückgezogen, kritisierten damals und auch davor die aus Ihrer Sicht unzureichende Förderung von Spitzensportlern in Deutschland. Sie vermittelten den Eindruck eines frustrierten Athleten, der mit der Leichtathletik nichts mehr zu tun haben will und nun ins normale Berufsleben überwechselt. Wie kam es nun zum Comeback?
Bühler: Es gab zwei Dinge, die mich bewogen haben, zurückzukommen auf die Laufbahn. Zum einen ging es mir gesundheitlich wieder besser. Bei meinem Laufbahn-Ende 2018 war ich körperlich nicht mehr in der Lage, Leistungssport zu betreiben: Rücken, Beckenverschiebungen, Hüftschmerzen – Verschleißerscheinungen eben nach mehr als einem Jahrzehnt Hochleistungssport. Ich machte dann viel Fitness und war bei Physiotherapeuten. Das tat mir gut, auch mental hatte ich nicht den Druck, möglichst schnell wieder fit werden zu müssen. Es ist ein tolles Gefühl wieder völlig schmerzfrei zu sein. Zum anderen liebe ich einfach meinen Sport, ich bin ein Vollblutathlet. Ich habe schnell gemerkt, irgendwie fehlt mir der Wettkampf.
BZ: Mit 33 Jahren und nach einem Dreivierteljahr den Job wieder aufzugeben und ins Athleten-Dasein zurückzukehren, das ist mutig. Sind Sie ein Hochrisiko-Typ?
Bühler: Ich bin ein risikofreudiger Mensch, der Herausforderungen liebt und keine Angst hat zu verlieren. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich noch genug Power habe, schnell zu laufen. Und durch die Zusage meiner Eltern, mich zu unterstützen, konnte ich Anfang August 2019 voll ins Training einsteigen.

"Habe meine Pläne

lange geheim gehalten."

BZ: Wie und wo?
Bühler: Mittlerweile lebe ich sehr glücklich in Stuttgart, starte aber für meinen Heimatverein TV Haslach. Und ich habe auch die volle Unterstützung von meiner Freundin, die zum Beispiel bei Tempoläufen im Stadion steht und für mich die Zeit stoppt. Bereits drei Monate vor der Corona-Zeit habe ich einen kleinen Kraftraum in der Garage eingerichtet, der mir sehr viele Vorteile gebracht hat, als die Fitnessstudios durch die Pandemie geschlossen hatten. Hürdentraining kann ich momentan beim SV Winnenden machen. Während der heißen Corona-Phase habe ich mehr als zehn Vereine angeschrieben, um eine Trainingsmöglichkeit zu bekommen. Da ich komplett allein trainiere, dachte ich anfangs, das wäre kein Problem. Es war aber doch schwieriger als gedacht.
BZ: Hatten Sie Ihr Comeback mit dem Ziel geplant, bei Olympia 2020 in Tokio dabei zu sein?
Bühler: Nein, gar nicht. Olympia war wegen der hohen Qualifikationsanforderungen völlig außen vor. Ich wollte mich für die EM in Paris qualifizieren, um mit meinem Haslacher Fanclub in Paris richtig abzugehen. Ich habe meine Pläne auch lange geheim gehalten, da ich alle überraschen wollte, selbst enge Freunde wussten nichts von meinem Comeback. Die Europameisterschaft wurde jedoch komplett abgesagt und Olympia in Tokio um ein Jahr verschoben. Durch die Verschieben habe ich nun ein weiteres Jahr Zeit, richtig fit zu werden. Daher ist die Qualifikation zu meinen dritten Olympischen Spielen mein großer Lebenstraum.