Interview

Humanistische Seelsorge hilft mit "Gesprächen auf Augenhöhe"

Daniel Cohen

Von Daniel Cohen

Mo, 24. Juni 2019 um 13:11 Uhr

Liebe & Familie

Der humanistische Verband Dresden bietet mit der humanistischen Seelsorge eine Alternative zur kirchlichen Seelsorge an. Michael Brade, Präsident des HVD, über allgemeine und humanistische Seelsorge.

BZ: Was verstehen Sie persönlich unter Seelsorge?
Brade: Seelsorge ist ein offenes Gesprächsformat ohne ein angestrebtes Ergebnis. Hier findet man ein offenes Ohr und kann sich aussprechen. Besonders in Krisen hilft diese Begleitung beim Verstehen und Deuten. Damit wird auch der Unterschied zur Beratung deutlich, wo es eine Hierarchie und keine Augenhöhe gibt. Zusammengefasst ist humanistische Seelsorge Pflege der Persönlichkeit und Anleitung beim Finden eigener Antworten.

BZ: Auf welcher Basis gründet die humanistische Seelsorge?
Brade: Die Basis sind die Weltanschauung und der konstruktivistische Ansatz, die Menschen so zu nehmen wie sie sind. Gefühle sind weder richtig noch falsch, sondern schlicht vorhanden, subjektive Tatsachen. Im Gegensatz zu vielen Atheisten reden Humanisten jenen Menschen mit religiösen Überzeugungen ihren Glauben nicht aus oder betreiben Gegenmission. Humanismus nimmt zur Kenntnis, dass religiöse Überzeugungen tief verwurzelt und sogar identitätsstiftend sein können. Auch ich spreche Menschen das nicht ab. Allerdings geschieht unserer Meinung nach alles im Leben ohne Fremdeingriffe, es ist nichts Übernatürliches im Spiel, und es gibt keinen übergeordneten Sinn. Menschen können ihrem Leben und Ereignissen jedoch selbst Sinn verleihen. Derlei Gespräche führen wir immer auf Augenhöhe und erlauben uns keinerlei Wertungen; auch Tabuthemen gibt es bei uns nicht. Humanistische Seelsorge beschränkt sich auf Impulse, Ideen, Denkanstöße.

BZ: Welche Grenzen gibt es bei der Seelsorge?
Brade: Seelsorge enthält viele Elemente der Psychologie und der Pädagogik, ist aber eine eigenständige Profession. In der Begleitung therapieren wir nicht, sind aber in der Lage, an Therapeuten, Sozialarbeiter o.ä. zu verweisen, wenn sich ein möglicher Bedarf herauskristallisiert. Seelsorge ist Hilfe zur Selbsthilfe, schließt aber die Begleitung zu Amt oder Gericht als "moralische Stütze" auch nicht aus.

BZ: Brauchen vor allem Menschen ohne Glauben Seelsorge?
Brade: Jeder Mensch kann in eine Situation geraten, in der ein offenes Ohr oder die Außenperspektive besonders wichtig sind – ganz unabhängig von der persönlichen Weltanschauung oder Religion. In Krisen tauchen Fragen auf wie "Weshalb ist das ausgerechnet mir passiert?" oder "Hätte ich das verhindern können?". Menschen, die ihr Vertrauen in sich und ihre Mitmenschen gelegt haben, kann die Beantwortung solcher Fragen sehr schwer fallen. Seelsorge soll dabei helfen, einen Sinn für sich persönlich zu finden, eigene Antworten. Psychotherapeuten sollten sich hingegen weltanschaulich neutral arbeiten auf die Behandlung von Erkrankungen fokussieren und von Sinnfragen die Finger lassen.

BZ: Was verstehen säkulare Humanisten eigentlich unter einer Seele?
Brade: Ich habe zu hören bekommen, dass nur Seelsorge ausüben könne, wer an eine Seele nach christlichem Verständnis glaube. Das ist natürlich Unsinn und vor allem seitens einer staatlichen Anstalt eine unzulässige Einmischung in unseren weltanschaulichen Kern. Das humanistische Seelenverständnis ist synonym mit der Persönlichkeit, welche einmalig ist, nicht wiederholbar und selbst bei Zwillingen unterschiedlich. Für uns gibt es keinen Dualismus von Seele und Körper, denn schon kleine Veränderungen im Gehirn, Tumore z.B. oder Hirnblutungen, können die Persönlichkeit radikal verändern. Ohne unser lebendes Gehirn gibt es auch keine Persönlichkeit, keinen Verstand – mithin keine "Seele".

BZ: Wächst die Nachfrage nach der humanistischen Seelsorge?
Brade: Die Nachfrage ist auf jeden Fall vorhanden, und wir sind überzeugt, dass unser Angebot Zukunft hat. Die wenigsten Menschen wissen jedoch bislang von dieser Alternative zur religiösen Seelsorge. Hier sind wir als Weltanschauungsgemeinschaft herausgefordert; gleichermaßen aber auch das jeweilige Bundesland, das sich seiner weltanschaulichen Neutralitätspflicht erinnern muss und bei der sog. "Anstaltsseelsorge" nicht auf die ausschließliche Kooperation mit religiösen Gemeinschaften beschränken darf.

Infos zu regionalen Angeboten unter http://www.dhubw.de/