Langes Leben

Humor, Gene, soziales Leben: Die Geheimnisse der 100-Jährigen

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mo, 13. September 2021 um 16:45 Uhr

Panorama

Mehr als 20.000 Menschen in Deutschland sind über 100 Jahre alt. Was unterscheidet sie von anderen? Wie bleiben sie fit und gesund? Experten zufolge sind dafür nicht nur die Gene verantwortlich.

Noch in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts war eine vielbestaunte Ausnahme, wer seinen Hundertsten feierte. Seither werden die Menschen immer älter. Von den Kindern, die seit Beginn des neuen Jahrtausends zur Welt kommen, dürfte laut der Prognose des Epidemiologen und Biostatisten Kaare Christensen vom dänischen Altersforschungszentrum in Deutschland und vergleichbaren Ländern sogar mehr als jedes Zweite die Möglichkeit haben, einmal so alt zu werden.

Nicht überall herrscht in Sachen Lebenserwartung aber Chancengleichheit. Der amerikanische Bestseller-Autor Dan Büttner hat bislang fünf Regionen ausgemacht, in denen Menschen deutlich älter werden als im Rest der Welt – die sogenannten Blauen Zonen, zu denen die japanische Präfektur Okinawa sowie Sardinien zählen. Die Sarden weisen eine weitere bemerkenswerte Besonderheit auf. Allein auf der italienischen Insel werden Männer durchschnittlich so alt wie Frauen. Ansonsten sind rund 80 Prozent der Hochbetagten weiblich.

Drei Faktoren: Optimismus, soziale Kontakte, Gene

"Die Sarden sagen, das liege daran, dass sich Männer und Frauen alles teilen, die Haus- und die Gartenarbeit, die Freuden und die Sorgen", erzählt Karsten Thormaehlen, ein in Wiesbaden lebender Fotograf, für den die 100-Jährigen zum langangelegten Spezialprojekt geworden sind. Hunderte von ihnen hat er weltweit besucht und fotografiert, gerade arbeitet er unter dem Titel "Young at heart" an seinem siebten Buch zum Thema. Sind ihm unter seinen Fotomotiven Parallelen aufgefallen? "Sehr viele von ihnen sind ruhige Naturen, sie sind freundlich und ausgeglichen, sind nicht misstrauisch, lachen gerne, nehmen immer noch aktiv am Leben teil."

Daniela Jopp, Psychologie-Professorin in Lausanne, unterstützt mit ihren Forschungsergebnissen die Beobachtungen von Thormaehlen. Die Wissenschaftlerin war schon an der gern zitierten zweiten "Heidelberger Hundertjährigen-Studie" beteiligt und leitet derzeit die erste schweizweite Forschungsarbeit, in der Soziologen, Mediziner, Psychologen, Psychiater und Biologen einen gemeinsamen Blick auf alte Menschen werfen. Optimismus und das Pflegen sozialer Kontakte sind laut Jopp wichtige Komponenten für eine hohe Lebenserwartung. "Diese Menschen haben eine Resilienz, die es ihnen ermöglicht, mit Schwierigkeiten im Leben zurechtzukommen." Sie seien zwangsläufig mit vielen Verlusten konfrontiert, aber als oft extrovertierte Persönlichkeiten auch in hohem Alter noch in der Lage, neue Kontakte zu knüpfen.

Genetische Disposition spielt eine Rolle. Der amerikanische Altersforscher Nir Barzilei hat ermittelt, dass bei vielen Hochbetagten genetische Varianten fehlen, die kardiovaskuläre oder neurodegenerative Erkrankungen mit hohem Mortalitätsrisiko verursachen. Auch vor anderen Erkrankungen scheinen sie geschützt. "Viele dieser Menschen bekommen typische chronische Alterserkrankungen mit einer Verzögerung von mehr als zehn Jahren", sagt Daniela Jopp.

Drei Gruppen: Survivor, Delayer, Escaper

Doch so einfach lässt sich das Phänomen nicht greifen. Tom Perls, der Leiter einer großen Studie mit Über-100-Jährigen in Boston, sieht drei ganz unterschiedliche Personengruppen in der Lage, hochbetagt zu werden: die Survivor, die zwar schon früh Erkrankungen aufweisen, es aber dennoch ins hohe Alter schaffen, die Delayer, die erst spät Erkrankungen entwickeln, und die – ziemlich kleine – Gruppe der Escaper, die fast ohne Erkrankungen sehr alt werden.

Steht die Menschheit ob der zunehmenden Zahl von Menschen, die ein sehr hohes Alter erreichen werden, vor einer schier unlösbaren sozialen Herausforderung? "Wir schauen zu sehr wie ein Kaninchen vor der Schlange auf den vermeintlichen Tsunami von Demenzkranken, der unsere Gesellschaft überrollt", kritisiert Daniela Jopp. Natürlich, etwa ein Drittel der Menschen, die heute hundert Jahre alt werden, hat mit erheblichen Einschränkungen und Krankheiten zu kämpfen, ist beispielsweise dement, erlebt die 100 mitunter gerade so, ohne noch das Leben genießen zu können. Auch ein weiteres Drittel bedarf zumindest gelegentlich der Hilfe und Betreuung. Was umgekehrt aber bedeute, dass mehr als die Hälfte der Betagten "so schlecht nicht dabei" sei, meint Jopp. "Wir müssen differenzierter sprechen, sonst vermitteln wir zu negative Altersbilder. Denn je schlechter Menschen über das Altern denken, desto schlechter entwickeln sich die Dinge in der Tat."

Die Menschen sollten sich bewusster machen, dass ihre Chance, ein langes Leben zu führen, gewachsen ist, meint Jopp. Und dafür Vorsorge treffen. Risikofaktoren minimieren, sich bewegen, aufs Gewicht achten, um die Chance zu erhöhen, die gewonnenen Jahre in körperlicher und geistiger Gesundheit zu verbringen. Auch soziale Kontakte sind wichtig. Denn Einsamkeit sei zusammen mit Rauchen und Übergewicht als "Killer schlechthin" zu betrachten. Zudem sollte man planen, in welchem Umfeld man im hohen Alter leben will und wie sich das realisieren lässt. Nicht zuletzt sollte man sich Lebenssinn für die späten Jahre schaffen.

Ist es bei allen drohenden Gebrechen und schmerzvollen Erfahrungen erstrebenswert, so ein hohes Alter zu erreichen? "Wir alle wissen, wie es ist, jung zu sein", antwortet der Fotograf Karsten Thormaehlen. Schon allein, um nicht nur aus zweiter Hand über das Alter zu erfahren, lohne sich ein langes Leben, schlussfolgert er. Und dann hat er noch einen Spruch parat, den er dem im Alter von 69 Jahren und zwei Tagen verstorbenen Popmusiker David Bowie zuordnet: "Die Menschen werden erst im Alter diejenigen, die sie immer sein wollten."
Über 20.000 Deutsche sind 100 Jahre alt oder älter

Die Zahl der Menschen, die ein dreistelliges Lebensalter erreichen, steigt und steigt und erklomm trotz Corona im vorigen Jahr einen neuerlichen Höchststand: 2020 waren erstmals mehr als 20 000 (genau gesagt 20 465) Frauen und Männer – vor allem aber Frauen – allein in Deutschland 100 Jahre alt und älter. Im Vergleich mit 2019 ist die Zahl gleich um gut 20 Prozent gestiegen, bundesweit waren es 3523 Personen. Und das trotz Corona, wie das Statistische Bundesamt vermeldete. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug demnach 0,025 Prozent, zehn Jahre davor hatte er noch bei 0,018 Prozent gelegen. Noch eindrücklicher ist die Prognose des Epidemiologen und Biostatistikers Kaare Christensen: Jedes zweite seit der Jahrhundertwende in Deutschland und vergleichbaren Ländern zur Welt gekommene Babys habe die Möglichkeit, 100 Jahre alt zu werden, so Christensen. Nach Daten der United Nations sollen schon im Jahr 2055 weltweit 4,3 Millionen Über-100-jährige Menschen leben, 2090 sollen es 16,4 Millionen sein. Rund 80 Prozent der über-100-Jährigen sind Frauen. Unter den mehr als 110-Jährigen finden sich fast nur noch Frauen. Nur ganz wenigen Männern gelang es bislang, älter als 113 Jahre alt zu werden, nur ganz wenigen Frauen das Alter von 118 Jahren zu überschreiten. Viele der alten Menschen verbrachten ihr Leben, so lange dies ihnen möglich war, in ihren Privathaushalten.

BZ-Archiv

Bewegung für ein langes Leben: Sport ist keine Frage des Alters – er kann uns ein ganzes Leben lang begleiten. In einer 21-teiligen Serie erläuterten wir im Jahr 2013 unseren Leserinnen und Lesern, welche Sportarten und Spielarten der Bewegung ideal geeignet sind für die Generation "50plus". Hier geht es zur BZ-Serie "Sport im Alter".