"Ich laufe nicht so, wie ich es kann"

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 11. Januar 2021

Biathlon

Biathlet Benedikt Doll bezeichnet beim Weltcup in Oberhof seine Laufform als "größte Baustelle".

. Biathlon-Wettkämpfe können faszinierend spannend sein. Wenn die Reihenfolge nach dem Schießen wechselt. Wenn Favoriten durchgereicht werden und Athleten aus hinteren Reihen plötzlich vorne auftauchen. Derzeit ist der Spannungsbogen bei den Weltcup-Einzelrennen allerdings überschaubar. Zu dominant treten die norwegischen Biathletinnen und Biathleten im Moment in der höchsten internationalen Wettkampfserie auf: norwegischer Doppelsieg bei den Frauen im Sprint und in der Verfolgung von Oberhof; Dreifach-Erfolg der norwegischen Männer im Sprint und in der Verfolgung an gleicher Stelle; vier Norweger führen die Weltcup-Gesamtwertung an. Die Bilanz liest sich erdrückend. Die Spannung beschränkt sich auf die Frage, wer von den Norwegern im nächsten Rennen ganz oben steht. Auch die in der vergangenen Saison so starken Biathleten aus Frankreich kommen derzeit da nicht mehr mit.

Auf die Gründe für die norwegische Dominanz angesprochen, sagt der deutsche Trainer Kristian Mehringer: "Wenn’s läuft, dann läuft’s." Ja, es läuft bei den Norwegern, aber das ist zu kurz gesprungen. Der einstige deutsche Frauentrainer Gerald Hönig, der jetzt Schießtrainer der österreichischen Biathletinnen ist, kommt der Wahrheit ein Stück näher: "Skilaufen ist in Norwegen Volkssport." Die Österreicherin Sandra Flunger, die die Schweizer Biathletinnen coacht, bringt es am besten auf den Punkt: "Norwegen hat ein topfunktionierendes System und eine Masse an Toptalenten."

In Siegfried Mazet haben die Norweger einen der besten Trainer der Welt. Sie haben das größte Talentreservoir und sie haben die besten Skitechniker. Der Franzose Mazet hat einst seinen Landsmann Martin Fourcade an die Weltspitze geführt. 2016 wechselte er zum norwegischen Verband. Die Skandinavier hatten schon immer herausragende Biathleten, Mazet ist es jedoch gelungen, das gesamte Team auf allerhöchstes internationales Niveau zu heben.

Janina Hettich steigert sich im Verfolger auf Rang 28

"Das Skimaterial war auf der ersten Runde gut", sagte Benedikt Doll von der Ski-Zunft Breitnau nach seinem 15. Platz im Sprint von Oberhof. Auf der Schlussrunde sah man, wie ein hinter Doll laufender Biathlet ihm in einer Abfahrt gleitend näherkam. "Der war in der ersten Runde und ich in der letzten. Das kann man nicht vergleichen. Es ist normal, dass die Ski im Verlauf eines Rennens abbauen." Fakt ist: Keiner der sechs deutschen Starter lag mit der Laufzeit unter den besten 20. Liegt es an der Laufform? Am Skimaterial? Oder an beidem? Im Verfolgungsrennen tags darauf lag der 30-Jährige lange auf Top-Ten-Kurs. In den zwei Fünferserien im liegenden Anschlag blieb er fehlerfrei und war Achter. Beim ersten Stehendschießen verbesserte sich Doll trotz eines Schießfehlers um eine Position. Zwei Schüsse gingen ihm beim letzten Schießen weg, als 19. ging er auf die Schlussrunde. "Die Strecke ist so hart, von der Energie und Kraft bin ich da am Limit und es fällt mir dann schwer, mich beim Schießen zu konzentrieren", sagt Doll zu den beiden letzten Patzern am Schießstand. Einige Konkurrenten lagen noch in Reichweite vor ihm, Doll konnte jedoch keinen Boden gutmachen und erreichte als 19. das Ziel. Seine Körpersprache verriet, dass er den Kampf um eine bessere Platzierung verloren gegeben hatte. Eine kämpferische Schlussrunde, in der Vergangenheit sein Markenzeichen, war nicht mehr möglich: "Ich laufe derzeit nicht so, wie ich es kann. An dem harten Birxsteig-Anstieg bilde ich viel Laktat, meine Beine gehen blau, ich kann das noch nicht so gut wegstecken. Das ist im Moment meine größte Baustelle."

In den Sprint von Oberhof ist Janina Hettich (SC Schönwald) "läuferisch schwer reingekommen". Beim Liegendschießen brachte sie die Null, im stehenden Anschlag blieben zwei Scheiben stehen. Rang 44. "Ich war froh, dass ich mich für den Verfolger der besten 60 qualifizieren konnte", sagt die 24-Jährige, "das war dann ein viel besseres Rennen und ich habe mich läuferisch gut gefühlt". Sie machte 16 Plätze gut und erreichte als 28. das Ziel.

Was in den Einzelrennen nur ansatzweise vorhanden war, boten die Mixed- und Single Mixed Staffel: Spannung. Frankreich, Russland und Norwegen balgten sich in der Mixedstaffel um den Sieg – die Russen, die schnelle Ski hatten, siegten vor den Norwegern. Sie sind durchaus noch besiegbar. Benedikt Doll hatte an Position drei mit zwei Nachladern ein solides Staffelrennen gezeigt und als Dritter an Arnd Peiffer (Clausthal-Zellerfeld) übergeben. Der deutsche Schlussläufer musste jedoch einmal in die Strafrunde und fiel auf Rang fünf zurück.

In der Single-Mixed-Staffel leistete sich die Norwegerin Tiril Eckhoff drei Strafrunden und belegte mit Johannes Boe nur Rang drei. Frankreich siegte vor Schweden. Das deutsche Duo Janina Hettich und Erik Lesser (Eintr. Frankenhain) kam auf Rang vier. "Das war eine coole Erfahrung. Ich bin froh, dass ich eine gute Leistung zeigen konnte", sagt Hettich, die zu Beginn des Rennens stürzte, weil ihr eine Amerikanerin über den Ski gefahren war.

Gehen am Mittwoch (14.30 Uhr) die Norweger-Festspiele beim Sprint der Männer in Oberhof weiter?