"Ich wundere mich oft, in welchem Land ich lebe"

mloe

Von mloe

Di, 25. Februar 2020

Rock & Pop

BZ-INTERVIEW mit dem Jazz-Gitarristen Pat Metheny über das heutige Amerika, das ihn sehr beunruhigt, und über sein neues Album "From This Place".

Auch Pat Metheny hat eine Meinung zur US-Präsidentschaftswahl im November 2020. Die artikuliert der ruhmreiche Jazz-Gitarrist und Komponist (65) deutlich – auf seinem neuen Album "From This Place" und im Gespräch mit Michael Loesl.

BZ: Mr. Metheny, selbst Zeitgenossen, die man einst für ihr menschenfreundliches Weltbild achten konnte, werden zunehmend zu Zynikern. Ihr neues Album offenbart hingegen die Formen der Aufrichtigkeit und Empathie, mit denen Sie bereits 1976 debütierten. Ist Ihre Quelle der Hoffnung anzapfbar?
Metheny: Ist nicht jedem schon prophezeit worden, dass man nicht schaffen kann, was man sich in den Kopf gesetzt hat? Das schafft Reaktionen, die viel Gewaltigeres zur Folge haben können als unsere ursprünglichen Pläne. Ein großer Teil der Evolution unserer Spezies ist eine Reaktion auf Zynismus. Meine Quelle, wie Sie sie nennen, ist die Musik selbst. Das hohe Gut, mit dem ich handeln darf, ist die Antithese zum Zynismus. Mir ist immer noch daran gelegen, die Musik so breit zu zeichnen, wie sie groß ist.
BZ: Sie bezeichneten sich Anfang der 90er Jahre selbst als so amerikanisch, wie man nur amerikanisch sein kann. Jetzt teilt ein Tornado auf der Hülle Ihres neuen Albums symbolisch das Land. Hat Ihr Patriotismus ein jähes Ende gefunden?
Metheny: Ich war nie ein Patriot im fahnenschwingend-taumelnden Sinn. Aber ich bin immer noch von unserer Verfassung, von ihrem inkludierenden und demokratisch geprägten Geist überzeugt. Wie offensichtlich an dem gerade gesägt wird, ist evident. Meine Frau ist Französin marokkanischer Abstimmung, unsere drei Kinder würden sich vermutlich in erster Linie als New Yorker bezeichnen. Und ich wundere mich inzwischen oft, in welchem Land ich eigentlich lebe, sobald ich den Hudson stadtauswärts passiere.
BZ: In welchem Land leben Sie denn?
Metheny: Was in Amerika gerade geschieht, ist sehr beunruhigend. Und zwar auf allen Ebenen. Plötzlich offenbart Amerika der ganzen Welt ein hässliches Merkmal. Wir wissen alle, dass der Rassismus nicht mit dem Bürgerkrieg endete, schafften es aber, ihn ignorant unter den Teppich zu kehren. Wir können ihm nur etwas entgegensetzen, wenn wir alle, jeder auf seine Weise, darüber reden.
BZ: Setzen Sie deswegen auf die Stimme von Meshell Ndegeocello, einer schwarzen, lesbischen und stolzen Frau, die den Titelsong Ihres neuen Albums singt?
Metheny: Ich schrieb die Ballade am Tag nach der letzten Präsidentschaftswahl und ahnte, dass Meshell nicht nur genau wusste, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Ihre Partnerin formulierte einen Text dazu, der die Verzweiflung auf den Punkt bringt, die viele von uns im November 2016 überkam.
BZ: Sie können auch atonal oder kratzig-laut. Warum bemühen Sie denn ausgerechnet Orchesterklänge für ein Album, das offensichtlich den Zeitgeist kommentiert?
Metheny: Ich bin mir des momentanen, kulturellen und sozialpolitischen Klimas sehr bewusst. Aber deswegen muss ich meine Musik nicht entsprechend gestalten, damit sie irgendwie da rein passt. Unsere Spezies sehnt sich scheinbar nach einfachen Antworten in einer komplexen Realität. Ich verweigere mich dem Impuls der Vogel-Strauß-Politik, bin nicht an einfachen Botschaften interessiert. Es erscheint mir insbesondere als Jazzmusiker geradewegs absurd, rückwärtsgewandt zu agieren und die Vielschichtigkeit der Moderne zu negieren.
BZ: Nietzsche meinte, dass wir die Kunst haben, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.
Metheny: Die Jazzform fordert in meinen Augen in jedem Moment eine Art Individualismus. Mir war immer daran gelegen, mit Direktheit von meiner Zeit hier auf Erden zu erzählen. Die Improvisation ist das beste Vehikel dafür. Jazz ist vielleicht eine Art Hyper-Wahrheit, aber er ist kein Ersatz für die Realität. Man macht ihn nur dazu, wenn man ihm Nostalgie anheftet und sich selbst einschränkt.
BZ: Der Balladen-Freund und der Komplexität liebende Komponist in Ihnen können offensichtlich gut miteinander.
Metheny: Ich habe 17 Jahre ländliche Ruhe in mir gespeichert. Seither beherrschen das Leben aus dem Koffer, lange Konzertreisen und 25 Jahre im geräuschintensiven, detailstarken New York mein Leben. Meine Musik reflektiert die beiden Pole, die mich ausmachen. Ich habe das nie hinterfragt. Aber ich kann Ihnen sagen, dass es einfach ist, Musiker zu finden, die das komplexeste Zeug locker aus dem Ärmel schütteln können. Gleichwohl finde ich im Umkreis von 1500 Kilometern keine Mitspieler, die den Refrain einer Ballade durch ihr Zutun bereichern können. Mein neues Album stellt Komplexes und supereinfache Motive, Improvisation und Großorchestriertes nebeneinander.
BZ: Ob das an der Hipness-Börse des Jazz als wertvoll erachtet wird?
Metheny: Wen interessiert’s?

Pat Metheny: From This Place (Nonesuch/ Warner).