Im Internet lauert Gefahr für Kinder

Monika Olheide

Von Monika Olheide

Sa, 22. Februar 2020

Kreis Waldshut

Polizei leistet Präventionsarbeit zur Internetnutzung / Zu Besuch in einer etwas anderen Schulstunde.

KREIS WALDSHUT. Polizeihauptmeisterin Michaela Jehle besucht Schulklassen im Rahmen der Präventionsarbeit der Polizei. Kinder und Jugendliche sollen für die Gefahren des Internets sensibilisiert werden. Und die sind sehr vielschichtig: "Das Spektrum reicht von Urheberrechtsverletzungen über Cybermobbing bis hin zu sexuell motivierten Straftaten – auch in unserer Region", schildert Jehle. Sie besucht regelmäßig Schulklassen im gesamten Kreis Waldshut und spricht mit den Kindern über die wichtigsten Themen.

Dabei sei es völlig unerheblich, um welche Schulform es sich handelt: "Die Themen sind überall die gleichen und die Schilderungen der Kinder überall vergleichbar. Brennpunkte gibt es nicht." Sie stellt immer wieder fest: "Es ist zum Teil erschreckend, wie die Kinder mit dem Smartphone und alle seinen Gefahrenquellen alleine gelassen werden."

Ein Besuch in einer fünften Klasse mit 26 Schülern im Alter zwischen neun und elf Jahren: Wer hat denn schon ein Smartphone? Auf die Eingangsfrage gehen etwa 20 Schülerhände nach oben. Einige lächeln, sichtlich stolz ein so tolles Gerät zu besitzen oder in Kürze geschenkt zu bekommen. Einige schränken ein, dass die Eltern noch keine eigene SIM-Karte erlaubt haben. Zwei oder drei Kinder haben weder Smartphone noch Tastenhandy. Sie sind zwar klar in der Minderheit, aber augenscheinlich auch fasziniert von all dem, was ihre Mitschüler über Bilder, Chats und Videos erzählen.

In den zwei Schulstunden wird vieles angesprochen, nicht alle Fragen können beantwortet werden. Doch in der Pause wird klar, welche Kinder das Thema Smartphone und Internet besonders beschäftigt. Über Jehles Erzählungen aus der Zeit vor Mobiltelefonen staunen die Fünftklässler. Ziemlich einig sind sich die Kinder in der Frage, warum sie eines haben: "Damit ich meine Eltern anrufen kann, wenn etwas passiert ist." Ob und wie oft das schon vorgekommen ist? Darauf wissen die meisten keine Antwort. Bei den Apps steht Youtube bei fast allen Fünftklässlern sehr hoch im Kurs, aber auch Spieleapps sind beliebt. Auch vom regelmäßigen Nutzen des Messengerdienstes WhatsApp und zum Teil auch von Besuchen im Netzwerk Instagram berichten die Schüler. Als Michaela Jehle nach Facebook fragt, verdrehen einige Kinder die Augen: "Das interessiert mich nicht, dort sind doch nur alte Leute und meine Eltern", erklärt ein Mädchen. Tiktok und Snapchat sind die sozialen Netzwerke, in denen sich die Kinder tummeln – noch nicht alle, aber ein paar Kinder nicken heftig, als Jehle die Anbieter aufzählt. Spannend wird es dann bei Jehles Frage nach dem eigenen Profilbild der Kinder. "Ich lade mir immer ein cooles Motiv aus dem Internet runter", sagt ein Junge. Dass er möglicherweise eine Urheberrechtsverletzung begeht, ist ihm nicht klar. Erschrocken blickt er die Polizeihauptmeisterin an. Michaela Jehle erklärt der Klasse, worauf sie achten müssen, wenn sie Bilder aus dem Internet herunterladen und vor allem weiterverbreiten. Ein Mädchen ergänzt: "Bei mir ist das Profilbild in WhatsApp ein Bild von meiner Geburtstagsparty mit allen Gästen." Sie schaut nachdenklich, als Michaela Jehle sie fragt, ob sie ihre Freunde denn gefragt hat, ob das in Ordnung ist. Das will sie gleich nach der Schule nachholen.

Auf welche jugendgefährdenden Inhalte sind die Kinder schon gestoßen? Nach und nach stellt sich heraus, dass eine Handvoll der Fünftklässler das Smartphone praktisch uneingeschränkt nutzen darf. "Da hab ich auch schon so eklige Sachen gesehen mit Männern und Frauen", erzählt ein Junge und schüttelt sich. Mehrere Kinder kichern. "Oder manchmal bekommt man im Chat ganz hässliche Bilder und Videos", ergänzt ein Fünftklässler zwei Reihen dahinter: "Da lag mal ein Toter nackt im Wald und dann kamen die Zombies. Und einmal habe ich gesehen, wie einer mit einer Peitsche geschlagen wurde, bis er blutet." Polizeihauptmeisterin Michaela Jehle bleibt angesichts der Schilderungen ruhig. Die Schüler hören aufmerksam zu, als sie sehr sachlich über Sexvideos und Gewaltszenen spricht: "Ihr müsst unbedingt immer euren Eltern Bescheid sagen, wenn ihr so etwas geschickt bekommt. Ist es auf einer Internetseite, macht ihr die am besten gleich zu, sagt das aber auch euren Eltern. Das gilt für alles, was ihr nicht versteht, oder was euch ein komisches Gefühl macht."

Eltern müssen sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzen

Einer der Fünftklässler wartet einen Moment in der Pause ab, in dem die Polizeihauptmeisterin gerade nicht von Schülern umringt ist. "Mich hat mal einer gefragt, ob ich mich mit ihm treffen will", sagt er leise und blickt zu Boden. Michaela Jehle reagiert ganz ruhig und fragt nach der Situation. "Ich habe online mit der Wii (Spielekonsole, Anmerkung der Redaktion) gespielt mit anderen. Da hat der mir direkt eine Nachricht geschrieben, dass er mit mir befreundet sein will und gefragt, wo ich wohne", erklärt er. Wie er reagiert habe, will Jehle wissen. "Ich habe nicht geantwortet und ganz schnell die Wii ausgemacht." "Das war genau richtig", lobt die Polizeihauptmeisterin und der Junge lächelt, freut sich, dass er das Richtige getan hat.

"Wir dürfen das Internet nicht verteufeln, denn es gehört zu unserem Alltag dazu, aber wir müssen die Gefahren ernst nehmen. Das funktioniert nicht ohne die Eltern", sagt Michaela Jehle, die auch Präventionsveranstaltungen für Eltern anbietet. An diesem Vormittag thematisiert sie viele Aspekte und spricht offen aus, worüber die Klasse manchmal noch kichert. Sie findet die richtigen Worte, die Uniform unterstreicht die Relevanz ihrer Äußerungen: "Ich bin selber Mutter und kann allen Eltern nur dringend raten, sich aktiv mit dem Thema auseinanderzusetzen", sagt Jehle. Zwischen den beiden Extremen, eigenes Smartphone und völlig grenzenloser Zugang zum Internet und den sozialen Netzwerken und Schülern ganz ohne Mobilfunkgerät, findet sich die größte Gruppe: Kinder, deren Eltern die Nutzung des Mobiltelefons überprüfen. Michaela Jehle betont: "Einem Kind ein Smartphone uneingeschränkt und ungesichert zur Verfügung zu stellen, das ist, als würde man jemandem ohne Führerschein und Fahrausbildung Autofahren lassen." Deshalb sei es immens wichtig, dass Eltern gut informiert sind.

Zwei Schulstunden verbringt Polizeihauptmeisterin Jehle in der fünften Klasse. Einen Teil der Zeit nimmt ein Aufklärungsfilm ein. Darin geht es um den Missbrauch des Internets durch Jugendliche. Es werden verschiedene Situationen aufgegriffen, vom Nutzen eines sozialen Netzwerks unter falschem Namen, von Cybermobbing, Fake-Profilen bis hin zu illegalen Downloads. Auch das Verhalten in sozialen Netzwerken wird thematisiert. Michaela Jehle geht auch auf das sogenannte Sexting ein, der Aufnahme und dem Verschicken von persönlichen Nacktbildern, die dann in die falschen Hände geraten. Vieles, ist noch gar nicht das Thema der Fünftklässler. Dennoch wird deutlich: Wer ein Smartphone hat und im Internet unterwegs ist, muss vorsichtig sein.