Zisch-Interview über Kindheit in den 1940er-Jahren

"Im Krieg hatten wir immer Angst"

Jannis Baschner, Klasse F2, Clara-Grunwald-Schule

Von Jannis Baschner, Klasse F2, Clara-Grunwald-Schule (Freiburg)

Mo, 29. März 2021 um 15:43 Uhr

Zisch-Texte

Meine Oma und Opa sind 1937 geboren. Sie sind also 83 Jahre alt. Sie leben seit ihrer Geburt in einem Dorf im Westerwald. Ich, Zisch-Reporter Jannis Baschner, habe sie zu ihrer Schul- und Kindergartenzeit interviewt.

Zisch: Gab es damals einen Kindergarten?
Wagner: In unserem Dorf gab es seit 1930 einen Kindergarten. Wir sind mit drei Jahren in den Kindergarten gegangen.
Zisch: Als ihr Kinder wart, wie war die Schule?
Wagner: Die Schule nannte sich Volksschule und dauerte acht Jahre. Die Klassen 1 bis 4 und 5 bis 8 wurden jeweils in einem Raum zusammen unterrichtet. Mädchen und Jungen saßen getrennt. In jedem Raum waren etwa 40 Kinder.
Zisch: Welche Strafen gab es in der Schule?
Wagner: In die Ecke stellen. Oder 300 Mal zuhause diesen Satz schreiben: "Wenn der Lehrer nach Berlin reist, reißen wir die Schule ab". Im schlimmsten Fall gab es Schläge mit dem Rohrstock auf die Fingerspitzen.
Zisch: Seid ihr auch mal bestraft worden?
Wagner: Ich (Opa) wurde öfters bestraft, weil ich viel mehr Quatsch als Oma gemacht habe.
Zisch: Welche Sprachen konntet ihr in der Schule lernen?
Wagner: In der Volksschule wurde nur Deutsch unterrichtet. Unser Lehrer konnte Französisch und hat uns daher ein bisschen in Französisch unterrichtet
Zisch: Was war euer Lieblingsfach?
M. Wagner: Sport, obwohl ich keine gute Note hatte.
H. Wagner: Sport und Musik
Zisch: Als ihr 1943 in die Schule gekommen seid, war Krieg. Was gab es zu essen?
Wagner: Es gab viele Kartoffeln und kaum Fleisch. Butter gab es keine. Bratkartoffeln wurden mit Nierenfett gebraten. Ab Kriegsende 1945 gab es eine Schulspeisung jeden Mittag. Das Essen wurde von Nonnen gekocht und war für alle Kinder umsonst.
Zisch: Seid ihr gerne in die Schule gegangen?
Wagner: Ja, wir sind gerne in die Schule gegangen und haben den Unterricht nie geschwänzt.
Zisch: Wisst ihr, wie viele Schüler später Abitur gemacht haben?
H. Wagner: Es waren maximal zehn Prozent, die aufs Gymnasium nach Limburg/Lahn gegangen sind.
M. Wagner: Ich (Oma) bin nach der Volksschule für zwei Jahre nach Limburg auf die Handelsschule gegangen.
Zisch: Wie habt ihr das Kriegsende erlebt?
H. Wagner: Die Amerikaner kamen im März 1945 schon in unser Dorf. Wir mussten einige Tag im Keller verbringen. Die Amerikaner haben uns Schokolade und Kaugummi geschenkt. Im Dorf hatten die Soldaten ein Lebensmittellager. An einem Tag kam plötzlich die Info: Das Lager wird geräumt! Das ganze Dorf ist zum Lager und hat alles mitgenommen. Wir haben viel Butter geholt und ein Käserad. Einen Tag später kam per Durchsage die Anweisung von den Franzosen, dass alle Lebensmittel zurückgebracht werden müssen. Wir haben das nicht gemacht.
M. Wagner: Mein Vater sollte 1945 noch in den Krieg. Er hatte seine Tasche gepackt, aber dann war der Krieg zum Glück vorbei. Ich habe einen Bruder im Krieg verloren
Zisch: Ist Corona oder Krieg schlimmer?
Wagner: Der Krieg ist viel schlimmer! Wir hatten immer Angst!