Im Zentrum sollte Sicherung der Lebensqualität für alle Bürger stehen

Gero Becker

Von Gero Becker (Freiburg)

Sa, 02. Mai 2020

Leserbriefe

Verdichtung um jeden Preis? Stadtplanung und Baupraxis in Freiburg sollten Konsequenzen aus der Corona-Krise ziehen. Ein Blick auf die anstehenden Projekte großer Bauträger zeigt, dass diese in fast allen Fällen mit erheblichen Verdichtungen einhergehen, und zwar nicht nur durch höheres Bauen, sondern vor allem auch durch die Inanspruchnahme ohnehin knapper Grünflächen. Das Projekt Rennwegdreieck in Herdern mit Indoor-Spielplatz ist nur ein besonders abschreckendes Beispiel, was Mietern "günstigen Wohnraums" zugemutet wird. Ihre Proteste sind vergeblich.

In der Stadtplanung aus gutem Grund festgelegte Frischluftschneisen und Grünzüge werden durch massive Querriegel ihrer Wirksamkeit beraubt. Die Warnungen namhafter Klimatologen werden missachtet mit fatalen Folgen für das Stadtklima, zumal wenn die Temperaturen im Zuge des Klimawandels weiter ansteigen. So wird der Volksbank-Neubau das Klima im Stadtteil Stühlinger negativ beeinflussen. Auch bei den aktualisierten Planungen für den Stadtteil Dietenbach wird zunehmend eine dichtere Bebauung und damit eine höhere Einwohnerzahl in Kauf genommen. Die zukünftigen Bewohner sind zu bedauern.

Als ein Aspekt der Corona-Krise wird deutlich, dass eine frei- und grünflächenverbrauchende urbane Verdichtung nicht nur gravierende klimatische, stadtökologische und soziale Nachteile mit sich bringt, sondern auch die Ausbreitung von epidemischen Krankheiten begünstigt.

Nachdem der städtische Haushalt nun auf Jahre hinaus durch die Folgen von Corona schwer belastet sein wird, wäre ein Umdenken auch bei städtischen Großprojekten an der Zeit: Statt auf ungebremstes quantitatives Wachstum zu setzten, sollte die Sicherung und Weiterentwicklung der Lebensqualität für alle Bürger wieder Priorität haben. Schließlich ist es noch keineswegs sicher, dass die Prognosen der Bevölkerungsentwicklung für Freiburg nach Corona nicht anders aussehen werden als bisher angenommen. Projekte mit Langzeit-Kostenrisiken für die Stadt sind deshalb besonders kritisch zu hinterfragen.Gero Becker, Freiburg