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Kindheit in Rumänien

Immer weiter, immer weiter

  • Denisa Naros, Klasse 8a & Hugo-Höfler-Realschule Breisach.

  • Do, 09. April 2020, 16:31 Uhr
    Schülertexte

     

Zischup-Autorin Denisa Naros zog im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Für Zischup erzählt die Schülerin ihre Geschichte. Sie geht in die 8a der Hugo-Höfler-Realschule in Breisach.

Denisa und ihre Brüder.   | Foto: privat
Denisa und ihre Brüder. Foto: privat
Ich möchte mich erst mal vorstellen, mein Name ist Denisa und ich bin mit sieben Jahren nach Deutschland gezogen. Es war keine Flucht, wir sind nicht wegen Krieg oder Hunger in ein anderes Land gezogen. Wir hatten sogar ein schönes Leben in Rumänien.
Meine Familie und ich lebten in einem großen Haus, in der Nähe meines Großvaters und dessen Frau. Damals gingen meine Brüder und ich noch in den Kindergarten. Ich liebte es, mit meinen Freunden zu spielen und so zu tun als wären wir Sänger bei einem Konzert.

Wir waren so klein. Mein kleinster Bruder David (geänderte Name) war erst vier Jahre alt und liebte es auf der Wiese Blumen zu betrachten und zu pflücken. Ich hatte mit meinen Brüdern ein sehr enges Verhältnis, vor allem weil der Altersunterschied zwischen uns so klein war. Mein anderer Bruder Chris (geänderter Name) war sechs Jahre alt – und sein Lieblingshobby war es, mir immer zu widersprechen.

Meine Mutter war und ist mein größtes Vorbild und meine Heldin. Ich bewundere sie für ihre Stärke, denn sie hat es so oft geschafft, uns drei Kinder zu erziehen und für uns zu sorgen, auch wenn mein Vater nicht da war. Mein Vater arbeitete nämlich hier in Deutschland und kam nur in den Ferien nach Hause zu uns. Das war für uns alle nicht leicht. Wir waren monatelang voneinander getrennt, konnten nur telefonieren und sahen unseren Vater nur selten persönlich.

Und dann kam es, wie es kommen musste. Eines Tages wurde es unseren Eltern zu viel und sie trafen die Entscheidung, dass die ganze Familie nach Deutschland ziehen sollte. Für uns Kinder bedeutete das erst einmal nicht so viel. Wir merkten zwar, dass unsere Eltern mit dem Umzug anfingen und dass es bei uns zu Hause stressiger wurde, jedoch erahnten wir noch nicht, wie viel sich in unseren Leben verändern würde. Ja, wir waren sogar aufgeregt und konnten es kaum erwarten, endlich Deutschland zu sehen, denn unser Papa erzählte uns wundervolle Dinge über das für uns noch unbekannte Land.

Wir kamen im Juli 2012 in Deutschland an. Doch erst nach ein paar Woche merkte ich, wie stark sich unser Leben verändert hatte, nicht nur sprachen die Menschen hier eine andere Sprache, auch die Kultur und das Verhalten der Einwohner war anders als wir es gewohnt waren. Ich fühlte mich verloren in dieser fremden Welt. Es fühlte sich so an, als würde dieses Gefühl niemals mehr weggehen.

Im September fing die erste Klasse für mich und meinem Bruder Chris an, und ich sage nur Holla die Waldfee. Es war ein Albtraum. Alles und auch wirklich alles war mir fremd. Ich hatte panische Angst und wollte einfach nur zurück zu unserer wunderschönen Wiese in Rumänien. Am ersten Schultag wartete meine Mutter draußen vor der Klassenzimmertür auf eine kleine, weinende Denisa, die immer wieder mit panischen Gesicht raus kam und darum bettelte nach Hause gehen zu können.

Doch das taten wir nicht, wir blieben hier in Deutschland. Und so musste ich am nächsten Tag wieder denselben Horror erleben und an den darauf folgenden Tage auch.
Ihr müsst es euch so vorstellen: Man kam in das Klassenzimmer rein, hoffte das man sich an den richtigen Platz setzte und hörte der fremden Frau zu, die irgendetwas von Buchstaben und Artikeln erzählte. Am Anfang verstand ich aber nicht einmal das. Ich verstand die Aufgaben nicht, die uns die Lehrerin aufgab und auch sonst verstand ich nur durch Handzeichen und Vorführungen ein Teil von dem, was sie mir und meinem Bruder vermitteln wollte.

Es war für uns alle sehr hart. Da wir die Sprache nicht beherrschten, fanden wir auch keinen Anschluss, denn für die anderen Kinder waren wir dreiköpfige Aliens, die sich in einer kuriosen Sprache unterhielten. Wir waren anders – und das störte. Versteht mich nicht falsch, natürlich waren nicht alle fies zu uns, ich glaube, dass die meisten einfach mit der Situation überfordert waren und nicht wussten, wie sie sich in unserer Gegenwart verhalten sollten.

Ich lernte damit umzugehen, auch wenn es weh tat, ausgeschlossen zu werden. Um mich abzulenken, fing ich an, mich immer mehr auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich lernte die Sprache, las hunderte von Büchern und fing an zu verstehen, dass ich eine Chance bekommen habe, die anderen verwehrt geblieben ist. Ich kann in einem Land studieren, in dem ich durch harte Arbeit alles werden kann, was ich möchte. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt mit 14 Jahren die Schule ernst nehme und Kommentare wie: "Du bist voll die Streberin!" oder "Was lernst du so viel, Schule ist doch eh schei*e" ignoriere, denn ich will eine Zukunft haben, in der ich mir alles leisten kann, was ich mir je erträumt habe.


Ich möchte mir meinen Beruf frei aussuchen können, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich mich nicht genug dafür vorbereitet habe – und vor allem möchte ich nie wieder wegen meines Unwissens ausgegrenzt werden. Es ist zwar überhaupt nicht leicht, sich als Kind von Ausländern in einem fremden Land zu integrieren, jedoch kann man es mit viel Arbeit und Durchhaltevermögen schaffen. Ich drücke jedem Kind und jedem Jugendlichen, das oder der in einer ähnlichen Situation ist, die Daumen. Ich möchte dazu ermutigen, nicht aufzugeben. Es lohnt sich, weiter zu machen.


Ressort: Schülertexte

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