Alternative Wohnform

In Ballrechten-Dottingen wollen 40 Menschen zusammenziehen

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

Mo, 13. Januar 2020 um 16:25 Uhr

Ballrechten-Dottingen

Der Sonntag Auf den Winzerhof am Bächleweg in Ballrechten-Dottingen würden 15 Einfamilienhäuser passen. Doch statt Neubauten soll dort ein gemeinschaftliches Wohnprojekt entstehen. Ein Zukunftsmodell?

Hundert Schritte braucht es von der Grundstücksgrenze durch den Garten bis zum Haus. Am Horizont ist die Burg Staufen zu sehen. Die Sonne scheint. Vorbei an 40 Mirabellenbäumen links und vier Reihen Weinreben rechts knarzt der Reif bei jedem Schritt unter den Schuhsohlen. Am Ende ragt ein Gutshof in den blauen Himmel. Das Anwesen Ecke Bächleweg und Weinstraße in Ballrechten-Dottingen, rund 20 Kilometer südlich von Freiburg, gehörte vor 700 Jahren zum Kloster St. Trudpert im Münstertal. Der Winzerhof – ein Gasthaus mit zwei großen Scheunen, dem Garten und einem Innenhof mit Platz zum Tennisspielen – steht auf einer Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Heutzutage würden darauf mindestens 15 Einfamilienhäuser gebaut. Kaum einer kann es sich leisten, so üppig zu wohnen, allein schon wegen der Instandhaltung.

Früher wohnte der Bürgermeister hier

Im 19. Jahrhundert wohnte der Bürgermeister von Ballrechten hier. Sein Großneffe eröffnete zwei Generationen später in dem Gutshof den Familienbetrieb "Weingut Schmidt" mit einer Weinhandlung und einem Gasthaus. Bis Ende des Jahres 2013 war das Restaurant weit über den Ort berühmt für seine Räucherhähnchen. Die Betreiber, zwei Schwestern aus der Familie des Weinstubengründers, mussten schließen, weil sie zum Weitermachen zu alt wurden. Ihre Nachpächter benannten den Gasthof in "Der Stolze Hahn" um und gingen nach zwei Jahren in die Insolvenz. Seither steht der Komplex leer.

"Ich wusste, ich will gemeinschaftlich wohnen"Dagmar Schwarzkopf
Vergangenes Jahr hat eine Gruppe von Leuten das Objekt gekauft. Sie haben eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet und wollen in dem Ensemble ein generationenübergreifendes Wohnprojekt realisieren. Angesichts steigender Mieten, moderner Vereinsamung und aus Gründen der Nachhaltigkeit könnte das die Wohnform der Zukunft sein, glauben die Teilhaber des Gemeinschaftsprojekts. Kommendes Jahr wollen sie in den Wohnhof am Bächleweg einziehen.

Dagmar Schwarzkopf, 67 Jahre alt, hochgewachsen und sportlich, ist die Einzige der künftigen Wohngemeinschaft, die schon in Ballrechten wohnt. Sie betreibt in Staufen als Psychologin eine Praxis. Ihre Mietwohnung liegt im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses kaum fünf Gehminuten vom künftigen Zuhause entfernt.

Es ist Mittagszeit. Dagmar Schwarzkopf kommt gerade vom Yoga. "Ich wollte immer in die Gegend ziehen", sagt sie auf der Treppe nach oben. Ursprünglich kommt sie aus Nordrhein-Westfalen. Doch ihr Bruder lebe schon 30 Jahre im Breisgau und seit einer Weile auch die älteste Tochter – das verbinde sie mit der Region.

In der Küche setzt Schwarzkopf eine Kanne Grünen Tee auf. "Ich wusste, ich will gemeinschaftlich wohnen", erzählt sie weiter. Auf ihrer Suche im Internet sei sie als erstes auf die Urheber der künftigen Wohngemeinschaft gestoßen. Es klingelt. Schwarzkopf öffnet und herein kommt eine ältere Frau, einen Kopf kleiner als die Gastgeberin, weiße Kurzhaarfrisur. Sie trägt eine Hornbrille mit bunten Bügeln, die Augen strahlen. Eva-Maria Kreis, 68-jährig, Qigong-Lehrerin aus Staufen, kümmert sich seit 2011 um gemeinschaftliche Wohnprojekte.

18 Wohnungen sollen entstehen

Beide Frauen sind von Anfang an bei der Wohnhofgruppe dabei. Am Küchentisch erinnern sie sich an die erste Zeit. "Anfangs war ein Kommen und Gehen", sagt Kreis. Leute sprangen ab, weil das Projekt doch nicht das Richtige für sie war, andere brauchten mehr Planungssicherheit. Wer überhaupt einziehen soll, dafür hat die Gruppe Kriterien festgelegt. Mögliche Mitbewohner sollten Erfahrung mit gemeinschaftlichem Wohnen mitbringen. Außerdem sollte die Gruppe aus gleich vielen Frauen wie Männern bestehen und zu je einem Drittel im Alter bis 40, bis 60 Jahre und darüber sein. So haben sich 40 Menschen gefunden – 28 Erwachsene und zwölf Kinder, zwischen elf Monaten und 78 Jahre –, die in den "Stolzen Hahn" einziehen.

Später beim Winzerhof schließt Dagmar Schwarzkopf die grüne Metalltür auf. Eingehakt betreten sie und Eva-Maria Kreis den Innenhof, über den alle Gebäudeteile verbunden sind: Weinhandlung und Gasthaus vorne, die Scheunen nach hinten zum Garten und dazwischen der frühere Wohntrakt der Ordensschwestern und ein Zwischengebäude. "Hier entstehen bis Mitte, Ende nächstes Jahr 18 Wohnungen mit 43 bis 112 Quadratmetern Wohnfläche", erklärt Schwarzkopf, "sechs in der West- und vier in der Ostscheune." Im Gasthaus gebe es fünf Wohnungen, drei weitere sollen im Dachgeschoss entstehen. Garten und Innenhof werden gemeinsam genutzt. Im Gasthaus gibt es einen gemeinsamen Wohnraum mit Küche, in dem gemeinsam gekocht, gespielt oder gefeiert werden soll.

Die Gemeinde unterstützt die Pläne

Weitere Ideen gibt es laut Schwarzkopf und Kreis schon viele: etwa eine gemeinsame Werkstatt und eine Gästewohnung, in der später auch Pflegepersonal untergebracht werden könnte. Zunächst muss der Winzerhof aber bewohnbar gemacht werden. "In den Scheunen ist noch nichts ausgebaut, Schwesternhaus und Zwischenteil müssen abgerissen und der Schwesterntrakt muss neu aufgebaut werden", zählt Schwarzkopf anstehende Umbauarbeiten auf.

In der Gruppe bestehe eine hohe Bereitschaft, mit Unwegsamkeiten umzugehen, sagt Schwarzkopf: "Wir hätten uns nicht träumen lassen, wie viel Arbeit das macht." Damit vieles schnell umgesetzt werden kann, haben sich Arbeitsgruppen gebildet, die je nach Begabung im Garten Brombeeren schneiden oder aufräumen. Ein Leitungskreis trifft sich wöchentlich mit einem Architekten, der auch an den Gesamttreffen teilnimmt.

"Der Vorteil beim Wohnhof ist, dass die Bewohner sich gegenseitig unterstützen"Dagmar Schwarzkopf
Die Gemeinde unterstützt die Pläne der Wohnhof-Gemeinschaft. "Für die Kommune war wichtig, dass der Charakter des Ensembles beim Umbau erhalten bleibt", sagt Bürgermeister Patrick Becker auf Nachfrage. Weil dies hier der Fall ist, habe die Gemeinde ein Änderungsverbot für den Winzerhof aufgehoben und für das Projekt Fördermittel aus dem Entwicklungsprogramm ländlicher Raum beantragt. Für die Bewohner fallen trotzdem noch Kosten von etwa 4 000 Euro pro Wohnquadratmeter an, laut Schwarzkopf und Kreis ein Durchschnittswert. "Jeder bezahlt seine Wohnung und die Gemeinschaftsräume ab." Das sind bei einer 60 Quadratmeter-Wohnung rund 240 000 Euro – soviel also wie heute vergleichbare Eigentumswohnungen kosten.

"Der Vorteil beim Wohnhof ist, dass die Bewohner sich gegenseitig unterstützen", sagt Dagmar Schwarzkopf. In den Leitlinien der Wohngemeinschaft ist das sogar festgelegt, mit Fahrdiensten zum Einkauf oder zum Arzt, wenn jemand krank wird. "Für ein Zusammenleben weit über das Nachbarschaftliche hinaus, haben sich die Bewohner bewusst entschieden", sagt Kreis. Sie ist in der Gruppe Kontaktperson für mögliche Interessenten.

Die künftigen Bewohner des "stolzen Hahn" sind aus Familien, Paaren und Einzelpersonen, viele davon aus sozialen Berufen, Handwerker, Ingenieure und Musiker, bunt zusammengemischt. Anfangs habe sich niemand von ihnen gekannt, sagt Eva-Maria Kreis. "Wer mitmachen wollte, musste zunächst erklären was er in die Gemeinschaft einbringt", erinnert sie sich. Zum Kennenlernen mussten Interessenten dann drei Monate an Gruppentreffen teilnehmen, zusätzlich zu persönlicheren Treffen mit einem Paten zum Kaffeetrinken oder zu Arbeitsdiensten. Erst dann fiel beiderseits eine Entscheidung, ob das Zusammenleben passt. So seien inzwischen aber richtige Freundschaften entstanden.
Informationen zum Wohnhof am Bächleweg gibt es unter http://www.wohnhof-bächleweg.de