In jeder Hinsicht anders als der katholische Breisgauer

Ansgar Taschinski

Von Ansgar Taschinski

Sa, 12. Oktober 2019

Lörrach

Was ist das Markgräflerland? Die Geschichte eines Begriffs.

LÖRRACH. Musikschule Markgräflerland, Untermarkgräfler Chorverein, Jagdvereinigung Markgräflerland – der Name ist allgegenwärtig. Über die bislang wenig erforschte Geschichte des Begriffs Markgräflerland sprach jetzt der Leiter des Markgräfler Museums Müllheim, Jan Merk, im Dreiländermuseum.

Woher stammt der Begriff und wie kam es zu seiner identitätsstiftenden Wirkung? Am 8. September 1444 vereinigten sich die Herrschaften Rötteln, Hachberg-Sausenberg und Badenweiler zu dem Gebiet, das heute in etwa dem Markgräflerland entspricht. Allerdings trug es weder damals noch in den Jahrhunderten danach diesen Namen, so Merk. Doch obwohl das Gebiet als späterer Teil der Markgrafschaft Baden nie ein Territorialstaat war, entwickelte sich in der Gegend eine bis heute gelebte eigene Identität.

Die Grenzen waren lange umstritten. Der Publizist Fritz Fischer belegte 1925 die badischen Amtsbezirke Müllheim, Lörrach und Schopfheim mit der Bezeichnung, basierend auf dem evangelischen Glauben, Dialekt und besonderen Bräuchen. Der ehemalige Müllheimer Kulturreferent Leopold Bösing hingegen setzte das Markgräflerland 1986 mit dem Anbaugebiet der Weinsorte "Markgräfler" gleich. Im Gegensatz zum Begriff Markgrafenschaft Baden sei "Markgräflerland" somit ein neuzeitlicher Begriff, so Merk.

Johann Peter Hebel sei fester Bestandteil der Markgräfler Kultur, habe aber den Begriff nicht gekannt. Die Bezeichnung sei vermutlich erst um 1840 entstanden, als es die Markgrafenschaft nicht mehr gab. Noch zehn Jahre zuvor war der Landstrich als Teil des Breisgau gesehen worden, der sich nach damaligem Verständnis von Grenzach bis nördlich von Freiburg erstreckte. Erst langsam habe sich der Begriff "Markgräflerland" durchgesetzt.

Deutlich älter sei die Verwendung des Adjektivs "Markgräfler", erklärte Merk. Schon 1427 sei es im Zusammenhang mit Münzen aufgetaucht. Eine größere Verwendung kam aber auch hier erst um 1800 auf, vor allem durch den Aufschwung des Weinhandels. Der "Markgräfler" war über das Anbaugebiets hinaus beliebt, das habe geholfen, das Gebiet zu definieren. Spätestens 1865 sei erstmals eine Weinflasche mit der Bezeichnung "Markgräfler" etikettiert worden, diese finde sich heute in der Sammlung des Markgräfler Museums.

Dass der Begriff eine identitätsstiftende Wirkung entfaltet habe, liege auch daran, dass man sich im neuen Großherzogtums Baden von den österreichischen Breisgauern abgrenzen wollte, so Merk. So beschrieb der Historiker Joseph Bader die Markgräfler 1843 als "ein im Ganzen sehr wohlhabendes und intelligentes Volk", das in einer Gegend lebe, die unter anderem den berühmten Wein hervorbringe und sich in jeder Hinsicht von den katholischen Breisgauern unterscheide. Auch die Sprache wurde als verbindendes Element gesehen.

Stand das Markgräflerland im 19. Jahrhundert für Aufklärung, Humanismus, Heimatidylle, nahm in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Nationalismus den Begriff für sich ein. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stehe er auch für das Grenzüberschreitende, Naturschutz, Lebensqualität. Kulturlandschaft, Weinanbaugebiet, Sprachraum, Tourismusgebiet – all das passt unter das Dach. Bis heute verbänden die Menschen in der Region Positives damit. Nie sei das "Markgräflerland" ein eindeutiger Begriff gewesen, so Merk – und sei vielleicht deshalb so stark und identitätsstiftend.